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Warum wir in Mehrgenerationen-WGs so viel lernen können

Alice ist mit 19 in eine WG mit den 53-jährigen Klaus und Franz gezogen. Was hat sie daraus gelernt?

Von Lennart Zech

Was ist das Leben? Eine Suche nach Erkenntnissen. Diese Erkenntnisse in allen Lebensbereichen lassen sich wiederum überall finden. Im Studium, in Filmen, in Musik und in Gesprächen. Gerade Gespräche mit älteren, wenn nicht sogar weiseren, Menschen werfen oft ein anderes Licht auf die eigenen Weltansichten. Dies liegt natürlich an der umfassenderen Lebenserfahrung älterer Mitmenschen.

Allein schon durch das Durchleben mehrerer politischer Perioden können sich Einstellungen und Meinung verfestigen, welche dann schwierig veränderbar sind. Diese Ansichten müssen nicht zwangsläufig richtig sein, sondern einfach bereichernd für die jüngere Generation. Wobei – richtig und falsch ist sowieso schwer auszumachen. Aber: Bereichernd sind diese Ansichten immer dann, wenn sie eine andere Perspektive einnehmen und somit anders sind. Sie beleuchten Dinge, welche man auf der Suche nach Erkenntnissen so noch nicht gesehen hat.

Durch meine Wohnungs-Notlage hatte ich gar nicht viel Zeit zum Nachdenken

Eine gute und interessante Art dieses erkenntnisreichen Erwachens kann zum Beispiel eine Wohngemeinschaft mit deutlich älteren Mitbewohnern sein. Was passiert also, wenn eine 23-Jährige mit zwei 57-Jährigen zusammenwohnt. Kann das ausnahmslos gut gehen oder kommt es zu generationsbedingten Konflikten?

Alice zum Beispiel: Bereits vor vier Jahren, nach ihrem Abitur, zog sie zu Franz und Klaus mit in die WG. Die beiden waren damals 53. „Es hätte auch schief gehen können. Durch meine Wohnungs-Notlage hatte ich gar nicht viel Zeit zum Nachdenken. Das war auch gut so“, sagt Alice. So stürzte sich Alice Hals über Kopf in das Abenteuer Mehrgenerationen-WG. Mit ihren 19 Jahren und neu in der Großstadt war es von großem Vorteil, mit zwei lebens- und München erfahrenen Männer zusammenzuleben.

Etwas andere Gesprächsthemen

„Gerade durch das nichtfamiliäre, freundschaftliche Verhältnis konnte ich einen neuen kommunikativen Zugang zu der älteren Generation finden“, sagt Alice. Dies liegt hauptsächlich daran, dass Klaus und Franz keine Lehrer, Dozenten oder Vorgesetzten sind, sondern einfach Freunde. Nachdem Alice dann drei Jahre studierte, zog es sie wieder nach München. Da bot es sich an, wieder zu Klaus und Franz zu ziehen. Klaus sagt, dass Alice durch das Studium viel offener geworden ist. Und natürlich auch reicher an Erkenntnissen. Nun, drei Jahre später ergeben sich am Frühstückstisch automatisch angeregte Unterhaltungen.

Das ist natürlich nichts Besonderes. Doch wo sonst Partys, Aufreißgeschichten, Prüfungsstress und andere junge Themen die Gespräche dominieren, geht es nun viel mehr um Nachhaltigkeit, das weltpolitische Geschehen, die selbst durchlebte Geschichte, Tod und Liebe.

Es gibt keine Hierarchie

Doch kommt es durch die verschiedenen Ansichten der Generationen nicht zu Problemen? „Eher selten“, sagt Alice. Denn die Mitbewohner sind, auch wenn sie älter sind, in keinster Weise ihre Erziehungsberechtigten. So ist Alice, im Vergleich zum Daheimwohnen, keinem Rechenschaft schuldig, wenn sie mal keine Lust hat, sich zu unterhalten oder gemeinsam Abendbrot zu essen. Es gibt keine Hierarchie. Alter ist in dem Fall nicht mehr relevant.

Eine andere Art des Zusammenwohnens ist die sogenannte Mehrgenerationen-WG. Der Hintergrund dabei ist jedoch der, dass pflegebedürftige Senioren mit Stundenden zusammenwohnen, und sich so Arbeit abnehmen lassen. Je nach Abmachung kann die Miete dann mit Leistungen bezahlt werden. In der Regel sind im Monat dann eine Stunde Haus- oder Gartenarbeit für einen Quadratmeter zu entrichten. Das ist im Endeffekt gut. Nicht nur für den nicht mehr so agilen Rentner, sondern auch für den meistens nicht so flüssigen Studenten.

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Bildquelle: Lilit Matevosyan unter CC by 2.0

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