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Farras, 22, sorgt als Schiedsrichter für ein faires Fußball-Spiel

Schiedsrichter werden immer von einer Seite angefeindet. Wie geht man damit um? Ein Gespräch mit Farras Farid, Schiedsrichter aus München.

Egal, wie gut ein Schiedsrichter ist – irgendjemandem passt die Entscheidung mit Sicherheit nicht. Farras Fathi ist Schiedsrichter in München. Der Politikwissenschaftsstudent ist hobbymäßig auf dem Platz im Einsatz. Angemeldet ist er bei dem Verein SV Stadtwerke München und pfeift Spiele der Bezirksliga und als Assistent in der Bayern-Liga. „Man ist bei einem Verein angemeldet, also pfeift man in deren Namen, wird dann aber von einer Schiedsrichtergruppe aus dem Umfeld eingeteilt. Meinen eigenen Verein darf ich natürlich nicht pfeifen“, erklärt der 22-Jährige.

„Man braucht schon einen Sinn für Gerechtigkeit“

Als Jugendlicher hat Farras selbst Fußball gespielt. Obwohl er mit dem aktiven Spiel aufgehört hatte, hat er, wie er erzählt, mit 18 noch Lust gehabt, „was mit Fußball zu machen“. Aus diesem Grund machte er den Schiedsrichter-Schein.

Was die Voraussetzungen für die Schiedsrichter-Tätigkeit sind? „Man braucht schon einen Gerechtigkeitssinn“, meint Farras. Er selbst schätzt die Herausforderung, mit Menschen aus allen Lebensbereichen konfrontiert zu werden und umgehen zu müssen. Ist er dann auch besonders regelkonform? Farras lacht, „teilweise“ meint er. Es fließen aber nicht nur die konkreten Regeln in die Entscheidungen auf dem Platz ein. „Entscheidungen sind, auch auf dem Fußballplatz, selten schwarz oder weiß, es gibt immer einen Interpretationsspielraum. Eine Entscheidung ist immer eine Mischung aus vielen verschiedenen Einflüssen.“

„Vorfälle wie in Münster zeigen, wie wichtig Schiedsrichter sind“

In Münster wurde kürzlich ein Unparteiischer k.o. geschlagen. Solche Fälle kommen vor, sind aber selten, sagt Farras. Er selbst hatte die Meldung auf Facebook gesehen. „Danach tauscht man sich natürlich in den Schiedsrichter-Whatsapp-Gruppen aus, wir waren alle schockiert“, erzählt Farras. Angst habe er aber deswegen nicht, höchstens Respekt vor dem, was passieren kann. Auf der anderen Seite wird für ihn dadurch nur die Relevanz von Schiedsrichtern bestärkt. „Spieler können sich nicht so verhalten, das geht nicht“, sagt er. „Schiedsrichter pfeifen ja nicht, weil sie sich für so toll halten, sondern damit es ein Spiel gibt. Solche Vorfälle zeigen, wie wichtig das ist“. Das Gewaltpotenzial auf Fußballspielen ist auch für Farras schwer einzuschätzen. „Man muss aber auch sagen, in 90 bis 95 Prozent der Fällen geht alles gut, solche Zwischenfälle sind wirklich nur Ausnahmen“, betont er. Selbst habe er ein einziges Mal eine unangenehme Situation erlebt, bei der die Mannschaft immer weiter auf ihn eingegangen ist, bis er das Spiel abbrechen musste.

„Schiedsrichter geraten immer mehr in den Fokus“

Was er aber feststellt, ist eine Verschiebung der Gewaltprojektion. Schiedsrichter geraten immer mehr in den Fokus, keiner ist mehr gewillt, seine Fehler einzugestehen. „Also wenn ich ein Eigentor mache, muss ich mich doch fragen, was ich falsch gemacht habe“, sagt Farras. Das machen viele nicht mehr. Die Schuld wird meistens eher beim Schiedsrichter gesucht. Vor allem auch von Seiten der Trainer. „Im Jugendbereich sind es die Eltern, die einem Stress machen, weil sie ihre Kinder pushen wollen, die können einen auch echt nerven“, erzählt er.  Meist seien die Eltern im Jugendbereich deutlich aggressiver als die Spieler selbst. Die Jugendlichen lassen sich dann von deren Aggressivität anstecken. Im Herrenbereich kommen die Angriffe eher von den Trainern, da hier auch die Zuschauerränge klar vom Spielfeld getrennt sind, sich Zuschauer und Spieler also nicht gegenseitig aufheizen können. Zum größten Teil handle sich hierbei aber um verbale Aggressionen, erzählt Farras.

Er kann das gut, mit Aggressionen umgehen. Zum Teil habe er es schon immer gekonnt, zum Teil auch durch das Pfeifen gelernt. Vor allem die Fähigkeit, sich in Konfliktsituationen in sein Gegenüber hineinzuversetzen, habe ihm sehr geholfen, auch im Alltag. Auch Schiedsrichter machen Fehler, niemand ist nunmal unfehlbar. Auch Farras hat schonmal Entscheidungen bereut. In solchen Momenten geht er auf die Spieler zu und entschuldigt sich. „Man trifft 200-300 Entscheidungen pro Spiel, klar gehen da welche daneben“, sagt er. Die Spieler verzeihen dem Schiedsrichter, wenn er seine Fehler ehrlich zugibt. „Ich will da ja nicht wie der Diktator über den Platz laufen“.

Gibt es Vereine, bei denen die Stimmung aggressiver ist? „Ja, es gibt schon Vereine, bei denen man mehr investieren muss, um die Kommunikation aufrecht zu erhalten“, meint Farras. Dennoch, betont er, als Unparteiischer müsse man immer unbedarft an ein Spiel herangehen. Er selbst versuche in schwierigen Situationen, mit den Spielern zu sprechen, die gerade sehr aufgebracht sind, „ein ‚ich verstehe dich‘, kann manchmal Wunder bewirken“. Wenn das nicht funktioniert, versucht er, nicht mehr auf die Provokationen einzugehen, den Spieler zu ignorieren. Entscheidungen müssen immer klar kommuniziert werden, das ist für ihn die Hauptaufgabe eines Schiedsrichters. Er muss dafür sorgen, dass die Mannschaften seine Beschlüsse nachvollziehen und mittragen können. Das schönste Gefühl ist es für ihn, wenn die Verlierer-Mannschaft nach dem Spiel auf ihn zu geht und sagt – gut gepfiffen. Nur selbst kann Farras kein Fußballspiel mehr ansehen. „Ich kann jetzt bei keinem Spiel mehr als Fan zuschauen, ich schaue nur noch auf den Schiri, ganz schlimm“, sagt er und lacht.

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Bildquelle: Fupa.net

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