Eine Welt ohne Männer? Wie das Y-Chromosom unsere Zukunft herausfordert
Stell dir nur einmal vor, dass die Grundlagen dessen, was Männer biologisch ausmacht – nämlich das Y-Chromosom – sich einfach auflöst. Eine provokante These, sicherlich. Aber ist das auch eine Sache der Unmöglichkeit? Aktuelle Forschungsergebnisse geben Anlass zu einer solchen Diskussion.
Was, wenn es heißt: Das Y-Chromosom, jener Teil unseres genetischen Codes, der maßgeblich über das männliche Geschlecht entscheidet, löst sich langsam auf. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie aus dem Jahr 2020, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Federführender Autor war Jason Wilson – heute Forschungsassistent an der University of Colorado, damals Graduate Teaching Assistant an der University of Missouri-Kansas.
Wilson fand folgendes heraus: Während das Y-Chromosom früher einmal 1.669 Gene mit dem X-Chromosom teilte, sind es heute nur noch 55. Es zersetzt sich also. Dieser Schwund wirft eine brisante Frage auf: Könnten Männer, wie wir sie heute kennen, eines Tages aussterben? Und wenn ja, was hieße das dann für die Menschheit?
Genetischer Schwund mit weitreichenden Folgen
Die menschlichen X- und Y-Chromosomen haben sich vor rund 180 Millionen Jahren gebildet – lange, bevor die ersten Menschen auf dem Planeten umherwanderten. Die beiden Geschlechtschromosomen bildeten sich aus einem Paar Autosomen heraus, von denen wir heute 44 haben.
Übrigens: Die Zahl an Chromosomen ist von Lebewesen zu Lebewesen unterschiedlich. Katzen haben insgesamt nur 38 Chromosomen, Hunde dagegen 78 – davon jeweils zwei Geschlechtschromosomen, X und Y. Andere Tiere wie etwa Vögel besitzen hingegen die Geschlechtschromosomen Z und W – die Natur ist deutlich chaotischer, als es sich der Mensch gerne vorstellt.
Vor 180 Millionen Jahren trat auch eine folgenschwere Veränderung ein: Teile des Y-Chromosoms kehrten sich um. Dies erschwert seither die genetische Kommunikation mit dem X-Chromosom. Diese Isolation führt dazu, dass das Y-Chromosom anfälliger für Mutationen ist und notwendige Korrekturen durch Austausch fehlen.
Diese Degeneration wird laut Wilson und den Co-Autoren der Studie ohne evolutionäre Anpassungen weiter fortschreiten – und sie könnte gravierende Konsequenzen für das männliche Geschlecht an sich haben.
Männer – das biologisch „zarte“ Geschlecht
Obwohl sich Männer gesellschaftlich gerne als das „starke Geschlecht“ positionieren, werden sie von Natur aus mit bestimmten biologischen Nachteilen geboren. Dies zeigt sich bereits vor der Geburt und zieht sich danach durchs gesamte restliche Leben.
Schon männliche Föten sind empfindlicher als weibliche. Eine Langzeitstudie aus den Jahren 1996 bis 2009 ergab, dass es bei Schwangerschaften mit männlichem Fötus erheblich öfter zu Komplikationen kommt und Jungen nach der Geburt häufiger krank sind als Mädchen (via apotheke adhoc).
Männer haben auch eine im Vergleich zu Frauen kürzere Lebenserwartung. Diese lässt sich nicht allein auf einen ungesünderen oder riskanteren Lifestyle zurückführen, auch wenn das in zahlreichen Memes und Witzen gerne so dargestellt wird. Forschender fanden schon früh heraus, dass mit fortschreitendem Alter bei vielen Männern allmählich Y-Chromosomen aus den Zellen verschwinden.
Einer Studie aus dem Jahr 2022 zufolge könnte der Verlust an Y-Chromosomen das Altern beschleunigen und altersbedingte Krankheiten begünstigen. Die Natur hat Männer also tatsächlich mit einem „eingebauten Defekt“ ausgestattet, der über die Zeit nur größer zu werden scheint.
Kommen Wissenschaft und Technologie zur Rettung?
Das alles sieht ziemlich düster für Männer aus, doch es gibt auch Lichtblicke. Während die Natur selbst nach Wegen sucht, sich anzupassen, forscht die Medizin bereits an technologischen Lösungen, um die biologischen Funktionen des Mannes auch ohne Y-Chromosom zu erhalten. Diese reichen von künstlich hergestellten Spermien bis hin zum Klonen.
Aktuell benötigt das männliche Geschlecht aber noch keine Rettung: Das Y-Chromosom sei derzeit stabil, und das schon seit rund 25 Millionen Jahren, erklärt Wilson in seiner Studie. Männer werden nicht über Nacht verschwinden und auch die Gesundheitsprobleme, die durch die Anfälligkeit des Y-Chromosoms auftreten, werden – im großen Ganzen – nicht gravierender.
Bildquelle: KI-generiert; © Vecteezy