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Wie ist es eigentlich mit einem Millionär zusammen zu sein?

Wenn man sich liebt, spielt Geld keine Rolle. Aus Erfahrung weiß ich, dass das nicht stimmt.

Mein Ex-Freund war Millionär. Ich selbst hatte damals knapp 700 CHF auf meinem Konto. Manche sagen, Geld spielt keine Rolle, wenn man sich liebt. Aus Erfahrung weiss ich: Das ist Bullshit. Geld hat sehr wohl einen Einfluss auf eine Beziehung. Ich habe mir immer gewünscht, dass mein Freund auch so arm ist wie ich. Das hätte vieles einfacher gemacht.

 

Viele denken vermutlich, dass ich mir versehentlich einen Sugar Daddy geangelt habe, ganz dem Profil entsprechend: „älterer, gut betuchter Herr und 20-Jährige“. Ja, ich war Anfang 20. Aber er auch. Das Geld hatte er nicht selbst verdient, sondern geerbt. Sein Vater war ein sehr hoher Bankangestellter bei einer Schweizer Bank und hat den ganzen asiatischen Raum gemanagt. Bis er an Krebs gestorben ist. Und mein Ex-Freund erbte.

Zu Beginn unserer Beziehung machte ich mir darüber keine Sorgen. Im Gegenteil: Ich fand die unbekannte, kaufbare Welt, die ich plötzlich zu Gesicht bekam, aufregend. Es war schön, morgens aufzustehen und erstmal eine Runde im hauseigenen Pool zu schwimmen. Es war unterhaltsam, den in die Jahre gekommenen Concièrge zu grüßen und über den biederen Neujahrsapèro mit all den reichen Nachbarn zu scherzen. Und es war ein olfaktorischer Orgasmus, als ich zum ersten Mal zu einem richtigen Japaner ausgeführt wurde und gelernt habe, dass die wahre japanische Küche sehr wenig mit dem trockenen Kühltecken-Sushi zu tun hat, das es mittlerweile in jedem Supermarkt gibt.

 

Gekaufte Glückshormone

Zwar gab es bereits zu Beginn der Beziehung einige Erlebnisse, die mich etwas stutzig machten oder mir ein leicht ungutes Gefühl vermittelten, aber ich wollte die Zeichen damals noch nicht richtig lesen. Wollte offen sein für Neues und den Lifestyle-Unterschieden keine allzu große Bedeutung beimessen. Sonst hätte ich vielleicht bereits an diesem einen Sonntag im Frühling gemerkt, dass unsere Vorstellungen von einem perfekten freien Tag doch sehr unterschiedlich sind. Ich wollte meinen Freund mit einem Sonntagsprogramm überraschen. Der erste Programmpunkt war brunchen in einem Restaurant, indem die Stühle mit rotem Samt bezogen waren. Soweit so gut. Als nächstes schwebte mir vor, ihn mit meiner Stadt vertrauter zu machen und gemeinsam mit der Kamera durch die Straßen zu ziehen um die schönsten Ecken abzuknipsen. Er versteckte seine mässige Begeisterung diplomatisch hinter einem Alternativvorschlag: Warum fahren wir nicht einfach mit seinem personalisierten, tiefergelegten Sport-Mini kurz mal ins Tessin, ins Valle Verzasca und lassen die Nebelsuppe zu Gunsten der Sonne hinter uns? Ich, leicht peinlich berührt wegen der Bescheidenheit meines eigenen Vorschlags, willigte schnell ein. Also fuhren wir. Und fuhren. 170 Kilometer Richtung Süden. Irgendwann kamen wir tatsächlich im sonnigen Tessin an, stolperten durch das verlassene 100-Seelen-Dorf Sonogno am Ende des Tales, kraxelten kurz ins Verzasca-Flussbett hinunter und schossen ein paar lächerliche Selfies. Wir waren der naiven Hoffnung erlegen, dass wir in diesem gottverlassenen Tal ein paar extra Glückshormone einsacken würden. Doch die Jagd nach den Endorphinen blieb zumindest für mich erfolglos, denn spätestens auf der Rückfahrt wurde mir bewusst, wie unnachhaltig und egoistisch dieser Sonntagsausflug gewesen ist. Und das alles nur, weil wir es eben konnten; weil wir eben das Geld dazu hatten, mal kurz ins Tessin runterzuballern. Dass wir auf der Rückfahrt stundenlang im Stau stecken blieben, schien mir wie ein gerechter Lohn für unseren Frevel.

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