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Zum Heiland mit Roosevelt: „Songs schreiben ist etwas Manisches“

Wir haben mit Marius Lauber, dem Kopf hinter Roosevelt, über die guten alten Indie-Zeiten und seine vielversprechende Zukunft gesprochen.

Wir treffen Marius Lauber aka Roosevelt im Café Kosmos am Münchner Hauptbahnhof, zufällig sowieso die Stammbar der ZEITjUNG-Redaktion. Heimspiel also. Als wir die enge Wendeltreppe in Richtung Interview hochsteigen, wird uns noch ein „Aber nicht randalieren!“ vom Barpersonal hinterhergerufen. Wenn die wüssten… Oben treffen wir einen entspannten jungen Mann, der erleichtert scheint, dass wir nicht wie bei den Radiointerviews, die er am Morgen schon gegeben hat, jedes Wort auf die goldene Interview-Waage legen werden. „Ähs und Ehms“ gehören bei uns zum guten Ton. 

Marius schenkt uns den Heiland ein, den er von irgendwoher zu kennen scheint und der mit 23 Prozent für ihn als leichtes Getränk durchgeht. Der Mann gefällt uns! Wir geizen nicht mit dem feinen Tröpfchen und ganz schnell sind wir schon im Gespräch mit Marius, der angetan ist vom Doppelbockliqueur: „Sobald es süß ist, bin ich dabei!“. 

ZEITjUNG: Wir haben immer große Angst auf trockene Alkoholiker zu treffen! Bei dir scheinen wir Glück zu haben!

Marius Lauber: Nein, alles noch im Rahmen, manchmal nimmt es Züge an, aber passt!

Du hast 2013 ja schon mal mit ZEITjUNG gesprochen…

Ja, ich erinnere mich: Das war damals auf dem Dockville und es ging viel um meinen Instagram Account!

Sehr richtig! Und um diese App Vine, die es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt.

Ja, die hat’s irgendwie nicht geschafft! Bei mir auch nicht. Ich weiß noch, damals kam ich gerade von der Tour mit TEED und der war sehr gut im „vinen“. Ich hab versucht, das auch zu machen, aber meine Motivation war dann schnell weg.

Es ging dann auch noch so ein bisschen um soziale Medien und ob sie es schaffen werden…

Ja, ja dieses Internet und ob es sich durchsetzt! So war das damals, 2013!

Was hat sich seitdem getan? Wie läuft es?

Na, das erste wo ich dran denken muss ist, dass wir bei Roosevelt zu zweit waren. Ich hab jetzt noch einen festen Schlagzeuger. Ansonsten nicht allzu viel. Ich hab zwar jetzt dieses Album gemacht, aber irgendwie fühlt sich das auch nicht anders an, als die Entstehungsphase zur letzten EP. Waren halt einfach mehr Stücke und ich hab ein Intro gemacht, aber eigentlich hab ich das weitergemacht, was ich damals gemacht habe. Ich bin vielleicht ein bisschen mutiger geworden und hab den Hall auf meiner Stimme ein bisschen runter gedreht und mich zum ersten Mal getraut eine Hook zu schreiben. Das war glaub ich damals noch so ein bisschen mehr Loop-basiert und besteht jetzt irgendwie mehr aus Songs. Die kann man jetzt vielleicht auch im Radio spielen. Das merke ich gerade… Die ganzen Radiosender haben wir eben schon abgefrühstückt. Wir waren sogar bei Charivari. Was ist das hier eigentlich für ein Sender? Ich kenne das gar nicht.

Eher so wie Energy oder Arabella. Privat, oder?

Ja, das war so ein bisschen komisch, so ein kleines Büro in einem Wohnhaus. Sonst geht’s halt immer an so eine Pforte und so. Und bei denen war das der 3. Stock in einem Wohnhaus. Also es war jetzt nicht schmuddelig oder so.

Aber schon so ’n bisschen? 

(lacht) Ja, schon so ’n bisschen.

Die Stimmung ist jetzt endgültig heiter. Beim Thema Schmuddelig erzählt Marius uns auch gleich von seinem Fauxpas, davon auszugehen, dass die Steckdosen in einem hippen, unrenovierten Café wie dem Kosmos zu benutzen wären:

Mir gehen ja unrenovierte Cafes immer so ein bisschen auf die Nerven. „Ja, ne lass uns das mal lieber nicht renovieren! Sieht ja irgendwie geil aus.“ Und dann hier eben auch so: Strom? Laptop? Ja, funktioniert halt nicht. Da hab‘ ich mich mal wieder bisschen aufgeregt.

