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CameraSelfies: Wenn das Herzstück selbst zum Model wird

Statt sie in der Ecke verstauben zu lassen, setzt Jürgen Novotny alten Kameras ein Denkmal.

Mit seiner Fotoserie „CameraSelfies“ setzt Jürgen Novotny ein Denkmal. Und zwar für all‘ jene technischen Meisterwerke aus vergangener Zeit, die drohen, das Zeitliche zu segnen. Der Fotograf, der auch schon aus Ingenieur beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gearbeitet hat, überlegte sich, wie er das am besten macht. Das Ergebnis sind eine Reihe alter Schätzchen, die vor zeitgenössischen Tapeten, in Szene gesetzt wurden.

Dahinter steckt ein eigentlich ganz simples Ziel: Eine Karikatur auf den Selfie-Wahn zu setzen, der ja schon seit einigen Jahren unseren Alltag durchzieht. Letztenendes ist da auch noch dieses Gefühl der Sehnsucht nach Unvollkommenheit, Imperfektion und Authentik – bei all‘ den Möglichkeiten, die uns die digitale Fotografie heutzutage bietet – die die Serie „CameriaSelfies“ abbilden soll. Warum also nicht einfach nochmal Opa’s Herzstück in die Hand nehmen und einfach loslegen?

Wir haben den Familienvater zu seiner Fotoserie befragt.

 

ZEITjUNG: Was hat dich dazu inspiriert, den Spieß umzudrehen und die Kameras selbst fotografisch festzuhalten?

Alles hat Ende 2014 damit begonnen, dass ich mal wieder auf diversen Auktionsplattformen nach den Kameras gesucht habe, die ich mir früher nie habe leisten können, nur um festzustellen, dass diese – weil alt und analog – für einen Appel und ein Ei fast „entsorgt“ wurden bzw. immer noch werden. Die technischen Wunderwerke, die damals außerhalb meiner finanziellen Reichweite waren, sollten jetzt einfach zum alten Eisen gehören und bestenfalls in der Ecke verstauben? Das stimmte mich in etwa so traurig wie die Geschichte der „Toy Story“-Filme, die ja bekannt sein dürfte. Also überlegte ich mir ein fotografisches Konzept, wie ich diesen Kameras so etwas wie ein Denkmal setzen könnte. Währenddessen kam mir schnell ein zweiter Aspekt in den Sinn: sollten die Kameras sich selbst ablichten, wären das dann ja „Selfies“ und damit gleichzeitig eine Karikatur der Selbstdarsteller des immer noch allgegenwärtigen Selfiewahns. Während die Welt also über die letzten Jahre einer Unzahl an Selfies ausgesetzt war, sollten diese ungewöhnlichen Selbstportraits einen intimeren Einblick in diese einzigartigen „Persönlichkeiten“ vermitteln, oder wie Alexander Strecker, Redakteur bei LensCulture formulierte: „Das Selfie ist tot – lang lebe das Selfie!“

 

Wie bist du zur Fotografie gelangt? Sammelst du selbst Kameras?

Zur Fotografie bin ich gelangt, als mein Vater mir zum 6. Geburtstag meine erste Kamera schenkte, eine Agfa Silette, die ich immer noch habe und die natürlich auch ein CameraSelfie-Motiv ist. Im folgenden habe ich mich hauptsächlich mit Reise-, Landschafts- und Street- oder vielmehr „Urban“- Fotografie beschäftigt. Meine Canon A-1 war mir immer ein guter Begleiter, mittlerweile entsteht auch bei mir fast alles digital. Mit dem Sammeln habe ich erst begonnen, nachdem ich mit dem Projekt anfing; ich konnte mich, nachdem die Aufnahme im Kasten war, nicht mehr von der jeweiligen Kamera trennen. So stehen nun gut 80 Kameras in 2 Vitrinen in meinem Büro bzw. Studio. Und es werden unweigerlich mehr.

 

Auch nice: Der 19-jährige Mounir kann sich eben keine teure Kamera leisten, doch deswegen keine unglaublichen Fotos erschaffen? Für ihn keine Ausrede.

 

Du präsentierst uns in deiner Fotostrecke sehr alte Kameras. Aus welchem Jahr stammt die älteste und gibt es eine, die dir besonders am Herzen liegt?

Die älteste Kamera – ein ICA Lola Plattenkamera – sollte aus dem Jahr 1912 stammen. Am Herzen liegen mir als Fotograf im Grunde die optisch besonders interessanten, fast bizarren Kameras, wie die Indo Ultrafex mit ihrem außergewöhnlichen Bakelitgehäuse und die Canon Dial 35 Halbformatkamera mit ihren kreisförmig um das Objektiv angeordneten Fotozellen. Diejenige Kamera, die mir am meisten am Herzen liegt, ist meine eigene Agfa Silette, mit der bei mir in meiner Kindheit alles anfing. Die meisten der abgebildeten Kameras habe ich ersteigert oder von Menschen erworben, die durch Zeitungsartikel auf mein Projekt aufmerksam wurden und mich kontaktierten. Bei diesen Besuchen gab es viele Gelegenheiten, zu denen die Besitzer der Kameras die mit ihnen verbundenen Geschichten zum Besten gaben und in der Vergangenheit schwelgten. Ganz wunderbar. Übrigens war und ist nicht unbedingt die Anschaffung der Kameras der kompliziertere Teil bei den Vorbereitungen auf ein neues CameraSelfie, sondern die zeitgenössischen Tapeten, in die ich nicht wenig Recherchearbeit investieren musste.

 

Es gibt ja gerade den Trend, wieder zu älteren Kameras zurückzukehren, auch die Polaroid-Kamera ist momentan sehr im Kommen. Wie stehst du persönlich zu dieser Entwicklung, aber auch allgemein zum technischen Fortschritt in der Fotografie?

Insgesamt ist die Bandbreite der Möglichkeiten deutlich größer geworden. Zum einen haben wir mittlerweile eine unglaublich leistungsfähige digitale Fotografie, zum anderen haben wir die Freiheit, zur Abwechslung auch mal die alte Filmkamera auszupacken und damit zu experimentieren. Genau das erleben wir ja zur Zeit: die Rückbesinnung auf die Polaroid-Kamera, das große Angebot an modernen Adaptern für alte Objektive, die Neuauflage ganz alter Konstruktionen wie das Petzval, die Lomografie, kurz: die Sehnsucht nach authentischen Fotos, auf die man auch mal wieder länger zu warten bereit ist und deren Unvollkommenheit man – bei aller Perfektion der modernen Kameratechnik – schon fast herbeisehnt. Meine CameraSelfies sollen durchaus auch diese Sehnsucht abbilden – nicht traurig stimmen, dass diese Technik vergessen ist, sondern im Gegenteil dazu animieren, diese schönen Kameras wieder in die Hand zu nehmen und zu benutzen. Ich selbst nehme natürlich auch immer wieder eine meiner Kameras aus der Vitrine und probiere sie aus.

 

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