Wie kommt Mann aus einer gewalttätigen Beziehung raus?

Für einen jungen Mann sind offizielle Anlaufstellen wie deine meist weit weg, das schreckt bestimmt ab. Fehlen da Ansprechpartner im nahen Umfeld?

Die fehlen total. Es gibt sechs Angebote in ganz Deutschland, die sich darum kümmern: In Oldenburg, Stuttgart, Leipzig, Dresden, München und Plauen. Sechs Angebote, Bundesländer haben wir fast dreimal so viele. Unser Ziel ist, dass irgendwann in jedem Bundesland zwei bis drei Angebote existieren. Cool wäre, wenn Schulen noch aufmerksamer und offener werden und Angebote schaffen. Wichtig ist auch, dass das Elternhaus sensibler reagiert. Gerade Jungs werden immer noch so erzogen: Man weint nicht, wehr dich doch. Eigentlich sollte heute, im 21. Jahrhundert, wo wir über das dritte Geschlecht und Gendersternchen reden, das Selbstverständnis sein: Jeder Mensch hat das Recht auf Schutz vor Gewalt. Aber das ist, im Hinblick auf Jungen und Männer, noch nicht der Fall. Das Umfeld sollte sensibel sein, dann fällt es auch den Betroffenen leichter. Wenn sie es ansprechen, werden sie oft noch belächelt. Da hilft nur Aufklärung, und die kann nicht früh genug anfangen.

Wie sieht es denn mit der Aufklärung bei Jugendlichen aus? Wie stehen die aus deiner Sicht zu dem Thema?

Wir fragen in Schulen: Wo geht für euch Gewalt los? Und das ist ganz interessant, was die Schüler antworten. Bei den einen ist es das Typische: Schläge. Bei den anderen geht es schon los, wenn der Papa mit seinen Jungs zum Fußball will und Mama es verbietet. Das ist ganz unterschiedlich. Aber tendenziell haben junge Menschen mittlerweile schon ein sehr ausgeprägtes Gespür dafür, dass schon einfache Unterdrückungen Gewalt sein können. Da ist die Akzeptanz viel höher als bei Erwachsenen.

Bei Gewalt gegen Frauen, könnte man meinen, herrscht schon ein relativ allgemeines Verständnis, wo Gewalt beginnt. Ist es ein Problem, dass es gegen Männer scheinbar nicht so klar definiert ist?

Die plumpe Definition, die man schon als Kind beigebracht kriegt, Gewalt sei physischer Natur, beißt sich mit der tatsächlichen Erscheinungsform von Gewalt im Alltag. Die ist wesentlich vielfältiger. Eine über Jahre andauernde psychische Unterdrückung tut oft viel mehr weh. Und treibt leider viel mehr Menschen in Depressionen und Suizid, als wenn man Zuhause einen draufkriegt. Klingt komisch, ist aber so. Das ist dieses verschobene Bild, von dem wir ausgehen. Und das ist ein Problem, weil das klein geredet wird.

Wie kann man helfen, wenn man den Verdacht hat, jemand aus seinem nahen Umfeld macht so etwas durch?

Wichtig ist, niemandem Hilfe einzureden. Nach dem Motto: Komm, wir gehen jetzt zur Polizei, wir zeigen den jetzt an! Alles, was die Person macht, muss sie von sich aus, freiwillig machen. Wenn man wirklich glaubt, da ist jemand betroffen, hilft es wirklich sehr, dieser Person Sicherheit zu geben. Der Blick in die Augen, der Schlag auf die Schulter und das Signal: Ich lache dich nicht aus, ich nehme dich ernst. Wenn Betroffene das Gefühl haben, das Umfeld geht damit souverän und offen um, dann kommen sie von selbst. Meistens ist der größte Wunsch eines jeden Betroffenen, dass man ihn versteht. Mädels haben es da oft leichter, die teilen sich eher mit. Jungs haben oft das Gefühl, dass es ihnen noch viel schlechter geht, wenn sie Schwäche zeigen.

Glaubst du aus heutiger Sicht, dass deine Erfahrungen und dein Engagement dich auch stark gemacht haben?

Mit 37 Jahren habe ich bis heute keinen Tropfen Alkohol getrunken, keine Zigarette geraucht, keine Drogen probiert. Das Einzige waren zwei Suizidversuche während der Ehe. Ich bin stolz, dass ich auf beiden Beinen stehe und sagen kann: Ich gehe offen damit um. Was ich nicht von mir behaupten kann, was aber viele denken: Dass mir so etwas im Leben nicht mehr passieren wird. Dass ich ab sofort eine Glaskugel im Kopf habe und manipulative Menschen erkenne. Ich glaube, dass ich jederzeit wieder in so eine Situation hereinrutschen könnte. Aber man geht gestärkt raus, wenn man weiß: Offen drüber zu reden und anzupacken, das hilft. Und dem Männerschutz ein Gesicht zu geben.

 

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Bildquelle: privat, Titelbild: LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V.