Wenn du drei Personen für dein neues Album danken könntest –  wer wäre es?

Ich glaube Joe von Hot Chip. Der hat angestoßen, dass ich überhaupt angefangen habe in „Releasen“ zu denken.

Kennt man sich dann auch wirklich?

Ja, also Joe ist da jetzt nicht wirklich den ganzen Tag am Mails checken und Rumtelefonieren. Der hat nur irgendwann die Idee gehabt, dieses Label zu gründen und hat da jetzt andere Leute, die sich ums Label kümmern. Aber ja, man kennt sich auf jeden Fall. Ich war mit Hot Chip in Europa auf Tour und auch drei, vier Mal bei ihnen im Studio. Er hat mir bei ein paar Tracks geholfen, gerade so am Anfang. Und er und das ganze Greco-Roman Label waren am Anfang auch so die, die mich gefragt haben „Kannst du dir eigentlich vorstellen, irgendwann eine EP zu machen oder so?“.

Dann ist Tobias Thomas noch so einer, in Köln. Der hat mein allererstes Konzert gebucht. Der hat früher die c/o pop gemacht und ich war da Praktikant und daher kenne ich den. Jetzt arbeitet der wieder bei Kompakt und dem hab ich irgendwann meine Demos gezeigt und er mich hat gefragt ob ich nicht mal Lust habe im Stadtgarten ein Konzert zu spielen. Ohne den hätte ich wahrscheinlich gar nicht dran gedacht das mal als Band zu machen. Er hat mir von Anfang an gesagt „Das ist total super, was du machst!“. Ich glaube das war wichtig. Und dem dank‘ ich nicht so oft, deswegen will ich das hier mal machen: „Hallo Tobi, vielen Dank“

Dann noch Coma: Das sind zwei Produzenten aus Köln, die haben mich in ihr Studio reingeholt und mir so ein bisschen gezeigt wie man produziert, ich hab denen dann oft über die Schulter geschaut, obwohl die anders produzieren als ich, hab dann aber gesehen „Achso, das Mikro stellt man so vor die Snare und eine Gitarre schließt man dann da rein und so“. Also so Basics. Die haben mich dann echt für so fünfzig Euro Miete im Monat da rein gelassen und mir das ein bisschen gezeigt. Im Nachhinein: Hätten die echt nicht machen müssen. Die haben so von Anfang an an mich geglaubt. Ja, das sind drei, ne?

Ja, das waren drei. Danke! Lass und über deine Heimat Viersen und deinen Wohnort Köln reden.

Köln war schon immer die Stadt in die ich hingefahren bin für Konzerte und so.

So mit 15, 16?

Schon vorher: ich glaub auf Konzerte schon so mit 13, 14!

Was war dein erstes Konzert?

Ich weiß noch, als ich zu Justice gegangen bin, das war so 2006 oder so. Die hatten da diese riesigen Gitarrentürme, obwohl die in der Mitte aufgelegt haben und diese krasse Lichtshow. Das war vielleicht so ein wichtiges Konzert und dann haben Foals und Friendly Fires mal zusammen in einem 200er Laden gespielt.

Beste Zeit!

Das waren die allerbesten Zeiten, ja! Das war aber schon so 2008 glaub ich. Davor… ich weiß nicht ob ihr Japandroids kennt, so ’ne rockigere Band aus Kanada. Da bin ich so zwei, drei mal hingefahren. Wer war denn dann das allererste? Ich glaub Arctic Monkeys, 2006.

Die ganze Indie-Sache ist jetzt so ein kleines Stichwort für uns…

Oh wei, oh wei, was kommt jetzt?

Bist du bereit?

Ich weiß nicht so ganz was mich erwartet, aber ja: Ab gehts!

Wir konfrontieren Marius mit einem Relikt aus seiner (und unserer) wilden Indie-Zeit: Ein Plakat, unterschrieben von allen ehemaligen Band-Kollegen seiner alten Band Beat!Beat!Beat! und oben drauf noch versehen mit den herzerwärmenden Worten „Für die hübschesten Mädchen Münchens wünsch‘ ich mir sehnlichst nur das Beste. Direkt aus 2010. Unterschrieben von allen, außer Marius. Er ahnt sofort, was wir uns wünschen…

Ich war immer der einzige, der nicht zum Merch ging damals. Das war dann bestimmt Moritz! Ich muss das mal eben fotografieren, wenn ich darf. Ne, das war dann immer das einzige, was ich nicht mitgemacht hab: Mit zum Merch gehen. Das war nicht so mein Ding.

