Großstadtliebe: In einer Beziehung mit Immobilien

Großstadtliebe Immobilien

von Anna Fiedler

Eine Wohnung in Berlin zu finden, ist in etwa so einfach, wie deinen Traummann im Berghain auf der Toilette zu treffen. Generell ist Berlin die denkbar schlechteste Wahl, wenn es darum geht, sein Herz verschenken zu wollen. Ich habe Vielem hier mein Herz geschenkt. Nur keinem Mann und schon gar nicht einem, der beruflich mit Immobilien zu tun hat. Nach langer und nervenaufreibender Suche nach dem perfekten Zuhause, kann ich wagen, die Behauptung aufzustellen, dass es sich mit der Partnersuche ähnlich verhält.

Du rennst an einem Sonntag mit fünfzig anderen panischen Nestflüchtlingen durch eine kleine, abgefuckte Bude, die völlig überteuert ist und noch nichtmal eine richtige Toilette hat. Dafür aber im geilsten Szenekiez Berlins liegt und obendrauf auch noch Stuck an der Decke hat. Die Provision beträgt mehr, als du jemals in deinem ganzen Leben bisher verdient hast, und zusätzlich musst du privateste Informationen an den kompetenten Mann da vorne, der grade sehr viel Geld damit macht, dass er eine Tür aufgeschlossen hat, verkaufen. „Brauchen Sie vielleicht auch noch einen Gesundheitsbescheid meiner Gynäkologin, wo wir ja eh schonmal dabei sind?!“

 

Auf der Suche nach der großen (Wohnungs-)Liebe

 

Eine Parallele zur Partnersuche zu ziehen liegt da sehr nah. Menschen, die auf der Suche nach dem Partner an ihrer Seite sind, benehmen sich ähnlich. Objekte werden taxiert. Im Club, im Café bei Latte Double Flat White Soy mit Chocolate Flavour, in der Bahn, auf Tinder, in der Bar mit den billigen Gin Tonics, auf dem Flohmarkt, beim Schwitzen im Fitnessstudio. Überall. Die nach Liebe Suchenden benehmen sich ähnlich wie die nach einer Bleibe Suchenden. Vor- und Nachteile werden bedacht, Aussehen ist wichtig – gibt es einen Haken? Ist etwas am Objekt marode, alt oder einfach nur faul? Nein? Dann Sturzflug!

Hat man nach der Besichtigung eine Verabredung mit seiner Beute, dann heißt das schon etwas. Man hat große Erwartungen, ist voller Vorfreude und wähnt sich auf der Gewinnerseite. Klar, wenn man es schon bis zum intimen Treffen zu zweit geschafft hat, dann kann man sich darauf auch etwas einbilden.

 

Die große Enttäuschung kommt dann mit besagtem Date

 

Dein Vermieter eröffnet dir, dass er die überteuerte Bruchbude doch schon nach zwei Jahren räumen lassen will, um die Miete nach einer halbherzigen Renovierung um dreitausend Euro anheben zu können. Und außerdem gibt es obendrauf noch einen zielsicheren Schlag ins Gesicht in Form eines Knebelvertrags, aus dem dir nichtmal Staranwalt Ingo Lenssen und seine eifrigen Ermittler heraushelfen können. Bitter. Auf zur nächsten Enttäuschung.

Gleiches Prinzip bei deiner Verabredung mit einem angeblich sympathischen Menschen, der dir zwar keine beschissene Immobilie zu schrecklichen Konditionen aufschwatzen will, dafür aber seine diffusen Ansichten vom Leben. Dein Date eröffnet dir beim gemeinsamen Spaziergang am Paul-Lincke-Ufer, dass er eine extreme Vorliebe für Badesalze und -kugeln und -pulver und -pasten aller Art hat. Oder, dass er nicht versteht, wieso die Menschen auf die Straße gehen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Vielleicht versteht er es, wenn ich ihn in den Kanal links von uns geschubst habe, damit er mal einen klaren Kopf bekommt.

 

Immerhin eine ehrliche Type!

 

Ähnlich geht es einer Freundin. Sie erzählt mir, dass sie ein Date mit einem vielversprechenden Kandidaten hat. Nur um sich drei Stunden von ihm erzählen zu lassen, dass er eigentlich 24/7 zugedröhnt ist und vorhat, mit allen Mädchen auf seiner Hol-Sie-Dir-Alle-Wunschliste zu schlafen. Guter Mann. Aber immerhin eine ehrliche Type!

Das ist beinahe so, als würde der Makler dir vor einer schimmelnden Wand erzählen, dass die Wohnung, in der wir uns befinden, ein richtig gemütliches Nest für Zwei ist und man hier eine tolle Zeit haben kann, auch wenn man sich vielleicht eine tödliche Geschlechtskrankheit holt, wenn man der Wand näher als einen Meter kommt.

Muss ich mir das antun? Muss ich meine Zeit vergeuden? Meine wertvolle Zeit, die ich doch eigentlich viel besser mit Berlin selbst verbringen könnte?! Nein. Muss ich nicht. Ich bin ganz zufrieden mit mir selbst und ohne Mann. Ohne Stress. Und ohne Wohnung. Ich lebe und liebe doch viel lieber in meiner Gedankenwelt statt in der hippen Million-Dollar-Butze mit Fischgräte und Holzfenster!

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Bildquelle: Pexels unter CC 0 Lizenz