Macht Testosteron Männer zu Alphatieren?

Ein muskulöser Mann mit freiem Oberkörper

Testosteron ist eines der wichtigsten männlichen Hormone, welches unter anderem für die körperliche Entwicklung verantwortlich ist. Im Alltag wird der verheißungsvolle Stoff jedoch auch mit anderen Faktoren in Verbindung gebracht: Angeblich verhilft ein hoher Testosteronspiegel zu „typisch männlichen“ Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Dominanz, Kraft und Ehrgeiz. Stimmt das?

Die Bildung von Testosteron findet primär in den Hoden statt. Von dort aus gelangt es über das Blut in den gesamten Körper und beeinflusst eine Vielzahl von Faktoren. So ist es beispielsweise für Bartwachstum und die Spermienproduktion verantwortlich. Aufgrund dieser Wirkungen wird das Hormon prinzipiell mit „Männlichkeit“ in Verbindung gebracht – eine hohe Testosteronkonzentation mache Männer angeblich zu erfolgreichen, dauergeilen Muskelprotzen mit echten Anführerqualitäten. Menschen in einflussreichen beruflichen Positionen hätten einen höheren Testosteronspiegel, in Studien an Hamstern neigten diejenigen Tiere mit einer größeren Menge des Hormons eher zu Aggressivität sowie einer Verteidigung des eigenen Reviers.

Was erst einmal nach negativen Charakteristika klingt, erscheint für viele junge Männer durchaus erstrebenswert. Als besonders männlich zu gelten macht in unserer Gesellschaft Eindruck; Mut, Kampfgeist und Angriffslust gelten als positive Eigenschaften. Promis wie der Rapper Kollegah propagieren das Ideal des „Alphatiers“: Einem Mann, der nicht aufgibt, möglichst keine Emotionen zeigt und seinen Körper und Geist täglich einem harten Training unterzieht. Einige junge Männer gehen deshalb sogar so weit, dass sie Testosteron supplementieren, um ihren Muskelaufbau zu unterstützen oder ihren Sexualtrieb anzukurbeln. Dass das erhebliche gesundheitliche Konsequenzen mit sich bringen kann, wurde bereits mehrfach bewiesen. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass die erwünschte Beeinflussung des Charakters ebenfalls ausbleibt.

Oft liegt eine reverse Kausalität vor: Ein Anstieg der Hormonkonzentration ist demnach das Resultat einer aggressiven Grundstimmung – nicht andersherum. Darüber hinaus ändern sich die Testosteronwerte auch durch bestimmte Situationen sowie in Abhängigkeit von Lebensalter und Körperfettanteil. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen einem erhöhten Testosteronspiegel und „typisch männlichen“ Wesenszügen lässt sich demnach nicht feststellen. Im Gegenteil: Forscher*innen der Universitäten Utrecht, Maastricht und Nimwegen fanden in mehreren Studien heraus, dass sich eine höhere Testosteronkonzentration positiv auf Ehrlichkeit, den Gerechtigkeitssinn und das Vertrauen gegenüber anderen auswirkt.

Die Möchtegern-Alphamännchen werden diese Erkenntnisse vielleicht enttäuschen – alle anderen sind aber sicherlich froh darum. Denn seien wir mal ehrlich: Männer, die Emotionen zeigen können, ehrlich und auf Augenhöhe kommunizieren und ihre Mitmenschen wertschätzen sind uns tausend Mal lieber als „testosterongetriebene“ Machos und Aufreißer.

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Bildquelle: Pikx by Panther von Pexels, CC0-Lizenz

Aufgewachsen im Münsterland, zwischen Bauernschaften, Fahrrädern und Dorfpartys. Schreibt seit dem Kindergartenalter, von Kurzgeschichten bis hin zu News-Artikeln, liebt Musik, Sonne, gutes Essen und Gespräche über Gott und die Welt.