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Warum „Was willst du später mal werden?“ nicht nur eine Antwort hat

Schon als Kinder werden wir nach dem Berufswunsch gefragt. Was aber, wenn man nicht nur einen hat? Dann ist man Multipotentialite – und das ist in Ordnung.

Emilie Wapnick ist Unternehmerin. Emilie Wapnick ist Autorin. Emilie Wapnick hat Musik, Kunst und Film studiert. Aber auch Jura. Laut eigener Aussage ist Emilie Wapnick aber vor allem eins: ein Multipotentialite. Multipotentialite? Das ist keine ansteckende Krankheit, sondern eine intellektuelle Identität. Und zwar die, in der man nicht nur eine Berufung – „one true calling“ – haben muss. Eine Identität, die dem Zeitgeist entspricht und Platz in unserer Gesellschaft haben sollte.

Man kann statt einer Berufung auch fünf haben

Multipotentialite – Wikipedia übersetzt das als „ein[en] pädagogische[n] und psychologische[n] Begriff, der sich auf die Fähigkeit und Präferenz einer Person bezieht, insbesondere auf eine starke intellektuelle oder künstlerische Neugierde, sich in zwei oder mehr verschiedenen Bereichen hervorzutun.“ Klingt immer noch abstrakt, ist aber eigentlich etwas sehr Reales, was uns im Leben ständig begleitet. Und zwar das Problem, die Frage „Was willst du später werden?“ zu beantworten. Denn viele tuen sich damit schwer. Aber keine Angst, denn diese Frage muss eben nicht nur eine Antwort haben. Auch wenn es das ist, was uns alle ständig suggerieren. Dass jeder von uns bei der Berufswahl nur eine richtige und viele falsche Entscheidungen treffen kann. Dass jeder von uns eben so etwas wie eine Berufung hat.

Etwas aufzugeben bedeutet nicht, zu versagen

Auf der Suche nach dieser Berufung stoßen Multipotentialites allerdings auf ein Problem: Weil ihre Interessen so vielseitig sind, sind sie schnell von einer Sache gelangweilt, sobald sie sie halbwegs beherrschen. Bei vielen führt das zu Unsicherheit und Besorgnis und dem Gefühl, zu versagen. Denn genau das vermittelt uns unsere Gesellschaft: Wer sein Studium abbricht, wer den Job wechselt, wer ein Hobby aufhört, der weiß nicht, was er will. Und hat in erster Linie versagt. Jetzt muss er sich also wieder für etwas anderes entscheiden und von vorne anfangen.

Was aber, wenn das gar nicht so ist? Wenn manche von uns sich nicht entscheiden können und es aber auch gar nicht müssen? Weil sich eben nicht alle dazu eignen, sich auf eine einzige Sache zu spezialisieren, sondern mehrere Talente und Passionen haben. Und diese auch nebeneinander ausleben können, wenn unsere Gesellschaft ihnen die Möglichkeit dazu gibt.

Schon als Kind durften wir nur Astronaut oder Baggerfahrer werden

Wie oft befinden wir uns in einer Lebensphase, in der wir uns mit dem Gedanken beschäftigen, wie es beispielsweise nach dem (Bachelor-) Abschluss, weitergehen soll. Was interessiert mich, in welche Richtung will ich mich spezialisieren? Schaut man sich Masterprogramme an, ist die Antwort vielfältig. Es gibt mehr, was einen anspricht, als was einen nicht anspricht. Und wir sollten uns bewusst machen: Das ist völlig in Ordnung.

Von klein auf werden wir gefragt, was wir denn später mal machen wollen. Da ist es süß und unbeschwert, wenn man Astronaut, Polizist oder Baggerfahrer sagt. Solange man sich bloß für eine Sache entscheidet. Schließlich kann man nicht tagsüber Kunden in einer Bank beraten, abends Fitness- und Ernährungstipps geben und sich am Wochenende für Fotografie begeistern – oder? Kann man eben doch, sagen Menschen wie Emilie Wapnick. Und wir sollten ihr glauben.

Embrace the Multipotentialites!

Gerade die Digitalisierung mit ihren technischen Innovationen eröffnet uns die Möglichkeiten, Dinge neu miteinander zu verknüpfen und vieles gleichzeitig zu tun. Und sie zwingt uns sowieso schon, vom traditionellen Berufsbild wegzudenken: Immer mehr Menschen gehen weg von der 40-Stunden-Woche und ins Home-Office, viele Unternehmen arbeiten in digitalen, flexibleren Strukturen. Warum schränken wir uns beruflich immer noch freiwillig ein, anstatt die Möglichkeiten zu nutzen, die diese Flexibilität uns bietet?

Wieso erlauben wir Menschen nicht, in verschiedenen Bereichen zu arbeiten? Denn ein Multipotentialite, der sich zum Beispiel mit Web-Design, Psychologie und Marketing auskennt, kann dieses Wissen verknüpfen und originelle Ideen entwickeln. So entsteht Innovation. Warum fällt es unserer ständig nach Fortschritt suchenden Leistungsgesellschaft also so schwer, Multipotentialites zu akzeptieren? Eigentlich sollte sie sie sogar mit offenen Armen empfangen.

Klar, wir werden auch immer Menschen brauchen, die sich voll und ganz in einer Sache spezialisieren. Entwickeln wir uns als Gesellschaft nicht noch mehr weiter, wenn wir uns zusammentun? Und Multipotentialites und Spezialisten miteinander arbeiten lassen, anstatt ersteren ihr Potential zu verbieten?

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Bildquelle: Bill Ward via Flickr unter CCBY2.0

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