Bachelor of Hartz

Bachelor of Hartz

Irgendwo war das Timing ja schon ein bisschen kurios. Eine Allensbach-Umfrage bestätigt, was wir natürlich alle schon längst ausdiskutiert haben: die meisten Studenten zweifeln am Bachelor-Studium, glauben nicht, dass dieser Abschluss allein reicht, um einen Job zu finden. 54% befürchten, er bereitet nicht angemessen auf das Berufsleben vor. 61% hängen deshalb noch den Master dran. Und trotzdem immer so viel zu tun, keine Zeit für gar nichts mehr, schrecklich!

Und während die Ergebnisse der Umfrage ungefähr um 16 Uhr nachmittags frisch aus dem Ei schlüpfen, liegen gerade alle Studenten bei 30 Grad an der Isar oder im Englischen Garten und machen sich das dritte Bier auf. Echt Stress pur, so ein Unileben. Aber jetzt mal richtig Spaß beiseite – der Bachelor ist schon ein bisschen wie die große Schwester vom G8: von der Anfangsidee her ganz nett, aber mal überhaupt nicht zu Ende gedacht. Hier nochmal die vier (selbsterprobten) Gründe, wieso der Bachelor allein so gut wie nichts taugt.

1. Zu kurz

Sechs Semester dauern die meisten Bachelor-Studiengänge. So lange brauchen manche allein, um die Mensa zu finden (könnte ich einem japanischen Touristen jetzt immer noch nicht so ganz genau erklären) oder um zu raffen, dass man sich ja Kopiergeld auf seinen Account freischalten kann (viertes Semester). In drei Jahren ist man noch so damit beschäftigt, sich in einer fremden Stadt zurecht zu finden und seine Kommilitonen auf Trinkfestigkeit zu prüfen, dass nicht viel Zeit bleibt, sich auf so Nebensächlichkeiten wie Inhalte zu konzentrieren. Und Inhalt gibt es eigentlich eh viel zu viel, schließlich war ja die Idee, in sechs Semestern aus einem blauäugigen Abiturienten eine voll funktionsfähige und informationstechnisch bis zum Anschlag gefüllte Bewerbungsmaschine zu machen. Also wird die gleiche Technik angewandt wie beim G8: erst mal alles einprügeln und dann mal gucken, was hängen bleibt. Weil die Studenten aus Zeitmangel und Prokrastinationsleidenschaft (gerade eine neue Staffel Game of Thrones rausgekommen! Und YouTube schläft nie) aber natürlich auch die gleiche Taktik wie in der Schule anwenden, quetscht man alles ins Kurzzeitgedächtnis, rutscht irgendwie durch die Prüfungen – und ist eine Woche später schon erstaunt, was man bei der Klausur noch alles wusste. Im Kopf bleibt eher wenig (zumindest vom Prüfungsstoff, das Prokrastinationsvideo vom niesenden Panda war für die Ewigkeit).

2. Zu jung

Wenn man nach dem Abi kein Freiwilliges Sauf-Jahr (FSJ) in Ecuador macht, sondern direkt anfängt zu studieren, ist man heutzutage dank Früheinschulung und G8 immer öfter zarte 18 Jahre alt. Macht man den Bachelor dann in Regelstudienzeit, ist man dementsprechend 21. Da kann ich es meinen zukünftigen Arbeitgebern eigentlich gar nicht mal wirklich verübeln, wenn sie mich nicht für voll nehmen – wie soll ich mich denn beim Bewerbungsgespräch schon groß verkaufen? „Ja, also ich darf seit September in den USA offiziell Bier kaufen und habe bereits sechs Semester Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaften studiert. Ich hatte mal ein Seminar zu Goethes Faust und glaube, ich könnte in ihrem Unternehmen/Verlag/etc. dank meiner Lebenserfahrung und Expertise eine sehr gewinnbringende Schlüsselfigur darstellen“?

3. ECTS-Punkte für’n Arsch

Eigentlich war das mit den European Credit Transfer System ja mal so gedacht, dass „Leistungen von Studenten an Hochschulen des Europäischen Hochschulraumes vergleichbar und bei einem Wechsel von einer Hochschule zur anderen, auch grenzüberschreitend, anrechenbar sind“. Drauf geschissen, Bologna. Stattdessen kann man sich von einem Erasmus-Aufenthalt meist nur ein paar Pünktchen anrechnen lassen und die geplante studienbereichernde Erfahrung bleibt zumindest kulturell (im weitesten Sinne) eine höchst bereichernde Erfahrung. Ist eben immer gleich, wenn man im vermeintlichen Konsens etwas beschließt: am Ende macht’s doch immer jeder so, wie er gerade lustig ist. Und die Uni ist in den meisten Fällen auch keine Geburtsstätte kritischer und genialer Gehirne mehr, die freiwillig und mit unglaublich viel Elan neues Wissen erwerben, sondern eine große Schnitzeljagd nach den am schnellsten und leichtesten verdienten ECTS-Punkten.

4. Theoretisch okay, praktisch naja

Ein Hochschulstudium war wahrscheinlich noch nie dafür bekannt, die großen Praktiker hervorzubringen, aber des erwähnten Zeitdrucks wegen ist das Bachelor-Studium theorielastig wie nie. Von den Strukturen her sind viele Studiengänge übel verschult (Anwesenheitspflicht, Pflichtvorlesungen), in den Semesterferien hagelt es Prüfungen und Hausarbeiten, Hauptsache, man kriegt 180 ECTS in 6 Semestern gebacken. Praxiserfahrungen bleiben da meistens auf der Strecke, kostet ja alles wertvolle Zeit. Ich kenne viele (inklusive mir), die glauben, dass Jobs im bevorzugten Berufsfeld sie besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten als irgendwelche furztrockenen Seminare, in denen von verkopften Dozenten so lebensferne Theorien diskutiert werden, dass ich mir mit dem Kuli das Auge ausstechen und aufessen möchte. Gebrauchen kann man davon später wenig (außer sie hin und wieder in intellektuell-betrunkene Bargespräche einzustreuen). Das heißt, im Job fängt man eigentlich wieder von vorne an. Wenn man denn einen kriegt, mit so einem Bachlor of Hartz. Ein Teufelskreis.

Und jetzt? Bleibt wohl nur, den Master dranzuhängen und die vier Semester richtig anzupacken. Oder eben Plan B. Ich will jetzt gar nicht mehr studieren, ich möchte endlich etwas Handfestes lernen, was mit Perspektive und Leidenschaft. Ich werde Künstler.

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Bildquelle: gratisography.com unter cc by-sa 2.0

Man hat uns gesagt, eine "witzige Kurzbeschreibung" zu unserer Person zu schreiben. Schrecklich, sowas übt immer enormen Druck auf mich aus. Also: Ich bin leider nicht mehr Ende 10, sondern mittlerweile Anfang 20, liebe Gin Tonic und Zitroneneis. Wenn ich nicht gerade Vorlesungen der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft schwänze, beobachte ich fremde Menschen in der U-Bahn und schmiere meine Gedanken in ein existentialistisches Suhrkamp-Notizbuch oder überrede Bands und Sänger dazu, Pfefferminzlikör mit mir zu kippen. Und den Witz überleg ich mir morgen.