Wir haben halt wirklich ’ne Weile überlegt, ob man es überhaupt bringen kann…

Sehr gut! Ja, das bringt viele Erinnerungen hoch, deswegen muss ich gerade immer drauf starren. Jetzt genauso teenagermäßig daneben geschrieben. Ja geil! Endlich! Das war dir aber auch all die Jahre wichtig, oder?

All die Jahre, ja! Danke, endlich ist alles gut. Zurück zum Thema: Dann hat Köln dich aber auch ziemlich beeinflusst, oder?

Ich würde gar nicht sagen, dass das gerade so ein „Sound of Cologne“ ist. Also so ein Sound, den ich versucht habe zu interpretieren. Das ist irgendwie schwer zu beschreiben, aber die allgemeine Herangehensweise in Köln gefällt mir. Dass die Grenzen zwischen verschiedenen Genres viel verschwommener sind. Alleine, dass ich bei Coma im Studio gelandet bin. Die machen ja eher so Techno-Kram und ich als Indie-Typ damals –  das zeigt ja schon, dass man viel näher aneinander ist. Dass die sich eben nicht den neuen, heißen Techno Produzenten geholt haben. Das war immer so in Köln.

Das ist wohl nicht überall so?

Das hat, glaube ich, hauptsächlich mit der Größe zu tun. In Berlin hatte ich so das Gefühl, dass einfach so Sachen nicht passieren würden. Als Techno-Produzent hat man halt nicht mit Bands zu tun. Man kann in Berlin glaub ich auch eine gute Musikszene finden, aber mir hat das in Köln immer gefallen, dass man so einen Überblick hat und weiß, was passiert und ja, auch dass sich Sachen vermischen.

Die ganze „Jeder-kennt-Jeden“ Sache stört dich nicht?

Die würde mich wahrscheinlich stören, wenn ich nicht so viel unterwegs wäre.

Und wie ist es mit der Kleinstadt Viersen, deiner Heimatstadt?

Irgendwie fühlt sich Köln gerade so an, wie Viersen sich früher angefühlt hat. Also das Verhältnis von Viersen zu Köln früher ist jetzt so bisschen wie Köln zu anderen großen Städten.

Eigentlich schön!

Ja, isoliert von ganz großen hippen Riesen-Städten zu leben, fand ich schon immer ganz gut. Dass man sich rauszieht. Um zu wissen, wie man selbst klingen will oder wie man selbst sein möchte, ist es wichtig, dass man nicht in so einem Trubel ist. Für mich zumindest. Ich kann das irgendwie nicht haben im Sommer in Berlin zu sein und jeder läuft herum wie auf einem Festival. Ich mag es total dort zu sein, aber ich mag es dann auch wieder nach Hause zu fahren. Da wohnen ja so super viele Freunde von mir und ich kann auch verstehen, dass man da Bock drauf hat, aber wenn man dann irgendwie etwas eingeschlagen hat, auch beruflich, und sich nicht treiben lassen will, kann es in Berlin schwer sein, daran festzuhalten.

Und was glaubst du, wie geht es von hier aus weiter?

Ich hoffe einfach, dass ich jetzt so einen Album-Rhythmus hinkriege. Die letzten drei Jahre waren eigentlich totales Chaos, ehrlich gesagt. Es hat funktioniert, aber ich bin ja nie so richtig zur Ruhe gekommen und konnte mich mal ein halbes Jahr auf ein Album konzentrieren. Obwohl ich jetzt immer sage, dass ich irgendwann ein Jahr am Album gearbeitet habe, war ich ja nie richtig weg. Das kann ganz schön krass sein, wenn du dann von einem Festival kommst und montags wieder im Studio sitzt und dich wieder konzentrieren musst.

Du hast ja auch noch eine ganze Tour dazwischen gemacht?

Ja, die ganze Zeit Touren und im Zweifel dann noch die Gitarren auspacken und neu einstellen, weil sie irgendwie rumgeworfen worden sind und alles was dazu gehört. Ich glaube, das wünsche ich mir mehr als jetzt nächste Woche bei irgendeinem Radio dann und dann zu laufen. Einfach nur, dass für mich da so ein Rhythmus reinkommt: Vielleicht noch bis Oktober nächsten Jahres Festival zu spielen und dann ein halbes Jahr ins Studio und ein Album machen!

