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Was bleibt wirklich übrig im Geldbeutel einer Hure?

Prostitution – Dienstleistung wie jede andere? Was verdient man eigentlich so im horizontalen Gewerbe?

Man hat mit einer Person geschlafen. Für Geld. Ein Austausch also, von Leistung und Gegenleistung, wie er tagtäglich in allen möglichen Arten von Transaktionen vollzogen wird. Und dennoch unterscheidet sich die Prostitutionszunft deutlich vom übrigen Dienstleistungssektor. Die Wirtschaftlichkeit eines Produktes oder einer Dienstleistung errechnet sich laut einschlägiger Lehrliteratur der Betriebswirtschaft wie folgt:
Wirtschaftlichkeit [in %] = Leistung (Ertrag) / Kosten (Aufwand) x 100
An alle überambitionierten BWL-Studenten, die nun den erhobenen Zeigefinger gen Himmel recken: Natürlich sind hier noch weitere Faktoren zu berücksichtigen, doch liegt diese Ausgangsformel der folgenden Betrachtung des Prostitutionsgewerbes zugrunde.

 

Legalisierte Obszönität

 

Die Geschichte der Prostitution ist so alt wie die Menschheit selbst – manifestiert in der Mär vom ältesten Gewerbe der Welt. Doch entgegen anderer, ebenso ursprünglicher Wirtschaftsbereiche, kommt das Geschäft mit der Lust nie aus der Mode. Das Rotlichtmilieu ist mittlerweile zum medien- und salonfähigen Thema geworden. Die Geschichte der vier Prostituierten, die sich erfolgreich gegen ein Verbot ihres Geschäftes in Friedrichshafen zur Wehr setzten, ging durch sämtliche Tageszeitungen. Wie häufig Aufsichtsratssitzungen um die Gesellschaft von jungen Damen aus der horizontalen Branche bereichert werden, ist zwar schon lange kein Geheimnis mehr, sorgt aber dennoch zuverlässig für Aufsehen. Weshalb haftet der Prostitution trotz ihrer Allgegenwärtigkeit nach wie vor der Ruf des Obszönen an?
Denn im Gegensatz zu Straftaten wie Drogenproduktion, Drogenhandel oder Zigarettenschmuggel, ist Prostitution in Deutschland grundsätzlich legal. Vorausgesetzt es handelt sich hierbei um die freiwillige Ausübung durch Erwachsene.

 

Die Ökonomie der Geilheit

 

Rein wirtschaftlich betrachtet ist das „Geschäft mit der Liebe“ nur mittelmäßig lukrativ: Geschätzt prostituieren sich in Deutschland etwa 400.000 Menschen. Obwohl die Dunkelziffer vermutlich sehr viel höher ist, hat sich diese Zahl in den vergangenen Jahren so etabliert, dass selbst das Statistische Bundesamt seinen Kalkulationen diese Zahl zugrunde legt. Dabei lässt sich diese Gesamtsumme auf folgende Kategorien herunterbrechen: 89.500 Anschaffende in Bordellen, 71.600 Menschen prostituieren sich auf dem Straßenstrich, Hostessendienste im Sinne des Callgirl- bzw. Callboy-Angebots beschäftigen 60.000 Menschen. Die übrigen knapp 180.000 Personen sind Angestellte in diversen Einrichtungen wie Telefonsex-Hotlines, Table Dance Bars oder Hotels mit entsprechenden Zusatzleistungen. Der geschätzte Umsatz dieser Branche beträgt jährlich rund 14,6 Milliarden Euro. Um den pulsierenden Blutdruck aller Wirtschaftswissenschaftler gleich wieder zu senken: Ja, hierbei handelt es sich um den reinen Umsatz, nicht um die Wertschöpfung. Um diese zu berechnen, muss, wie einleitend aufgeführt, noch der finanzielle Aufwand berücksichtigt werden. Neben den naheliegenden Ausgaben für Dinge wie Kleidung, Verhütungsmittel und Miete, fallen nicht selten weitere Kosten für Schutzgeldzahlungen oder Anzeigen an. Das Statistische Bundesamt setzt hier Gesamtausgaben von 7,3 Milliarden Euro an, also 50% des Umsatzes.

 

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage

 

Was bedeutet das aber für den Geldbeutel eines jeden einzelnen Anschaffenden?
Wie in jedem Geschäftszweig, bestimmt die Nachfrage den Preis. Und wie in jedem Geschäftszweig, hat der Standort maßgeblichen Einfluss auf den Umsatz einer/eines Prostituierten. So wirbt ein „traditionsreiches“ Münchner Bordell auf seiner Homepage damit, dass die Damen Leistung und Preise mit jedem Kunden individuell vereinbaren. Das ist jedoch ganz klar von den Zuständen im Bereich der Zwangs- und Armutsprostitution zu trennen. Denn hier, so Elvira Niesner von der Beratungsorganisation Frauenrecht ist Menschenrecht (FIM) gegenüber der Frankfurter Neuen Presse, sind „15€ für alles keine Seltenheit“.
Den Durchschnitts-„Kontaktpreis“ im Bordell setzt des Statistische Bundesamt bei 50€ an. Ein unbekannter Festsatz hiervon geht an das Haus. Vom Restbetrag sind Steuern sowie Sonderbesteuerungen abzuführen, über welche das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, kurz bufas e.V., aufklärt. Großzügig kalkuliert, bleiben im Durschnitt pro Kunde also ca. 15€ bei der anschaffenden Person. Dies ist jedoch keinesfalls einem Stundensatz gleichzusetzen. Zunehmende Konkurrenz, also steigendes Angebot, hat Einfluss auf die Nachfrage beim einzelnen Anbieter, der dies über Preisanpassungen auszugleichen versucht.

 

Unkalkulierbarer Mehraufwand

 

Bis hierhin lassen sich die gängigen Theorien der Wirtschaftswissenschaften noch unverändert anbringen. In der Kalkulation bislang aber unbeachtet bleiben die psychischen und nicht zuletzt körperlichen Aufwendungen, die dieses Gewerbe mit sich bringt. Jedem Menschenrechtler steht es frei, an dieser Stelle die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen: Prostitution losgelöst von psychischen und physischen Opfern zu betrachten, ist verdammt kurzsichtig. Und vermutlich ist es dieser Faktor, der das Gewerbe von allen anderen Dienstleistern unterscheidet und der Prostitution als riesigem Wirtschaftsbereich eine Sonderrolle einräumt. Dieser Sonderrolle wiederum ist es wohl geschuldet, dass das Gewerbe – im Gegensatz zu vielen anderen – auch ohne große Marketing- und Werbebudgets nach wie vor existiert und voraussichtlich auch noch lange Zeit wachsen wird.

 

 

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Bildquelle: unsplash.com unter CC0-Lizenz

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