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Wieso wir uns immer in Arschlöcher verlieben

Vielleicht suchen wir uns gar nicht die falschen Menschen aus, sondern sabotieren unsere Beziehungen selbst.

Du ahnst es. In dem Moment, in dem deine Freundin so zielstrebig wie zärtlich den Hals von Wein- und Wodkaflasche streichelt und hohle Enttäuschung hervorblitzt unter ihren sorgfältig getuschten Wimpern, weil Frauen schließlich nur in Filmen tagelang heulen, wenn sie verlassen wurden, tatsächlich ist die Wut meist viel zu drängend; in diesem Moment also ahnst du, was ihre nächsten Worte sein werden. Und falls sie sie nicht ausspricht, wirst du es ihr zuliebe tun: „Er ist ein Arschloch!“

„Echt, so ein Arsch“, fällt sie dann erleichtert ein. „Wieder so eine Arschlochgeschichte. Wieso stehen wir bloß immer auf die Arschlöcher?“ Dann wird das Wort Arschloch noch einige Dutzend Male in den verschiedensten Ausführungen herumgereicht, und am Ende einigt ihr euch wütend und betrunken darauf, dass er wirklich ein totaler Vollarsch ist und dann geht jeder nach Hause und weint sich in den Schlaf, weil wir uns jawohl immer nur die Arschlöcher aussuchen.

 

Es gab so viele Stühle wie Kinder, aber genau einen weniger/

 

Die folgenden Überlegungen beziehen sich keinesfalls nur auf weibliche Opfer und männliche Arschlöcher (dort werden sie nur am häufigsten ausdiskutiert). Es kann genauso gut umgekehrt sein, und es kann in einer homo- oder bisexuellen, pan- oder asexuellen, Transgender- oder offenen Beziehung entsprechende Verteilungen geben. Denn die Annahme ist folgende: In jeder scheiternden Liebe gibt es meist einen Schwächeren und einen Stärkeren. Letzterer ist das Arschloch.

Die Liebe ist ein Spiel, und zwar eine grausame Reise nach Jerusalem, wie sie Roland Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe schildert: „[E]s gab so viele Stühle wie Kinder, aber genau einen weniger; während die Kinder sich im Tanz drehten, spielte eine Dame Klavier; wenn sie innehielt, stürzte sich jedes Kind auf einen Stuhl und setzte sich, ausgenommen das am wenigsten geschickte, brutale, glückliche, das stehen blieb, dumm, überzählig: der Liebende.“

 

Während die Kinder sich im Tanz drehten, spielte eine Dame Klavier/

 

Denn irgendwann, in einem klaren Moment zwischen Arschloch Nr. 41 und Arschloch Nr. 42, hat man diesen Gedanken. Sind vierzig Arschlöcher nicht irgendwie ein paar zu viel, um als kompletter Zufall oder Laune des Schicksals durchzugehen? Und dann stellt man sich einem unangenehmen Muster in seiner Vergangenheit: Wer später über Coldplay und Frittiertem kollektiv als unsensibles Arschloch zerrissen wird, war ja am Anfang schlichtweg unabhängig und faszinierend. Ein gewisses Selbstbewusstsein wirkt vielleicht gerade so attraktiv, weil die Liebe einen stärker machen soll – ein devoter Schlappschwanz bricht dieses Versprechen schon im Voraus.

Ein Macho dagegen (ist ein weiblicher Macho eigentlich eine Maschine?) impliziert durch sein Auftreten, dass er es sich erlauben kann. Denn wie wir jemanden wahrnehmen, hängt auch davon ab, wie begehrenswert ihn andere finden. Roland Barthes, der in seinem Werk Fragmente einer Sprache der Liebe den Begriff der Liebe und die damit einhergehenden, uns so unverständlichen (Sprach)-Vorgänge dekonstruierte, erklärt das so: „Das geliebte Wesen wird begehrt, weil ein anderer oder andere dem Subjekt gezeigt haben, daß es begehrenswert ist: so spezifisch es auch sein mag, entzündet sich das liebende Verlangen doch durch Induktion.“ Übersetzt heißt das: Wir denken, wenn andere den toll finden, muss da ja was dran sein – weshalb Vergebene auch immer etwas anziehender wirken als zu der Zeit, als sie noch Single waren. Eine perfide Sehnsucht mit dem Titel „Wollen, was wir nicht haben können“: Haben wir die Wahl zwischen zwei Menschen, einer bemüht sich reizend um uns, der andere behandelt uns wie Dreck – man muss kein Masochist sein, um zu ahnen, wen wir interessanter finden. Artverwandt ist dies auch mit dem Kleeblatt-Prinzip: Der Wert der meisten Dinge misst sich an ihrer Seltenheit. Und wenn sich jemand fast nie meldet, macht es die Momente, in denen dann was kommt, nur umso erfüllender.

