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Langzeitbeziehungen: Sexflauten haben auch Vorteile!

Am Anfang sind es die ganz großen Gefühle. Schon beim Gedanken an ihn hat sie rasendes Herzklopfen, wenn sie sich sehen ist es die pure Leidenschaft und nur eine einzige Berührung reicht aus, um ihren Körper vor all der tief empfundenen Glückseligkeit beinahe explodieren zu lassen. Doch auf die vielen, endlosen Stunden unbändiger Sehnsucht folgt etwas, dem früher oder später auch das glücklichste Paar nicht entkommen kann: Alltag, Ödnis, Übersättigung. Man kennt die gemeinsamen Vorlieben im Bett mittlerweile in- und auswendig und hat selbst die außergewöhnlichste und schwierigste Sexpraktik ausprobiert und perfektioniert. Was sie auch versuchen, nichts kann die anfängliche Leidenschaft neu entfachen, die Gewohnheit löscht selbst die schwächste, lodernde Flamme sofort wieder aus. Und so wird die schwindelerregende Hochstimmung abgelöst vom harten Boden der Ernüchterung, auf dem sie nach einer gewissen Zeit zwangsläufig unsanft aufschlagen und sich frustriert fragen „Und das soll’s jetzt schon gewesen sein?“

Diese Geschichte ist frei erfunden und trotzdem mitnichten ein Einzelfall. Sie beschreibt den frustrierenden Alltag von fast zwei Dritteln deutscher Paare – laut einer Studie der Universität Göttingen sollen nämlich 65 Prozent der Deutschen sexuell unzufrieden sein. Das klingt bitter und enttäuschend, aber eigentlich auch völlig logisch: Routine geht immer auch mit Langweile einher, da ist die Flaute eigentlich ein Selbstläufer.

Ist das ewig perfekte Sexleben eine Illusion?

Dass das alles also völlig normal ist, würde den frustrierten Paaren wohl jeder deutsche Sexualtherapeut versichern – der Ansatz von David Schnarch, dem führenden Sexualtherapeuten in den USA, ist allerdings ein anderer. Der Psychologe glaubt tatsächlich, dass das fehlende, sexuelle Verlangen in Beziehungen ein positives Zeichen ist.

Seiner Meinung nach ist sexuelle Frustration ein Zeichen dafür, dass wir uns nun weiter entwickeln und an den Herausforderungen wachsen können. Sie zeigt uns nämlich nicht nur, dass wir gerade auf der Stelle treten – sie bereitet uns auch den Weg für den Fortschritt, nach dem wir Menschen uns zu jeder Zeit bedingungslos sehnen. Und diesen Fortschritt erreichen wir, indem wir uns gemeinsam mit unserem Partner weiterentwickeln und Partnerschaften endlich als das betrachten was sind – ein ausgeklügeltes System: „Eine feste Partnerschaft ist eine Menschen-Entwicklungsmaschine. Niemand ist komplett fertig entwickelt, wenn er eine Beziehung eingeht“, bringt Schnarch es im Interview mit „Zeit Online“ auf den Punkt. Beziehungen sind ihm zufolge soziale Formen, die den Menschen Raum und Platz bieten, um sich weiterzuentwickeln und nicht davonzulaufen.

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker

Doch wie erreichen wir diese Weiterentwicklung und ganz nebenbei den verführerischen Bonus, wieder ein erfüllendes Sexleben führen zu können? Hier muss Schnarch einräumen, dass es diesbezüglich niemals einen angenehmen Weg geben wird, um dieses Ziel aller Ziele zu erreichen. Vorwärts kommen heißt immer, den inneren, feigen Schweinehund überwinden und den Partner auf all die Themen anzusprechen, vor deren Antwort man sich am meisten fürchtet. Schnarch rät dazu, sich ab Eintritt der sexuellen Frustration vom Urteil des Partners unabhängig zu machen, sich nicht mehr an dessen Vorstellungen anzupassen und auch mal das Risiko einzugehen, verletzt zu werden.

Die Zeit des Egoismus ist gekommen

Denn nur wer sich mit frustrierenden Problemen auseiandersetzt, kann sie wirklich aus der Welt schaffen. Am wichtigsten ist, für die eigenen Wünsche geradezustehen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien und nicht mehr nur die Dinge anzusprechen, die der Partner akzeptiert oder vielleicht sogar hören will. Beziehungen bestehen nicht nur aus Kompromissen – manchmal geht es eben nicht ohne Egoismus, vor allem wenn es um Sex geht. Wer also auch nach jahrelanger Routine den Mut hat, die unangenehmsten Dinge einfach anzusprechen und gemeinsam an den Herausforderungen zu wachsen, wird Sex haben, der erfüllender ist, als er jemals war. Und zwar, weil man das gemeinsam gemeistert und in der eigenen Unzufriedenheit nicht einfach den billigsten Ausweg gesucht hat: Die Flucht in die Affäre oder raus aus der Beziehung. Vielleicht ist es das, was wahre Liebende von den vielen innerlich zerrissenen Paaren unterscheidet.