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Ein Brief an meinen Vater

Man muss seine Familie nicht mögen, um sie zu lieben. Das zu erkennen, hat sehr viel Zeit gebraucht, sowohl für dich, als auch für mich.

Hey Papa.

Ich weiß sehr wohl, dass ich es mit dir definitiv nicht „schlimm“ hatte. Du warst – hin und wieder – für uns da, wenn wir niemanden hatten außer uns selbst. Du hast uns beigebracht, auf eigenen Beinen zu stehen. Und wir hatten immer warme Mahlzeiten auf dem Tisch. Meine Schwester und ich, wir sind dir sogar sehr dankbar, für alles was du für uns in Kauf nehmen und aufgeben musstest. Ich will nicht wie ein undankbares Kind erscheinen, deswegen werden mir die folgenden Worte auch nicht sehr leicht fallen. Aber vielen Menschen ist nicht klar, dass ein Vater nicht unbedingt weglaufen, Drogen nehmen oder seine Kinder schlagen muss, um ein Arsch zu sein. Denn während du dir keine dieser Dinge zuschulden hast kommen lassen, gibt es einige Dinge, die du so viel hättest besser machen können. Dinge, die unser jetziges Verhältnis maßgeblich beeinflusst hätten. Es sind Sachen, die du gesagt hast, Worte, die du mir mit auf den Weg gegeben hast, die sich nicht so schnell aus dem Kopf radieren lassen, und mir bis heute jeden Tag auf Schritt und Tritt folgen.

 

Zeiten ändern sich – nicht bei dir

 

Du hattest es selbst nicht leicht, und das will ich dir auf keinen Fall strittig machen. Du bist in einem verarmten Zeitalter aufgewachsen, das vom Krieg gebeutelt war, was letztendlich auch der Grund gewesen ist, warum du mit Mama die Heimat verlassen hast. Du erzählst gerne aus dieser Zeit, um uns zu zeigen, wie gut wir es hier in Deutschland haben. Du musstest vor echten Bomben fliehen, ich nur vor deinen verbalen. Es war dir wichtig gewesen, deinen Kindern die Werte und Moralvorstellungen von damals mitzugeben, und die beinhalteten nun mal auch, dass Männer im Vergleich zu Frauen immer übergeordneter sind. Du hast es nie offen gesagt, aber wir wussten alle, dass dir an meiner Stelle ein Sohn immer lieber gewesen wäre. Jemand, mit dem du hättest Fußball spielen können oder draußen rangeln und raufen. Dass du all diese Dinge auch mit deinen Töchtern hättest tun können, kam dir nie in den Sinn. Die hatten für dich nämlich nur eins zu sein: brav, gediegen, konform, aufgeräumt. Aber nicht zu sehr – du wolltest schließlich keine langweiligen Mauerblümchen großziehen, wenn du dich denn schon mit Töchtern zufrieden geben musstest. Wir mussten natürlich auf dich hören, selbst in den unsinnigsten Sachen, und da meine Meinung in deinen Augen anscheinend nicht allzu viel wert war, kam ich auch nicht allzu oft zu Wort. Wenn ich Probleme hatte, stieß ich bei dir auf wenig Verständnis.

 

Erziehung? Frauensache

 

In meiner Kindheit haben weder meine Schwester noch ich allzu viel von deiner Präsenz gespürt, vor allem weil du Tag und Nacht gearbeitet hast, um uns ein einigermaßen glückliches Leben zu ermöglichen. Aber Erziehung war für dich Frauensache, weswegen du dich in dieser Hinsicht größtenteils rausgehalten hast. Die Konsequenzen davon sollten erst viel später auf dich zurückfeuern, als der Krebs in unser aller Leben einbrach wie ein Gewitter, dich zum Witwer machte und uns zu Halbwaisen. Du warst vollkommen hilflos, als du plötzlich alleine mit zwei pubertierenden Töchtern im Regen standest und nicht wusstest, wohin. Wie es weitergehen sollte, wusste keiner von uns. Es war erst ab diesem Zeitpunkt, dass du angefangen hast, uns als denkende, meinungsfähige Wesen zu sehen. Du hast dich in der Zeit doch recht viel auf uns verlassen – rückblickend finde ich, dass du damit verdammt viel von uns verlangt hast. Vielleicht sogar zu viel. Oft hörte ich Stimmen aus dem Umfeld, die sagten, dass du dich glücklich schätzen solltest, in dieser Situation Töchter zu haben und nicht Söhne. Denn auf uns war mehr Verlass. Wir haben mehr Emotionen und würden dich nicht so leicht im Stich lassen. Was für dich wie ein Lob klang, war für mich immer eine Bürde gewesen. Weil ich – sobald ich weg wäre – als Rabentochter gelten würde. Du warst schon immer gut darin gewesen, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ehrlich gesagt ist das auch einer der Gründe, warum ich mich immer davor gewehrt habe, Geld oder sonstiges von dir anzunehmen – weil ich dir nicht noch mehr Munition geben wollte.

 

Irgendwo war es immer klar gewesen

 

Du hattest mir immer das Gefühl gegeben, als Mädchen weniger wert zu sein. Männer sind für dich die Macher, Frauen die Hörer – inkompetent und schwächlich. Diese Message das ganze Leben eingetrichtert zu bekommen und sich dagegen zu wehren hat verdammt viel Energie gekostet, und wenn ich ehrlich sein soll: mein Selbstwertgefühl ist im Arsch. Ich finde es bis heute auch sehr schwer zu verstehen, wie jemand, der in einem Haushalt mit 75 Prozent weiblichen Anteils gelebt hat, Frauen und Mädchen immer noch als unfähig ansehen kann, vor allem wenn man bedenkt, dass Mama die stärkste Person ist, die ich bis jetzt kenne. Aber Zeit heilt alle Wunden, schätze ich. Oder legt wenigstens Narbengewebe drüber. Nach einer Zeit musstest nämlich auch du erkennen, dass wir inzwischen erwachsen geworden sind und dir auch mal sagen können, dass deine Denkweise einfach nicht mehr hierher gehört. Ich weiß, dass das Gewöhnungszeit gebraucht hat. Auch, dass sich der Spieß inzwischen umgedreht hat, und du eher Hilfe von uns brauchst als wir von dir, kratzt an deinem Stolz als Vater und Mann. Vielleicht schaffen wir es irgendwann, auch diese Denkweise etwas abzuschwächen. Bis dahin kann ich nur sagen: Danke. Für alles und für nichts.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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