Eine Deutschlandflagge durch eine verregnete Scheibe betrachtet

Ich frage mich, ob er heute, knapp ein Jahr später, noch zum gleichen Schluss kommen würde. Und ich frage mich, wie es einer Gesellschaft gehen kann, die mittlerweile über ein Jahr mehr oder weniger eingesperrt ist, auf Distanz gehalten wird. Wie stabil ist ein Zusammenleben, das von der Angst geprägt ist, sich oder andere anzustecken und in der jeder, der für einen Moment nicht an alle anderen, sondern an sich selbst denkt, mit Verachtung abgestraft wird. Wo stehen die pluralistischen Grundwerte, wenn alles nur noch schwarz oder weiß gesehen wird? Jetzt, wo längst klar ist, dass die Gefahren der Pandemie nicht nur in der tatsächlichen Ansteckung am Virus lauern, sondern weit darüber hinaus schwere Folgen für die Menschen haben, wird es Zeit der Tatsache ins Auge zu sehen: Unserer Gesellschaft geht es nicht gut. Überall brodelt es unterschwellig, die Stimmung ist passiv-aggressiv. Es ist weniger Miteinander und mehr Gegeneinander. Und sie wird sich sicherlich nicht easy-peasy davon erholen – zumindest nicht ohne die Mitarbeit von allen.

Gemeinsam einsam ist besser als allein

Schaut man sich verschiedene Theorien zu den Bedürfnissen des Menschen an, so stolpert man früher oder später über eine elementare Komponente: die Gemeinschaft. Maslow nennt es ’soziale Bedürfnisse‘, bei Grawe heißt es ‚Bindung und Zugehörigkeit‘. Gemeinschaften, wie es sie in kleineren Dimensionen von Familien, Freundschaften und Partnerschaften gibt. Aber auch die Gemeinschaft, die man in Form von gesellschaftlichem Zusammenhalt findet. Egal in welcher Form Gemeinschaft auftaucht, sie dient dem Einzelnen in vielerlei Hinsicht. Einerseits finden wir dort Liebe, Unterstützung, Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit. Andererseits lehrt uns Gemeinschaft den Umgang mit anderen Meinungen und Konflikten, und vor allem gegenseitige Akzeptanz trotz unterschiedlicher Ansichten und Lebensweisen. Genau das ist es auch, was das pluralistische Konzept der Demokratie so stark macht: Trotz aller Freiheit für den Einzelnen zählt am Ende des Tages die Kraft der Gemeinschaft.