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Eine Liebeserklärung an: Die Brieffreundschaft

Messenger nutzen wir alle, Brieffreundschaften im Gegensatz dazu werden immer seltener. Dabei ermöglicht uns der Brief wirklich wundervolle Freundschaften.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

 

In Zeiten, in denen man Neuigkeiten und Nachrichten in Sekundenschnelle verschicken, schreiben und lesen kann, wann und wo man möchte, denkt kaum noch jemand an das gute alte Briefe-Schreiben. Einen Stift und Papier in die Hand zu nehmen ist total out, und im schlimmsten Fall werden damit noch unliebsame Erinnerungen an die Schulzeit assoziiert. Schreiben ist anstrengend, man muss sich konzentrieren und irgendwann schmerzt doch immer das Handgelenk. Ist es da nicht viel einfacher, schnell eine Mail oder eine Sprachnachricht zu verfassen? Klar, das mag sein! Aber kann eine SMS oder WhatsApp-Nachricht jemals so viel Gefühle offenbaren wie ein persönlicher Brief? Sind tausende bunte Emojis, die Wörter ersetzen wirklich so nah am Menschen, wie dessen Handschrift welche der Schreibpartner erstmal entziffern muss?

Mit Briefen verbindet man eher die Schriftwechsel von Goethe und Schiller, romantische Liebesbriefe, die in einem bunt blühenden Rosengarten à la Jane Austen entstanden sind – oder allenfalls noch das Versenden von Rechnungen. Briefe sind heutzutage selten geworden, noch seltener ist die Brieffreundschaft. Dabei waren Briefe nicht nur vor 100 Jahren nützlich, um bedeutsame Kontakte und spannende Liebschaften herzustellen, sondern auch heute bieten sie noch eine wundervolle Art der Kommunikation, die ganz besondere und einzigartige Freundschaften entstehen lassen können.

Diese Form der Freundschaft, die zu großen Teilen aus dem Kontakt über kleine, handgeschriebene Nachrichten besteht, in denen man aus seinem Leben erzählt, ist etwas ganz Besonderes. Ich liebe es, Briefe zu schreiben. Und ich liebe es, Briefe zu lesen. Gerade jetzt, wenn das Wetter wieder schmuddelig wird und nach ruhigen Couch-Nachmittagen schreit, freue ich mich darauf, mich mit meinem ganz persönlichen, nur für mich geschriebenen Brief einzumummeln und in das Leben meiner Brieffreundin einzutauchen: schmunzelnd zu lesen, wie sie sich über Kleinigkeiten aufregt; ihren Herzschmerz mitzufühlen oder mich einfach nur mit ihr zu freuen.

Oma freut sich

Bestimmt hat jeder von uns früher den Großeltern bereits kleine Briefe geschrieben: „Hallo Oma, wie geht es dir? Mir geht es gut. Ich freue mich auf den Kuchen.“ Und hat es uns nicht allen Spaß gemacht, diese Zeilen zu verfassen und sie ihnen dann zuzustecken? Und wie schön war es doch zu sehen, wie sich Oma darüber freut? Genauso ist es, wenn man eine Brieffreundschaft pflegt. Was vorsichtig und ideenlos beginnen mag, kann sich zu einer bedingungslos offenen und sehr intimen Freundschaft entwickeln. Ähnlich der Briefe an Oma waren auch die Anfänge meiner Brieffreundschaft. Doch aus kleinen Fragen, die sehr an ein Freundebuch erinnerten, wurden irgendwann seitenlange Erzählungen, die Themen wurden immer persönlicher, der Kontakt immer vertrauter. Indem man miteinander schreibt, öffnet man sich seinem Gegenüber: Man schafft Nähe, obwohl man weit voneinander entfernt sein mag.

Briefe sind eben etwas sehr Persönliches. Neben dem reinen Inhalt offenbaren sie so viel mehr: man entziffert die Handschriften, fühlt seinem Schreibpartner nach, wenn er sich gerade in Rage schreibt und die Buchstaben immer undeutlicher werden, man spürt die Aufregung, wenn vom ersten Kuss erzählt wird. Für den Verfasser ist der Brief wie ein Tagebuch, für den Leser wie eine kurze Erzählung. Für einen kleinen Moment verlässt man die eigene Realität, um in das Leben seines Freundes einzutauchen.

Wie ein persönliches Treffen

Einen Brief zu schreiben, erfordert Zeit. Ihn zu lesen ebenso. Es ist eine spannende Form der Kommunikation, eben weil sie nicht nebenbei erfolgen kann, sondern stets etwas Besonderes bleibt. Gerade wenn man sich nicht so häufig sehen kann, ist es umso schöner, sich in Ruhe alles „erzählen“ zu lassen und ist selbst darum bemüht, seinem Brieffreund alles möglichst detailliert und bunt zu beschreiben. Es ist wie ein persönliches Treffen: man nimmt sich bewusst Zeit, um seinen Brieffreund am eigenen Leben teil haben zu lassen – auch wenn man sich nicht sehen kann. Briefe liest und schreibt man in einer ruhigen Minuten, einer gemütlichen Ecke und im Idealfall ohne Ablenkung. Voll und ganz konzentriert man sich in dieser kurzen Zeit des Lesens auf die Erzählungen seines Brieffreundes – ohne ständig auf die anderen Chat-Verläufe stieren zu müssen. Tatsächlich verschwinde ich für einen Moment aus meiner eigenen Realität, wenn ich einen Brief lese. Ich stelle mir genau vor, was meine Brieffreundin erlebt hat, und versinke in ihren Erlebnissen – vergleichbar mit einem Buch. Nur dass es sich bei dieser Textform nicht um fiktive Charaktere handelt. Für einen kurzen, schönen und spannenden Moment nehme ich am Leben meiner Freundin teil.

Wenn der Postmann…

Genau das ist es, was ich an der Brieffreundschaft so sehr liebe! Obwohl man meilenweit voneinander entfernt lebt, ist man sich dennoch besonders nahe. In Briefform kommuniziert man auf eine persönliche Art und Weise, die sich in einer Handy-Nachricht in dieser Form einfach nicht erreichen lässt. Ich mag es sehr, Briefe zu schreiben, sie einzutüten, zu frankieren und zu verschicken. Ebenso liebe ich es, Briefe zu empfangen und sofort zu lesen, sobald die Zeit es zulässt. Dabei ist der schönste Moment immer der, wenn man den Briefkasten öffnet und endlich den lang ersehnten kleinen Umschlag darin findet.

 

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Bildquelle: Pexels unter CC0 Lizenz

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