Annemarie, 26, sitzt im Vorstand eines katholischen Jugendverbands

Annemarie BDKJ

Junge Menschen werden nicht oft mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht. Findest du, dass sich auch Jüngere mehr für die Kirche engagieren sollten?
Ja, ich finde es schade, dass nur wenige einen Blick hinter diese alte Fassade wagen. Klar sind manche Angebote sehr…alt. Klar kann ich Rosenkranz beten und auf eine Wallfahrt gehen, aber letzten Endes ist es nicht das, was ich brauche. Wenn ich mich aber persönlich einbringe und sehe, wie groß die spirituellen Angebote geworden sind und was für eine vielfältige Heimat wir geschaffen haben, sehe ich auch, dass wir etwas verändern können. Also ja, wir müssen uns definitiv mehr engagieren.

Ist Religion in Deutschland für dich ein aktuelles Thema?
Vor allem jetzt ist der Kern der katholischen Kirche aktueller denn je. Die Struktur ist eine weltkirchliche, und wenn wir über Themen wie die Lockerung des Zölibats oder ein Diakonat der Frau reden, scheint das in Deutschland vielleicht noch möglich, aber wenn wir zum Beispiel nach Südamerika schauen, würden die uns bei solchen Fragen einen Vogel zeigen. Viele sind nicht so weit, und wollen es auch nicht werden. Was die Berufung von Frauen zu Priesterinnen angeht, stellen sich viele quer, und ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich so denken, oder denken, sie müssten diese Meinung vertreten.

Wärst du denn persönlich für eine Lockerung des Zölibats?
Ich verstehe die Begründung des Zölibats, finde sie aber trotzdem nicht gut. Ich weiß, dass das Priestertum kein Beruf ist, bei dem man am Ende des Tages einfach die Albe ablegt und frei hat, und dass Familie und Beruf(ung) unter einen Hut zu bringen, schwierig ist. Aber das ist es bei anderen Berufen genauso, und auch Priester sind Menschen. Das Zölibat hat leider die Eigenart, dass es Menschen anlockt, die denken, sie können dadurch den Problemen mit ihrer eigenen Sexualität aus dem Weg gehen. Weit gefehlt. Es wäre ein guter Anfang, das Pflichtzölibat aufzuheben. Der Zwang, sich zwischen Berufung und Familie zu entscheiden, verlangt viel zu viel von Menschen. Mal ehrlich, wie viele Priester haben trotzdem Kinder und werden dem überhaupt nicht gerecht, weil sie nicht mit ihnen zusammenleben dürfen.

Ist das ein offenes Geheimnis, dass Priester des Öfteren Kinder haben?
Kein Priester würde mir einfach sagen, dass sie ein geheimes Kind haben, aber generell weiß man davon. Die Kirche weiß auch, dass es homosexuelle Priester gibt, es spricht nur keiner darüber. Das Zölibat wird am laufenden Band gebrochen, das ist den meisten klar. Und das ist das Problem. Sie tun so, als würde dieses Konzept funktionieren – tut es aber nicht. Dann zu behaupten, dass das System weiter aufrechterhalten werden muss, ist total unglaubwürdig. Wir sehen doch, wohin es geführt hat. Ich bin mir sicher, dass das Zölibat ein Faktor ist, der diese unzähligen Missbrauchsfälle zu verantworten hat.

Beeinflussen derartig schlimme Nachrichten deine Einstellung?
Meinen persönlichen Glauben hat es nicht verändert, weil ich versuche, das und die Kirche weitgehend voneinander zu trennen. Es macht mich eher wütend auf die Institution. Wie kann man Menschen, die Nächstenliebe predigen und füreinander sorgen sollten, zuschauen und einfach weitermachen, obwohl Kinder missbraucht werden? Dass es auf der einen Seite Menschen gibt, die sowas tun, ist schlimm genug, aber wie viele Menschen das dann noch gedeckt haben, will ich mir gar nicht vorstellen. Opfer, die sich gemeldet haben, wurden systematisch klein gehalten und nicht ernst genommen, und das macht mich wütend. Denn das ist definitiv nicht die Kirche, die ich haben möchte. Es macht vieles kaputt. Wenn ich erzähle, dass ich in der katholischen Kirche bin, muss ich mir nicht nur Vorurteile anhören wie „spießig“ und „konservativ“, sondern auch noch Fragen wie „Bist du schon mal vergewaltigt worden?“. Das wurde ich tatsächlich schon gefragt.