Eine Idee Liebe: Ist die Liebe eine Erfindung?

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Die romantische Liebe ist zum zentralen Motiv unserer Paarbeziehungen geworden. Dass sie der Kitt zweier Menschenleben ist, ist dabei eine noch recht junge Erfindung. Seitdem hat sich viel getan. In dieser Kolumne beschäftigen sich unsere zwei Autorinnen Lena und Rahel mit dem Ursprung der romantischen Liebe. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ist die Liebe zwischen Swipe links und Swipe rechts nur noch ein Produkt der Liebesökonomie?

Wieso sehen wir es als romantisch an, wenn der Mann seiner Liebsten Blumen schenkt und nicht umgekehrt? Das Nachrichtenschreiben, der erste Kuss, das erste Mal, all die ersten Schritte bleiben oftmals dem Mann vorbehalten – weil es romantischer ist, wenn ER den ersten Schritt macht, weil es bedürftig ist, wenn SIE es tut. Und die Frauen? 

Das Leben der Frau erstreckt sich in diesem Rahmen zwischen Ja und Nein. Sich der Zuneigung des Mannes anzunehmen oder sie zu verweigern, das sind oftmals ihre einzigen Wahlmöglichkeiten, um auf dem Markt der Liebe interessant zu bleiben. Die Erwartungshaltung an unsere Partnerschaft ist hoch. Leidenschaftlich und gemütlich zugleich muss es sein. Aufregung und Gewohnheit, Abenteuer und Alltag müssen unter einen Hut gebracht werden. Langweilige Liebe hat in einer konsumorientierten Welt wie der unseren keinen Platz. Aber woher stammen eigentlich unsere Erwartungen, die wir an die Liebe richten?

Was war zuerst da – die Liebe oder ihre Idee? 

Ein Zitat von La Rochefoucauld lautet:

„Wenige Leute würden sich verlieben, wenn sie nicht davon gehört hätten.“

Was der französische Literat hier andeutet, entspricht dem Konsens der modernen Forschung. Demnach haben Bücher und Massenmedien im Allgemeinen Einfluss darauf, wie die Menschen die Welt wahrnehmen und gestalten. Die Wirklichkeit von der Fiktion zu unterscheiden wird hier zur Mammutaufgabe. Wie die Werbung, so prägen uns auch die Liebesgeschichten, die wir rezipieren. Ob Filme und Bücher, soziale Medien oder auch die Menschen in unserem Umfeld – die Idee der romantischen Liebe wird beständig weitergetragen. 

Dabei ist die Leitidee der romantischen Liebe, im Sinne einer leidenschaftlichen, alles verzehrenden Liebschaft noch recht jung. Sie ist eine Erfindung, deren Ursprung Mitte des 18. Und 19. Jahrhunderts zu verorten ist. So hat die Epoche der Romantik mit ihren Liebesromanen den Werdegang der Liebe maßgeblich geprägt. Die Bücher richteten sich gegen eine veraltete und lieblose Ehekonvention und schürten sogleich den Wunsch nach einer aufregenden Erfüllung in der Partnerschaft. Die Liebe einmal in den technischen Blick geraten wurde zugleich zum Konsumgut schlechthin. So machten vor allem die Massenmedien Gebrauch von ihr. Die Herzschmerzliteratur verkaufte sich gut und veränderte zugleich die eigenen Bedürfnisse. An die Stelle einer verpflichtenden Ehe trat nach und nach eine freie, romantische Liebesbeziehung. Die Liebe ist also freier geworden und gleichzeitig schwieriger, weil es nicht mehr so leicht ist, die hohen und oft widersprüchlichen Erwartungen zu erfüllen.

Als Bücherwurm das Licht der Welt erblickt, verzehrt sie auch heute noch Kästner, Precht und Heidegger zum Frühstück. Auf der Suche nach der perfekten Metapher treibt sie das Fernweh in die schönsten Schlupfwinkel der Erde. Wenn sie nicht schreibt oder liest, findet man sie in den Bergen, beim Klettern, oder auf ihrem Pferd durch die Großstadtprärie reitend.