Ich frag mich, wenn man wie du jetzt eine größere Masse erreicht, wenn es irgendwie kommerzieller wird, ob sich da die Sachen verändern und man noch sagen kann, man bleibt sich seiner Linie treu. Ist das schwierig?

Ja, also bei mir ist das ja auch passiert, aber ich würde das gar nicht negativ sehen. Das kann auf jeden Fall passieren. Ich kenne dieses Gefühl. Auch jetzt, wo ich kaum Zeit habe, um den ganzen Tag am Rechner zu sitzen, gibt es dann einen Flyer oder sowas, den dann meine Agentur machen muss, wo man sich dann denkt „Das sieht ja irgendwie auch kacke aus jetzt“. Solche Momente gibt es halt total oft.

Das hängt ja auch mit dem Abgeben von Verantwortung zusammen.

Ja genau, solche Momente gibt es dann schon. In dem Moment, wo du mehr Leute erreichen musst, brauchst du ja irgendwie ein größeres Team und da müssen auch Entscheidungen getroffen werden, hinter denen du nicht den ganzen Tag hängst. Das gehört dazu, aber ich finde bei meiner Musik hat mir das Spaß gemacht. Als ich gemerkt hab, Roosevelt ist jetzt mein Hauptding, habe ich für mich gemerkt: „Moment mal, dann kann ich das ja auch auf eine poppigere Art machen“. Das war für mich total motivierend, da jetzt so eine Platte zu machen und nicht so ein…

Nischending?

Ja, genau! Nicht so ein loopiges, samplebasiertes Produzenten-Ding draus zu machen, sondern eine Pop-Platte. Für mich ist das auch ganz klar Popmusik. Deswegen war das eher total befreiend.

Gegenüber Pitchfork hast du mal gesagt, dass Musik machen für dich Realitätsflucht ist.

Oh weh, das hab ich dann wohl mal irgendwann gesagt. Das klingt immer so dramatisch.

Wie viel Job und wie viel Realitätsflucht oder nennen wir es gute Zeit ist denn das Musik machen?

Ja genau, ’ne „Jute Zeit haben“ (in beeindruckendem Kölsch). Das meine ich wahrscheinlich eher damit. Aber dieses Arbeitsding, das hab ich jetzt beim Album gemerkt, gefällt mit total! Produzent und Songwriter in einem zu sein. Das Song-Schreiben ist etwas total Manisches bei mir. Das passiert oft nachts und zum Teil im Chaos und 1000 Instrumente liegen um mich herum. Das Produzieren ist etwas, was dann sehr nüchtern und mit einer Routine stattfindet.

Im Tageslicht?

Ja, so 10 bis 19 Uhr. Das ist ganz gut für mich, weil ich mich immer in eine andere Rolle begeben kann. Wenn mir das Produzieren irgendwann zu lahm wird, kann ich sagen „Ja ey, dann mach ich jetzt einen neuen Track!“ und dann bin ich die ganze Nacht im Studio und schreibe und wenn ich dann wieder mehr Ordnung in meinem Leben brauche, dann mische ich einen Remix ab. Es sind mehrere Zustände in die ich mich begeben kann und das gibt mir einen Ausgleich.

Vermisst du manchmal in einer Band zu sein?

Ja, auf jeden Fall! Also einfach auf ein Festival fahren, mein Schlagzeug aufbauen und spielen und dann sagen „Ja, das war’s!“. Also ohne Verantwortung, das vermisse ich total! Ich hab‘ letztens bei Coma bei zwei Konzerten Schlagzeug gespielt und das war Wahnsinn! Einfach nur Schlagzeug spielen! Du weißt halt was dein Job ist und danach ist Feierabend. Aber ich hab’s ja so gewollt.

Hat ja bestimmt auch alles seine Vor- und Nachteile?

Ja, wenn ich jetzt nur Drummer irgendwo wäre, würde ich sicher genauso jammern: „The grass is always greener on the other side“. Sind ja auch so krasse Luxusprobleme. Es kommen super oft Bands zu mir und sagen „Ich versuch‘ schon seit Jahren das und das zu machen“ und dann wird mir immer bewusst: Ich sollte mich nicht beschweren.

Was für ein schönes Schlusswort – damit lassen wir Marius Lauber mit einem angebrochenen Heiland („Ich hab ja auch ein bisschen Flugangst!“) im Café Kosmos zurück. Guter Typ! Das Album „Roosevelt“ ist am 19. August 2016 erschienen. 

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Bilder: Lotte Düx

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