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Herzlichen Glückwunsch, du bist Deutscher!

Wie viel Glück sie wirklich in der Geburtenlotterie hatte, versteht unsere Autorin erst nach einer Reise durch den Kosovo – dort, wo ein deutscher Reisepass Gold wert ist.

„Oh. Mein. Gott.“
Das Mädchen starrt auf das handtellergroße, rotbraune Büchlein, das ich ihr in die Hand gedrück habe, als wäre es der heilige Gral. „Oh. Mein. Gott.“ Dann erhellt sich ihr Gesicht und sie fängt an zu grinsen. „Lass mich ein Selfie damit machen.“ Sie posiert für ein paar Fotos und zieht dann lachend ihren Arm weg, als ich nach meinem Reisepass greifen will. „Vergiss es, den behalte ich. Mit meinem kann ich ja eh nicht viel anfangen.“

 

Kurztrip? Kannste streichen.

 

Was wir Deutschen nach viel zu langem Warten im Kreisverwaltungsreferat überreicht bekommen und danach eher nachlässig in irgendeiner Ecke unserer Wohnung verstauen, ist hier so viel wert wie ein Barren Gold. Hier, das ist im Kosovo, dem jüngsten Land Europas. Erst 2008 hat sich Kosovo für unabhängig erklärt, aber nur 108 von 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben diese Unabhängigkeitserklärung auch anerkannt. Nicht dazu gehört zum Beispiel Serbien – das Land erhebt weiterhin Anspruch auf den Kosovo -, aber auch Russland, Griechenland und Spanien erkennen die Republik Kosovo nicht als unabhängig an. Mitglied der EU und der visafreien Zone ist das kleine Land auch nicht. Das heißt für die Kosovaren ganz konkret: Für jeden noch so kurzen Aufenthalt im Ausland brauchen sie ein Visum. „Lass mal ’nen Kurztrip machen!“ läuft hier nicht. Lediglich in Länder wie Serbien, Albanien und die Türkei können sie ohne Aufenthaltsgenehmigung reisen. Deutschland? Eher nicht.

 

150 Euro für einen Termin in der Deutschen Botschaft

 

Denn um ein Visum für einen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen, müssen die Antragsteller einen enormen bürokratischen Aufwand betreiben; sogar, wenn sie für ein Praktikum oder eine Ferienbeschäftigung nach Deutschland wollen. Die Deutsche Botschaft in Kosovos Hauptstadt Prishtina ist dafür die einzige Anlaufstelle – und damit komplett überfordert. Recherchen des Magazins Kosovo 2.0 zufolge wird das virtuelle Terminbuchungssystem der Botschaft von Privatleuten und „Agenturen“ beherrscht, die die freien Termine reservieren und dann weiterverkaufen. Das ist natürlich illegal, wird aber ganz offen praktiziert. Auf Facebook finden sich Dutzende Sites, die solche Termine verkaufen – für einen Preis von bis zu 150 Euro. Dieses Modell ist oftmals die letzte Chance für Kosovaren, einen heißbegehrten Termin in der Botschaft zu ergattern. Die Summe entspricht dabei fast der Hälfte des Durchschnittslohns, der in Kosovo bei gerade mal 400 Euro liegt. Die Deutsche Botschaft in Prishtina streitet derweil ab, dass sie mit diesen Vermittlungsplattformen zusammenarbeitet, wobei Kosovo 2.0 Hinweise vorliegen, dass die zuständigen Vertreter innerhalb der Botschaft die Machenschaften der sogenannten Agenturen zumindest billigen. Ähnliche Probleme gibt es auch mit den Konsulaten im Libanon und der Türkei.

 

Putzen statt Interviews

 

Für uns Deutsche sind das Probleme, mit denen wir uns wohl niemals befassen müssen. Der deutsche Reisepass ist der mächtigste der Welt. Für uns ist es normal geworden, Praktika, Jobs und Urlaube dort zu verbringen, wo es uns am besten gefällt. Was für ein unglaublicher Luxus das ist, wird dir erst bewusst, wenn du auf kosovarische Studenten stößt, die ihr Geburtsland nie verlassen haben. Einfach, weil sie weder das Geld, noch das benötigte Visum dafür haben. Mit 400 Euro im Monat musst du ganz schön lange sparen, um mal eben ein Wochenende in Paris zu verbringen. Oder eben für eine Ferienbeschäftigung nach Deutschland gehen – weshalb meine Freundin V., die eigentlich gerade an der Universität von Prishtina ihren Master im Fach Journalismus macht, fließend Deutsch spricht und, wie so viele junge Kosovaren, riesig viel Potential in sich trägt, in einem Münchner Krankenhaus die Böden putzt. Für einen Zehner die Stunde, vierzig Stunden die Woche, zwei Monate lang. Für sie geht die Rechnung auf: Mehr als einen Euro Stundenlohn gibt es im Kosovo selten.

 

Deutsche, steigt endlich von eurem hohen Ross herunter!

 

Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass hier trotzdem niemand aufgeben will. Alle klammern sich an die Hoffnung, dass die Visafreiheit doch noch bald kommen wird – im Mai diesen Jahres hat die Europäische Kommission ihre lang ersehnte Empfehlung dafür gegeben. „I know how important visa-free travel is for the people of Kosovo and I am very satisfied with the progress achieved. I hope that the European Parliament and the Council will adopt our proposal very soon“, sagte Dimitris Avramopoulos, Kommissar für Migration, Inneres und Bürgerschaft hierzu. Wie wichtig die Visafreiheit wirklich für die Kosovaren wäre, können wir kaum erahnen. Wir, die wir einfach nur Glück hatten, dass unsere Mutter uns zufällig in einer der größten Wirtschaftsnationen zur Welt gebracht hat, die wir alles haben, was wir brauchen und trotzdem rummeckern, wenn ein paar arme Seelen aus den letzten Winkeln der Welt bei uns Schutz suchen und etwas abhaben wollen vom saftigen deutschen Kuchen. Deutsche, steigt endlich von eurem hohen, arroganten, überfütterten Ross herunter und seht, wie verdammt viel Glück wir bei der Geburtenlotterie hatten.

Das Mädchen, das ein Selfie mit meinem Reisepass haben wollte, hat übrigens schon 26 mal versucht, ein Visum zu bekommen. Sie will ein Praktikum in Deutschland machen. Jedes einzelne Mal bekam sie eine Absage. Der Grund: „Eine Rückkehr ist nicht garantiert.“

 

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Bildquelle: Golf Resort Achental Team unter CC BY 2.0

 

Kommentare

  1. Ich kann auch nicht reiten.

    Liva Pininfarina / Antworten
  2. Ich verdiene auch nur einen 10er brutto die Stunde, also wieso sollte ich von meinem „hohen Ross“ absteigen? Ich bin ja nicht mal drauf!!! Und zu uns kommen nicht nur „paar arme Seelen“.

    Putzerin / Antworten

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