Wein: Der neue Gin?

Party auf der Dachterrasse

Chardonnay, Riesling oder doch lieber einen guten Merlot? Wem jetzt schon die Haare zu Berge stehen und Schweißtropfen den Nacken herabrinnen vor Stress, der ist hier genau richtig! Wann hat unsere Generation eigentlich begonnen, Wein nach Anbaugebiet und nicht mehr nach Alkoholgehalt auszuwählen. Ein Guide für Hilflose, Unentschlossene und Neulinge.  

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an den Sommer vor zwei Jahren. Wir saßen mit ein paar Freunden auf einem Balkon im Kölner Süden, der Grill war an, es roch nach Würstchen und Sonnencreme und irgendwann stellte der Hausherr die Frage der Fragen. „Was wollt ihr denn noch trinken? Ich hab ziemlich guten Gin da.“ In Windeseile entbrannte eine zweistündige Diskussion über die durchsichtige Spirituose. Wo soll Zitrone rein und wo nicht? Welcher Gin geht mit welchem Tonic? Gehört in Hendricks Gurke? Und wenn ja, warum eigentlich?

Ich wünschte mir an diesem Abend wirklich sehnlichst ein Diktiergerät oder zumindest Stift und Papier. Denn es gab nicht nur unglaublich viel zu lernen, sondern es wurde auch einiges an fragwürdigem Halbwissen mit einer beachtlichen Inbrunst vorgetragen.

Verstohlen hielt ich mich an meinem Glas fest und lauschte staunend. Ich wusste, dass ich Tanqueray 10 mochte und dass ich irgendwo mal eine interessante Kombi mit Blutorange getrunken hatte. An den meisten Abenden mit Freundinnen in Bars beschränkte ich mich auf die Empfehlung des kompetent aussehenden Kellners, das war’s. Doch dort, auf dem Balkon, fiel mir plötzlich auf, dass Gin scheinbar mindestens so heiß diskutiert wurde, wie die Wahlentscheidung oder das neueste Frank-Ocean-Album.

In den folgenden Wochen fragte ich also genauer nach.

Ließ mir die Unterschiede zwischen French, Sloe und London erklären, probierte verschiedene Tonics aus und lieferte mir heiße Diskussionen mit meinem Lieblingsbartender, der meine Argumente nicht so ganz gelten lassen wollte. „Mag ich aber nicht!“ Gab’s nicht.

Nach einem halben Jahr fühlte ich mich sicher genug. Dann kam der Lockdown und mit ihm die Schließung der Bars. Fortan traf ich mich eher mit Freundinnen zu entspannten Abendessen und eine neue Liebe schlich sich in mein Leben. Denn da keine von uns irgendwelche Skills im Mixen von Cocktails vorweisen konnte, nahmen wir uns der Weinthematik an. Natürlich hatten wir davor schon gerne das ein oder andere Gläschen getrunken. Doch auch hier ging mein Wissen kaum über: „Weiß zu Fisch, rot zu Fleisch“ hinaus und mehr als „Schmeckt mir“, konnte ich auf die Frage, wie der Wein denn sei, selten antworten. Mir hätte das auch gereicht, doch da hatte ich meine Rechnung ohne meine Freundin Sara gemacht.

Denn sie entpuppte sich in den ersten Wochen der Pandemie als wahre Meisterköchin. Naja, und zu so einem 5-Gänge Menü gehörte einfach die passende Weinbegleitung. Wehe irgendjemand machte den vorsichtigen Vorschlag, man könne doch einfach ein und denselben Grauburgunder zu allen Gerichten trinken. Welch‘ Frevel! Ein Affront gegenüber der Mühe, die in das Steinpilzrisotto geflossen war!

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Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.