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Tradition. Brauchtum. Und Rassismus.

Der „Zwarte Piet“ darf weiter durch niederländische Straßen ziehen. Ein Brauchtum mit Verfallsdatum.

Von Melanie Wolfmeier 

Die Niederländer lieben Farben. Immerhin schicken sie ihre Fußball-Nationalspieler in grellen orangefarbenen Trikots aufs Feld. Warum also sollte man sich wegen ein bisschen schwarzer Schuhcreme im Gesicht spießbürgerlich aufplustern? Sollte man nicht, meint das höchste Verwaltungsgericht in Den Haag – und vertieft damit den unsichtbaren Graben, der sich schon seit längerem durch das Land zieht.

Jedes Jahr, immer Mitte November, ziehen Scharen von Nikoläusen in Begleitung ihrer Helfer durch die Straßen unseres Nachbarlandes. Sinterklaas, leicht zu erkennen an würdevoller roter Gewandung, wird verfolgt von einem clownsähnlich gekleideten Mann mit schwarz bepinseltem Gesicht und knallroten Lippen. Genau an dieser Aufmachung des „Zwarten Piets“, also des Schwarzen Piets, stören sich viele Niederländer. Dem Argument der Traditionalisten – „das war schon immer so!“ – können die Gegner des Schwarzen Piets nicht viel abgewinnen. Sie stufen die Darstellung als eine „negative stereotype Figur“ ein und geben der Rassismusdebatte einen neuen Dreh.

 

Vom Problem an der Wurzel

 

Tradition. Ein Wort, das jedes Land mit anderen Inhalten füllt. Das Königsbuch der Rechtschreibung – der Duden – spuckt folgende Definition aus: „etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o.Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation [innerhalb einer bestimmten Gruppe] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat].“ Vor diesem Hintergrund hat die Begründung der Schwarzen-Peter-Fans meine Zustimmung erhalten.

Wieso sollten sich Menschen von einer Albernheit für Kinder diskriminiert fühlen? Kinder kapieren doch gar nicht, was sich da hinter dem Brauchtum abspielt. Denen geht’s nur darum, wie viel Schokolade sie abstauben können und dass sie als brave Kinder die Belohnung einheimsen, die ihnen das ganze Jahr über versprochen wurde. Eine Kultur begründet sich eben auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl, weshalb Brauchtum und Tradition erhalten bleiben sollten. Es sind diese harmlose Geschichten, die ein Volk unter anderem ausmachen.

 

Bleibende Spuren aus der Kindheit

 

Der Kostümspaß findet aber spätestens dann ein Ende, wenn sich unschuldiges Kinderdenken verabschiedet und man im von Gewalt durchzogenen Erwachsenenland landet. Zeit Online berichtet vom Schicksal des Protestanführers Quinsy Gario, dessen Mutter wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert und als „Zwarte Piet“ beschimpft wurde. Und sie ist längst kein Einzelfall. Gario setzt sich seitdem für eine Änderung der Figur ein – weshalb ihm Hasswellen entgegenschlagen und Morddrohungen ins Haus flattern.

Geschichten, die wir als Kleinkinder erzählt bekommen haben, sind nicht spurlos an uns vorbei gegangen. Gerade im Kindergartenalter wurden wir von unseren Eltern mit Käpt’n Blaubär-Klamauk gefüttert. Was aber auch völlig normal und mitunter notwendig ist. Familienberater Jan-Uwe Rogge erklärt der Süddeutschen Zeitung: „Kinder zwischen drei und neun Jahren sind in einer magisch-realen Phase.“ In dieser Phase wollen wir Geschichten hören, die unserem Realitätssinn eine Prise Zauber hinzufügt. Dieses Bedürfnis rechtfertigt die kleinen Schwindeleien unserer Eltern: „Auch an den Weihnachtsmann und an das Christkind glauben die Kinder nicht nur einfach so, sie wollen daran glauben. Also lügen Eltern ihre Kinder nicht an, sondern bereichern vielmehr ihre Traumwelt. Der Glaube an das Christkind hört mit dem Ende dieser magischen Phase von allein auf.“

Das stimmt insofern, als dass wir ab einem gewissen Alter aufhören, hoffnungsfroh-naive Wunschzettel zu kritzeln. Aber eingetrichterte Bilder und Geschichten sind dennoch tief verankert. Der Historiker Arnold Suppan schreibt in seinem Aufsatz „Identitäten und Stereotypen in multiethnischen europäischen Regionen“ folgendes: „Das Bild vom anderen, das Fremdbild, ebenso wie das Selbstbild entsteht aus dem Bedürfnis von Individuen, Gruppen und Nationen, sich eine klar geordnete Welt einzurichten und sich in dieser sozial bestätigt zu sehen.“ Was nichts anderes heißt, als dass Bilder von den definitiv nicht europäisch aussehenden, dunkelhäutigen „Zwarte Piet“-Clowns Grundlagen der Vorurteilsbildung, Stereotypisierung und letztendlich auch Diskriminierung bilden können.

 

Befehl von ganz oben

 

Auch, wenn wir uns schon seit Jahrhunderten an sie klammern: Manche „Wahrheiten“ aus unserer Kindheit sind völlig überholt. Erst vor ein paar Wochen musste sich auch Pippi Langstrumpf an das neue Zeitalter anpassen und darf ihren Papa fortan nicht mehr als „N****könig“ bezeichnen. Das muss auch nicht sein. Statt auf Unterschiede hinzuweisen, sollten wir Kindern beibringen, über äußere Merkmale hinwegzusehen und uns alle als das wahrzunehmen, was wir sind: Menschen.

Auch in den Augen der UNO ist der vorweihnachtliche Umzugsbrauch mehr als reif für eine Überarbeitung. Aber gegen das Urteil des obersten Gerichts der Niederlande kann man nichts machen. Genauso, wie die Fußballmannschaft weiterhin so aussehen wird, als wäre sie eine Mischung aus Müllmännern und Kürbissen, wird auch der Sinterklaas weiterhin auf die Begleitung seines schwarz bemalten Knechts zählen können. Die Mehrheit der Niederländer jubelt angesichts der geretteten Kindheitserinnerung. Eine Reaktion, die die Frage nach sich zieht, wie wertvoll Traditionen wirklich sind. Sie mögen zwar einer Kultur internen Halt bieten – aber gleichzeitig bewirken sie, dass wir andere Gruppen immer als andersartig und fremd auffassen werden.

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Bildquelle: flash.pro unter CC BY 2.0

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