Lokalpatriotismus: Die gesellschaftsfähige Heimatliebe?

Heimatliebe Stadt Mädchen

Hand aufs Herz – lästern macht manchmal einfach Spaß. Zumindest, wenn es jemand ernsthaft verdient hat. Doch wenn zu viele Menschen zur selben Zeit am selben Ort über die selbe Angelegenheit lästern, entstehen Vorurteile. Deutschland ist längst voll davon: East – West, Nord – Süd… Stigmata sind allgegenwärtig und man könnte jetzt zwinkern und das alles mit Humor nehmen. Aber ich finde das alles langsam nicht mehr witzig! Fremdenhass– und feindlichkeit ist in Deutschland sowieso schon präsent genug – da müssen vermeintliche Lokalpatrioten mit ihrem Städtehype nicht auch noch einen draufsetzen und sich untereinander verbal bekriegen. Ein Plädoyer für mehr Toleranz und weniger Affentanz in Deutschland.

 

Gemeinsame Identität auf Reisen

 

Auf Reisen sind die Deutschen eine Familie. Spätestens, wenn die ausgereifte Mähne dank Salzwasserüberschuss und Drogerieartikelmangel langsam aber sicher dreadähnliche Auswüchse annimmt, klingen die deutschen Silben, die da vom Nebentisch herüberwehen, wie Musik in den Ohren. Besser sogar – sie versprechen Heimat, Verständnis und Zugehörigkeit. Völlig egal, ob wir aus München, Berlin oder dem Ruhrpott kommen: Bei uns kommt die S1 in 3 Minuten auf Gleis 2, der Sommer ist besser als der Winter und wir alle vermissen körniges Butterbrot und Daunendecken.

 

Städtehass ist kein deutsches Phänomen

 

Zuhause ist das alles Schnee von gestern. Da heißt es dann „Ich bin mit nem Münchner rumgereist, aber der war echt cool.“ Ein lasches „Echt?“ quetscht sich durch die Berliner Schnauzen, denn so richtig glauben tut das keiner. München und cool, das passt doch nicht in einen Satz!

Genauso wenig passen Stockholmer Schnösel und Bodenständigkeit zusammen, behaupten die Göteburger. Genauso wenig wie die Göteburger Bauern und Lifestyle sich ergänzen, sagen die Stockholmer. Dieser lächerliche Städtehass ist keineswegs ein rein deutsches Phänomen. Genauso wenig passen angeblich die Südspanier, „die so arm sind, dass sie ihre Wörter fressen“, und Attraktion zusammen. Wie die aufgeblasenen Barcelonesen, die den Valencianern den Dialekt geklaut haben, und die arroganten Valencianer, die solche Lügen in die Welt setzen. Und Vorurteile und Intelligenz. Das passt auch nicht in einen Satz. Denn eines muss man an dieser Stelle sagen: Leute, deren Horizont beschränkt genug ist, ihren Lokalpatriotismus derartig ernst zu nehmen, sind alle im Denken beschränkt – egal, wo sie herkommen.

 

„Piefke, scheiß Preiß, Fischkopp, Breznfresser, noch so’n Schwabe.“

 

Großstadtbauern mit dem Weitblick einer Erbse, genauer gesagt. Dass die Berliner Süddeutsche und insbesondere Schwaben hassen, ist kein Geheimnis und erstrecht kein neues Phänomen unserer Generation. Nicht einmal die Politik bleibt davon verschont. Nachdem bereits vieles durchgehasst wurde, das sich frecherweise in die Hauptstadt traut, darunter Latte-Macchiato-Muttis, Erasmus-Studenten und Touristen mit Rollkoffern, sind die Schwaben noch immer auf Platz Eins der endlosen Hass-Liste. Wolfgang Thierse, SPD-Politiker, ehemaliger Bundestagspräsident und bis vor Kurzem dessen Vizepräsident, sagte kürzlich in einem Interview: „Ich wünschte mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“. „Schwaben raus“, steht in roter Schrift in der Nähe seiner Residenz – welch ironischer Zufall.

