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Bilderbuch im Interview: „Ein Europa ohne Grenzen“

Ein Gespräch über Therapiestunden in Italien, Grenzenlosigkeit und Geheimnisse.

Als ich letzten Dienstag Nachmittag die Münchner Konzertlocation „Zenith“ betrete, scheint draußen die Sonne, während es drinnen dunkel und vor allem leer ist. Meine Schritte hallen, es ist angenehm kühl und einzig ein paar Bühnenbauer huschen von A nach B. Nur wenige Stunden später zeigt sich mir das komplette Gegenteil: Es ist nahezu kochend heiß in der Halle, die Bühne gleicht einem Kunstwerk und unzählige Menschen stehen dicht aneinander gereiht davor. Sie alle warten darauf, dass die österreichische Band Bilderbuch rund um den Sänger Maurice Ernst, endlich loslegt. Zwei neue Alben haben die Musiker in den letzten Monaten veröffentlicht. Wovon diese handeln, wie der Tour-Alltag der Überflieger-Band aussieht und weswegen die Band für Grenzenlosigkeit plädiert, erzählt uns der Bassist Peter Horazdovsky noch am Konzerttag im Interview.

ZEITjUNG: Mit eurem aktuellen Album – insbesondere mit dem Song „Europa 22“ – sprecht ihr euch ganz klar FÜR Europa aus. Wie sieht für dich ein „Bilderbuch-Europa“ aus?

Bilderbuch: Wir sprechen uns mehr für eine Idee aus, die ohne Grenzen und ohne Ausgrenzung funktioniert. Europa ist in dieser Kampagne ein Sinnbild. Insbesondere ist es deshalb Sinnbild, weil es sich um einen Kontinent handelt, der vor kurzem (und oft leider immer noch) zerstritten war und die furchtbarsten Dinge passiert sind, der es aber schafft Grenzen zu überwinden, auch wenn das sehr langsam vorangeht. Aber wie schön wäre, ein Europa ohne Grenzen?!

In diesem Zusammenhang habt ihr auch den Europa-Ausweis kreiert. Kannst du diesen mal kurz beschreiben – was steckt dahinter?

Einfache Idee: Ein Pass, der nicht nach deiner Nationalität frägt. Der Europa eben auch als Sinnbild der Grenzenlosigkeit darstellen soll. Jeder kann ihn ausfüllen. Dabei wird nicht gefragt, woher die Person kommt und ob sie den Pass überhaupt besitzen darf – den Pass kann jeder haben, der ihn möchte.

Dieser Ausweis ging online ziemlich durch die Decke. Denkst du, das hat so gut funktioniert, weil das Internet vielleicht ein Raum ohne Grenzen ist?

Das hängt bis zu einem gewissen Grad sicher damit zusammen. Aber die Aktion hat auch so gut funktioniert, weil die Idee vielen Menschen aus der Seele gesprochen hat. Diese Grenzenlosigkeit, die zeigt, dass nationale Grenzen und Nationalitäten überwunden werden können. Dazu kommt natürlich, dass das Internet besonders ist: Es verteilt sich alles sehr schnell. Und doch merkt man, dass es auch hier Grenzen gibt. Insbesondere Sprachgrenzen. Es gibt wenige Ausweise aus Frankreich oder England, obwohl diese Länder geografisch sehr nahe liegen würden.

Wie kam es denn zu der Idee?

Wir haben den Song „Europa 22“ geschrieben, der sich gegen Ausgrenzung ausspricht. Das lag uns lange Zeit am Herzen. Mit dem Ausweis haben wir dann versucht zu versinnbildlichen, dass es im besten Fall einfach keine Ausgrenzung geben sollte.

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Peter Horazdovsky #europa22 CHECK YOUR NEW IDENTITY BE PART OF THE EUROPEAN FAMILY #linkinbio

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In einem anderen Song „LED go“ singt ihr, dass frei sein auch alleine sein bedeutet. Wie geht das zusammen – ein gemeinschaftliches Europa, das aber frei (und somit alleine) sein soll?

