EM 2016: Liebe Politik, lass endlich den Fußball in Ruhe!

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„Ich kann mich nicht erinnern, dass zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Kreisen Arm in Arm aus einem Opernhaus, einem Museum oder dem Bundestag gekommen sind“, sagte der deutsche Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld einmal und fasst damit sehr treffend zusammen, wieso keine andere Sportart und auch keine politische oder kulturelle Bewegung an den Fußball heranreicht: Dieser Sport verbindet.

Er weckt in jedem wahren Kind des Fußballs ein regelrechtes Glücksgefühl, wenn es nach langer Zeit mal wieder auf dem Rasen steht und endlich wieder seinem geliebten Ball nachjagen kann. Und jeder, der schon mal ein gutes Fußballspiel gesehen hat, weiß, wie mitreißend dieser Sport sein kann – früher oder später zieht er wohl jeden in seinen Bann.

Auch jetzt, während der Europameisterschaft in Frankreich, scheint unsere Fußballnation langsam aber sicher von jener prickelnden Welle der Freude erfasst zu werden: Auf den Schulhöfen werden fleißig Panini-Bildchen getauscht und auf deutschen Balkonen wieder Schwarz-Rot-Gold Flaggen ausgehängt. Und plötzlich ist der Prollschick á la Poldi (extralange und ultraweite Shirts mit tiefsitzenden, nietenbesetzten Rucksäcken) keine Seltenheit mehr, sondern ein Massenproblem…äh, Phänomen.



 

Was hat Boateng mit der Pegida zu tun?

 

Doch nicht nur die Gesellschaft hat dieser Tage nur noch Fußball im Kopf. Fast stündlich erreichen uns neue politische Schreckensmeldungen – und zu oft stehen sie in direktem Zusammenhang mit dem Fußball. Dabei ist es kein Novum, dass die Politik den Fußball mittlerweile auf scheinbar jeder Ebene durchdringt. Da wären zum Beispiel Angela Merkel und Joachim Gauck, die sich auf jedem Fußballspiel unserer Nation blicken lassen (müssen). Es wäre dieser Tage als höchstes, politisches Symbol zu werten, wenn unsere Bundeskanzlerin damit droht, die umstrittene WM in Katar zu boykottieren.

Und trotzdem scheint sich jene Unvereinbarkeit in den letzten Wochen nur noch verstärkt zu haben: Da wäre zum Beispiel Pegida, die sich über Kinderschokolade aufregt, weil auf den Verpackungen Fotos vom jungen Mesut Özil und Jerome Boateng abgebildet sind. Oder der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, der Boateng öffentlich beleidigt. Oder ein paar Internetnutzer, die sich nach dem Ausfall des Verteidigers Antonio Rüdiger „erleichtert“ zeigen. Oder – zugegebenermaßen ein nicht ganz so aktuelles Beispiel – ein paar deutsche Fußballer, die sich nach ihrem WM-Sieg 2014 für ihren betrunkenen Gaucho-Tanz verantworten müssen.

 

Sportler sind keine politischen Akteure

 

In all diesen Fällen stellt sich die immer gleiche Frage: Warum? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Seit wann ist die Politik aus dem Fußball nicht mehr wegzudenken? Warum ist es nicht mehr möglich, sich einfach nur noch über unsere Nationalmannschaft zu informieren, ohne im gleichen Atemzug auf Begriffe, wie „Rassismus“ oder„Migrationshintergrund“ zu stoßen? Boateng ist ein stinknormaler Fußballer, der mit Politik höchstwahrscheinlich genauso wenig am Hut hat, wie Gauland mit dem beliebtesten Sport der Deutschen. Und trotzdem muss er nun wohl oder übel den Kopf hinhalten für eine Rassismusdebatte, die er mit Sicherheit nicht angestoßen hat.

Und schon 2014 schrie das ganze Land auf, nach dem legendären Gaucho-Gate: Wie konnten die Spieler es auch wagen, sich und unsere Nation so über die geschlagenen Argentinier zu erhöhen. Ja, da sind sie empfindlich, die Deutschen. Dabei ist es ziemlich schwachsinnig hinter alldem einen tieferen Sinn zu vermuten. Das waren nämlich keine politischen Akteure, die dieses bescheuerte Lied gesungen haben. Das war ein Haufen betrunkener Fußballer.

Aber genau da liegt das Problem: Die Grenzen scheinen immer mehr zu einer Einheit zu verschwimmen – keine Politik ohne Fußball, kein Fußball ohne Politik. In einem Land scheint diese Entwicklung jedoch besonders rasant voran zu schreiten: Russland. Hier sollen höchste Regierungskreise um den Sportminister Witali Mutko die eigentlichen Drahtzieher hinter dem systematischen Dopingbetrug der russischen Nationalmannschaft sein.

Ein Phänomen das zeigt, wie gefährlich der politische Einfluss im Sport tatsächlich sein kann. Spätestens, wenn hierzulande also erste Parteien Vereine sponsern und somit direkten Einfluss auf die Spieler nehmen, wissen wir: Jetzt haben wir wirklich ein Problem.

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Bildquelle: Arne List unter CC by SA-2.0 Lizenz