Annemarie, 26, sitzt im Vorstand eines katholischen Jugendverbands

Annemarie BDKJ

Hat sich wegen der Skandale in eurem Verband etwas verändert?
Ein bisschen. Aufklärung und Sexualpädagogik waren bei uns schon immer wichtig. Kinder und Jugendliche müssen Bescheid wissen, stark gemacht werden. Damit sie für ihre Grenzen eintreten können, aber auch sensibilisiert werden für die Grenzen anderer. Es darf kein Tabuthema sein. Prävention sexualisierter Gewalt ist schon lange Pflichtthema bei unseren Jugendleiter-Schulungen. Das ist jetzt noch wichtiger.

Gefühlt werden alle immer ungläubiger. Findest du, eine religiös geprägte Gesellschaft hat eine Zukunft?
Hoffe ich zumindest. Für mich würde vieles verloren gehen, wenn es nicht so wäre. Aber ich finde wir müssen nicht nur von einem Glauben geprägt sein. Wenn mehrere Religionen nebeneinander existieren können, bereichert das unser Zusammenleben – das Radikale ausgeschlossen. Das Christentum hat dieses Land geprägt, und das ist auch gut, was aber andere Religionen nicht ausschließen soll. Dieser Kreuzerlass in allen öffentlichen Gebäuden ist beispielsweise furchtbar – wie eine Reviermarkierung.

Lassen sich für dich die Werte der katholischen Kirche mit Werten wie der Ehe für alle vereinbaren?
Für mich widerspricht es sich nicht. Heterosexuelle Paare haben nun mal Glück, dass es bei ihnen von Natur aus funktioniert, Kinder zu zeugen, aber wenn zwei Menschen unabhängig vom Geschlecht füreinander da und treu sein wollen, sich bewusst entscheiden, gemeinsam Kinder groß zu ziehen und sich zu ehren – alles tiefst katholische Werte – geht das für mich absolut zusammen.

Könntest du es dir denn vorstellen, mit einer Person zusammen zu sein, die nicht denselben Glauben ausübt?
Ich hatte diese Erfahrung noch nicht, aber ich stelle es mir in einigen Punkten schwierig vor. Es braucht viel Arbeit. Ich sehe es beispielsweise bei Paaren, bei denen eine Hälfte katholisch ist und sich eigentlich eine kirchliche Hochzeit wünscht. Auch im Alltag – angenommen jemand ist so streng gläubig, dass er oder sie jeden Sonntag in die Kirche geht. Irgendwo bestimmt es schon das partnerschaftliche Leben und da muss man einen guten Weg finden. Mein Freund und ich haben ähnliche Werte, und das macht es einfacher.

Was findest du persönlich, könnte die katholische Kirche vor allem für junge Menschen besser machen?
Mehr Offenheit für neue Wege und Individualität. Sie muss authentischer werden, und muss Priester von diesem erhobenen Sockel runterholen. Jemand, der  ohne Partner/in oder Familie immerhin eine sehr beschränkte und spezielle Lebenswelt hat, kann mir nicht die Welt erklären. Wir als „Laien“ haben so viel mitzureden und -denken, das muss mehr anerkannt werden. Die hierarchischen Strukturen müssen sich auflösen oder zumindest aufweichen. Wir alle gestalten gemeinsam Kirche – das wäre ein entscheidender Ansatz.

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Bildquelle: Annemarie Eckardt