 

Wenn sie innehielt, stürzte sich jedes Kind auf einen Stuhl und setzte sich/

 

Barthes konstatiert: „[K]eine Liebe ist originell“. Knallhart und theoretisch kann man die Sprache der Liebe zerpflücken, bis sie in die immer gleichen Atome zerfällt. Und genauso wird mit zunächst „falschen“ Menschen verfahren, hinter deren rauer Schale man immer eine verlorene Seele vermutet, die man unbedingt freilegen will: „Ich dachte, ich könnte ihn/sie brechen“. Undurchdringliche Typen, die nicht gleich alle Karten auf den Tisch legen, dunkel wirken und stark in jedem Kontext außer dem der Gefühle, solche Typen sind es, die einen faszinieren und die man, gleichwohl sie nicht immer danach verlangen, retten will. Wir wollen den Anderen nicht mehr bloß dechiffrieren, sondern komplett umschreiben.

Aber es gibt kein typisches Arschlochschema, kein Abziehbild eines Hell’s Angels mit Piercings und einem Strafregister bis nach Kasachstan. Das Arschloch kann sich in seiner Freizeit um Senioren oder verwaiste Hundebabys kümmern und in der Liebe SMS des Schwächeren ignorieren. Womit wir wieder am Anfang der Argumentation wären: Das Arschloch ist nicht per se ein Arschloch, sondern oft einfach nur der Stärkere; und zwar nicht in jeder Beziehung, sondern konkret in dieser. Ihm ist das Ganze vielleicht einfach nicht so wichtig, und bloße Nachlässigkeit erscheint im harten Kontrast der verzweifelten Liebe, die ihm das Subjekt entgegenwirft, wie Ablehnung. Dass sich viele zu Arschlöchern hingezogen fühlen, körperlich und meist oberflächlich, ist eine Problematik. Aber dass wir uns immer in Arschlöcher verlieben, ist – schmerzhafterweise – vor allem Eines: Illusion.

 

Ausgenommen das am wenigsten geschickte, brutale, glückliche, das stehen blieb, dumm, überzählig: der Liebende.

 

Shakespeare und Disney haben uns ein ganzes Leben lang eingeimpft, dass Liebe schwer sein muss. Für Fehler in unserem System sind wir aber blind, denn wir lieben und wollen doch. Es muss also am Außen, am Anderen liegen. Roland Barthes beschreibt das in dem Kapitel „Dämonen“, das mit dem Titel „Wir sind unsere eigenen Teufel“ überschrieben ist: „Ich versuche mir wehzutun, ich vertreibe mich selbst aus meinem Paradies, indem ich mich bemühe, in mir die Bilder (der Eifersucht, des Verlassenwerdens, der Demütigung) wachzurufen, die mich verletzen können; und die offene Wunde schüre ich, tränke ich mit anderen Bildern, bis eine neue Wunde mir Ablenkung verschafft“.

Und dann konstruieren wir also Hindernisse, falls eine Geschichte zu glatt läuft und damit der tragischen Liebesgeschichte auch wirklich nichts dazwischenkommt, suchen wir uns vorsorglich einen beziehungsunfähigen Gefühlsasketen, dem wir fortan jeden unserer Gedanken widmen und den wir dann dafür verantwortlich machen können, wenn es am Ende – wieder – nicht klappt. Verzweifelt und auf perverse Art irgendwie bestätigt greifen wir mit trüben Augen nach klarem Alkohol und zermalmen die Geschehnisse, „ich höre nicht auf, mich in Gedanken an den Andern, im Verlangen nach ihm, in der Sehnsucht, in der Aggression ihm gegenüber zu ereifern“, schreibt Barthes. Und wir? Machen eine neue Flasche auf und trinken auf all die Arschlöcher, die uns umgeben – und unsere Unfähigkeit zu erkennen, dass wir für Andere selbst welche sind.

 

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Bildquelle: Franca Gimenez unter cc by-nd 2.0

 

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