Komm mal alleine klar!

Trennung Geschenk an dich selbst

Jetzt sind wir allein. Egal ob wir uns getrennt haben oder ob man uns verlassen hat: die Liebe kaputt, der sorgfältig zusammengebastelte Traum entzwei. Wie soll es weiter gehen? Moving on lautet die Zauberformel. Aber was zur Hölle soll das bedeuten?

Viele von uns finden den Zustand des plötzlichen Alleinseins schrecklich unerträglich. Keine Nähe mehr zu teilen und die Person zu verlieren, der wir eigentlich bedingungslos vertraut haben, lässt uns nicht nur trauern – es macht uns Angst. Als logische Konsequenz hetzten wir oft unmittelbar zur nächsten Station…. nicht selten aus Furcht, diesen ominösen Bus den Lebens zu verpassen. Andere verharren wie erstarrt. An was können wir noch glauben, wenn nicht mal unsere Liebe hält? Und manche von uns werfen sich wieder ins Leben, als wäre es ein Planschbecken nach jahrelanger Trockenzeit. Über diese Menschen will ich reden – denn sie machen es richtig.

 

Es gibt die, die als Sieger aus einer Trennung gehen wollen – und die, die lügen

 

Die Auseinandersetzung mit dem Alleinsein trifft uns alle wohl am ehesten am Ende einer Beziehung. Jahrelang waren wir Teil eines Wirs, teilten Gedanken, Ängste, Entscheidungen und Gedankenbilder. Wir entwarfen Häuser aus Ideen, Berge aus „Wenn wir dann später mal…“ und überhaupt, haben wir uns ein bisschen von dem eigenen Ich verabschiedet. Nicht, dass wir uns in Beziehungen aufgeben, nein. Eher geht es darum, dass wir auf dem Pfad der Kompromisse unterwegs waren, immerzu den anderen und seine Bedürfnisse im Auge hatten. Ist ja auch verständlich: Wir wollen ja nicht nur uns selbst glücklich sehen, sondern idealerweise auch den Lebenspartner. Aus zwei mach eins – und die Unabhängig- und Eigenständigkeit schwimmt oft bei Paaren auf einem Floß der gemeinsamen Pläne langsam aus dem Sichtfeld.

Scheitert unser Beziehungsentwurf dann aber, stehen wir erst mal vor dem verdammten Kartenhaus der Lebensträume. Und es verhöhnt uns – unabhängig davon, wer gegangen ist. Zerschlagen, angerissen oder im worst case einfach komplett platt, glotzt uns das geschundene Kartenhaus an. Der Herzbube oder die Herzdame liegt irgendwo unter den Trümmern, auf einmal sind wir nur noch ein Ich. Still blickt uns der Trümmerhaufen in die Seele und flüstert irgendwann: „Und jetzt…? Hast du deine Schlacht gewonnen… oder verloren? Was machst du ohne den anderen?“

 

Wir schleppen ein Paket mit unseren verqueren Ansichten mit uns

 

Ich will nicht damit sagen, dass wir immer voller Kummer aus einer Beziehung heraustreten. Sind wir diejenigen, die eine Beziehung beenden, dann kann es sich das plötzliche Ich anfühlen wie ein Geschenk. Wir triumphieren als heroische Sieger! Ein neues Leben, eine neue Chance, die absolute Freiheit in unseren Köpfen. Es ändert aber nichts daran, dass wir stark verwundet sind. Über Monate oder Jahre haben wir in Beziehungsmustern gelebt, die uns oder unseren Partner auf lange Sicht unglücklich gemacht haben – diese Muster schleppen wir jetzt wie eine lange Robe auf unserem Rücken hinter uns her. Dieser Schleier gehört zu dem Päckchen, das wir uns über die Zeit gepackt haben. Unser Männerbild, unser Frauenbild, das Bild von Vertrauen und Zusammenhalt, alles steckt dort drin. Und alles davon ist auf einmal angeknackst. Nicht immer können wir gut damit umgehen. Jetzt gilt es, Schadenbegrenzung zu betreiben und uns wieder zu sammeln. Genau zu überlegen, worum es unserem Ich eigentlich geht.

 

Sex, ja – gleich eine neue Beziehung, nein!

 

Auf jeden Fall sollte es nicht darum gehen, sich um jeden Preis sofort an einen neuen Menschen zu wenden. Meistens sind die Affären, Partnerschaften oder Zwischendurchgeschichten unmittelbar nach einer großen Trennung sowieso zum Scheitern verurteilt. Vielmehr geht es darum, in genau den Lebensentwurf zu investieren, der nicht von deinem Expartner  – oder überhaupt irgendeinem Anderen – geprägt ist. Es geht darum, jetzt seine eigenen Entscheidungen zu treffen, das Leben neu auszurichten und sein Alleinsein solange auszuhalten, bis man lernt, es genießen zu können.

 

Der Gefallen an dich selbst liegt nämlich genau darin: Du kannst nun machen, worauf du Lust hast. Niemand da, der dich anklagend anblickt, wenn du tatsächlich in Betracht ziehst, im Ausland zu studieren. Niemand da, den du immer als stillen Begleiter in deine Lebensschritte miteinbeziehst. Ich rede von Jobwechsel. Umzug. Mutig sein. Die Nächte bis zum Morgengrauen voller Glitzer im Gesicht durchtanzen. Und nicht, weil du dort jemanden neuen aufreißen willst – sondern nur für dich. Um dich selbst spüren und dabei zu lernen, wie du dir selbst genug sein kannst. Dass heißt nicht, eine vermeintliche Einsamkeit zu akzeptieren – denn einsam sind wir eigentlich nicht. Es heißt, dich nicht über eine Beziehung zu definieren. Freundschaften intensiver wahrzunehmen und dir vielleicht erstmal Vertrautheit und Nähe über deine Lieblingsmenschen zu holen.

Denn das Ironische ist ja das: Bist du dir selbst genug, bist du für deine Mitmenschen interessanter und attraktiver als jemals zuvor. Und sie werden alles tun, um jemanden wie dich an ihrer Seite zu haben.

 

Bildquelle: Serkan Göktay via Pexels unter cc0 Lizenz

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!