„Welcome to Hamburg – das Tor zur Welt“, wirbt ein Graffiti. Doch ist das wirklich wahr? Der Türsteher ist auf jeden Fall sehr streng – Menschen aus den süddeutschen Gefilden haben es auch in Hamburg nicht gerade einfach. Eine Studie ergab, dass Hamburg deutschlandweit die Stadt ist, mit der sich ihre Einwohner am meisten identifizieren. Die Hamburger sind also sehr stolz auf ihre Heimatstadt. Das lassen sie einen leider auch spüren. Haben wir in einer Zeit der Globalisierung, in der sich Menschen und Kulturen mischen und austauschen, tatsächlich nichts Besseres zu tun als über andere Städte abzulästern, die sich wohl gemerkt auch noch in ein und dem selben Land befinden?

 

Anders ist nicht der kleine Bruder von „Scheiße“

 

Jeder Touri, der Deutschland bereist, wird sich beispielsweise am Berliner Großstadtdschungel, am Kölner Karneval, am Hamburger Kiez und an Münchner Biergärten erfreuen. Weil jeder Ort anders gut ist. Nicht besser und nicht schlechter. Sondern einfach anders. Nicht vergleichbar eben. Weil man auch gar nicht immer alles vergleichen muss! Warum kann man die Sachen nicht einfach so lassen, wie sie sind?

Niemand zwingt uns, in eine Stadt zu fahren, die wir scheiße finden. Aber man sollte zumindest einmal da gewesen sein, bevor man sie als scheiße abstempelt und bevor man Worte wie „beschissen, versnobt und langweilig“ von seinem hohen Ross runter spuckt. Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem ich mich outen muss. Ich bin leider keine todescoole Szeneberlinerin und auch kein hippes Hamburger Nordlicht. Ich komme aus dem langweiligen, versnobten und beschissenen München und das wird hier jetzt sicher keine Liebeserklärung an meine Stadt oder so. Ich werde auch nicht auf denselben abgehalfterten Zug aufspringen und aus Genugtuung und Sarkasmus über andere Städte herziehen.

„Warst du schonmal in München?“

„Nä! In den Bullenstaat geh ich nicht!“ Aha. Das ist meine Lieblingsantwort. Gefolgt von jungen Stuttgartern oder Münchnern übrigens, die im Norden oder Osten ihr Glück versuchen und nach langem Gerangel um Anerkennung ihre Heimat verleugnen und Sätze sagen wie: „Sag bloß nie ´end´“

Jetzt mal ernsthaft… wo führt das alles hin? „Sag bloß nie ´end´, sagt eine Bekannte, die ich in Hamburg besuche. „Sonst bist du gleich uncool“. Na schön, dann bin ich eben uncool. Wenn meine Heimatstadt oder eine Steigerungsform wie „end“ über meinen Sympathiegrad entscheidet, dann will ich vielleicht auch gar nicht zu den Coolen gehören. Die finde ich in diesem Fall nämlich uncool.

 

Schluss mit den Vorurteilen

 

Und das ist eigentlich schade. Denn Großstädte wie Hamburg oder Berlin sind berechtigterweise sehr beliebt. Und als original Hamburger oder Berliner darf man auch stolz darauf sein, dort geboren zu sein. Aber ist das ein Grund dafür, anderen Leuten gleich ein Stigma aufzudrücken? Ich finde nicht. Ich finde, ihr solltet euch alle mal wieder einkriegen. Die Show lief jetzt lange genug und es ist Zeit für einen Programmwechsel. Holt die Affen von der Bühne!

Denn am Ende treffen wir uns ja doch wieder am Lagerfeuer in Timbuktu und eigentlich mögen wir uns ja auch alle ganz gern. Aber dass wir erst ans Ende der Welt fahren müssen, um das festzustellen, finde ich peinlich. Dass Menschen nach ihrer Stadt beurteilt werden, noch peinlicher. Merkt ihr Großstadtaffen eigentlich, wie engstirnig ihr seid? Oder seid ihr zu sehr damit beschäftigt, weltoffen zu tun?

 

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Bildquelle: Justin Wolfe unter  CC BY-ND 2.0

Autorin:Oh liebes ZEITJUNG! Du riechst so gut nach Wein und Holz an Redaktionsabenden und ich habe mein Herz schon längst an diesen subtilen Rock'n'Roll zwischen deinen Zeilen verloren. Kein Wunder, dass ich dich immer wieder gerne beglücke: mit Themen über Kunst, Kultiges und Kurioses, über Weltgeschehen, Weltschmerz und wahre Gefühle. Ich bin leidenschaftliche Sonnenanbeterin, Langschläferin, Münchner Kindl, Fernwehinfizierte, Teilzeitchaotin und hoffentlich mal so wie Karla Kolumna.