„LED go“ ist weniger ein politischer, als ein persönlicher Track. Ich glaube, dass „sich frei machen“ hin und wieder bedeutet Ballast abzuwerfen und dieser Ballast bezieht sich vor allem auf Beziehungen. Man muss manchmal loslassen, um sich wieder als freies, selbstständiges Wesen verstehen zu können.

Willst du damit sagen, dass man unter anderem in der Liebe erst einmal für sich allein sein können muss, um gemeinsam etwas aufbauen zu können?

Ich glaube, dass man das Leben allein schaffen können muss. Es darf nicht davon abhängen, ob ich jemanden finde, mit dem ich leben kann.
Abgesehen davon, hat man ja immer auch andere Kontakte, wir haben viele Freunde, sehr gute Beziehungen und insofern haben wir das Problem des totalen Alleinseins eher nicht. Aber hin und wieder muss man sich schon komplett abkapseln, um sich selber wieder als freien Menschen zu verstehen.


Du meintest gerade, ihr habt sehr viel Freunde, wie pflegt ihr denn Beziehungen, während ihr auf Tour seid?

Das ist schwierig. Aber es ist von vornherein festgelegt, dass man jetzt eben mal weg ist und viel zu tun hat. Diese Tour geht aber auch „nur“ drei Wochen…

Das kann man verkraften.

Auf jeden Fall. Es macht ja auch total Spaß. Insofern ist es total verkraftbar, seine Freunde mal nicht zu sehen.

Und du hast ja auch viele Freunde dabei.

Absolut. Wir sind ja nicht nur unter uns Bandkollegen befreundet. Wir verstehen uns mit der kompletten Crew wahnsinnig gut. Viele Freunde von mir sind so gesehen mit auf Tour.

Wie läuft denn der Tour-Alltag für euch ab?

Das stellt man sich wohl immer krasser vor, als es ist. In Wahrheit bereiten wir uns relativ angestrengt auf den Gig vor. Man versucht nicht zu krass zu übertreiben, wie es Klischee ist – mit wilden Partys. So war es früher einmal.

Aber das habt ihr auch gemacht?

Na klar. Das haben wir durch – muss man ja machen. Und hin und wieder passiert das auch immer noch. Aber es ist schon ruhiger geworden Backstage. Jeder weiß, er trägt eine Verantwortung. Man will die beste Leistung bringen. Die Leute kommen nicht, weil sie uns besoffen rumnudeln sehen und hören wollen, sondern weil sie ein gutes Konzert besuchen möchten und da gehört schon ein bisserl was dazu.

Gerade tourt ihr mit zwei neuen Alben – wie kam es denn zu zwei Alben in so kurzer Zeit?

Wir haben in den letzten Jahren viele Tracks geschrieben. Wir hatten sicher gut 60 Demos in petto. Wir mussten uns auf etwas einigen. Da sterben ein paar Herzenskandidaten. Letztlich waren wir bei 19 Tracks und auch davon mussten wir wieder ein paar kicken. Allerdings dachten wir uns, dass wir diese trotzdem rausbringen sollten, weil sie in die Zeit und für uns einfach so wahnsinnig gut passen. Diese letztlich 17 Lieder wären dann aber 72 Minuten lang gewesen. Das erschien uns unfair den Tracks gegenüber, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer – das merk ich auch an mir selbst – meistens viel geringer ist. Deshalb wollten wir sie auf zwei Pakete aufteilen und sie so bekömmlicher servieren.

Wurde gestritten, welche Darlings gekilled werden?

Gestritten nicht. Man sieht irgendwann schon ein, dass manche Ideen nicht so stark sind, wie andere. Aber es ist teilweise schon sehr traurig. Wobei nicht alles für immer verworfen wurde. Es gibt Tracks, die schleppen wir seit Ewigkeiten mit uns rum und wollen sie auch noch fertig produzieren.

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