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Flirten nach #metoo: Was ist okay, was tabu?

Anscheinend sind wir beim Flirten heute unsicherer denn je. Hat die #metoo-Debatte uns tatsächlich den Spaß daran genommen? Wir haben zwei Experten gefragt.

Neulich in einer Bar: Meine Freundin und ich sind voll in unser Gespräch vertieft und kriegen überhaupt nicht mit, dass ein paar Tische weiter ein paar Jungs sitzen, die öfter zu uns herüberschauen. Das erfahren wir erst, als einer von ihnen rüberkommt und fragt, ob wir uns nicht zu ihnen gesellen wollen. Ja, wieso nicht. Im Laufe der nächsten Stunde beobachte ich, wie der Typ neben meiner Freundin ihr immer wieder tief in die Augen schaut und seinen Stuhl unauffällig auffällig Zentimeter für Zentimeter näher an ihren schiebt. Gegen ein bisschen Flirten und Spaß haben wir beide nichts, wir sind jung und single. Doch ich kann in ihrem Blick sehen, dass sie sich nicht ganz wohlfühlt. Also stehe ich auf, sage „So, ich glaube das reicht jetzt. Komm, wir gehen“ und warte bis meine Freundin aufsteht. Der Typ begreift anscheinend, dass ich ihn und seine Annäherungsversuche meine, und ruft uns „Man wird doch wohl noch Flirten dürfen“ hinterher.

Das geht mir nicht aus dem Kopf. Und auch die Vermutung nicht, dass er damit irgendetwas andeuten wollte. Etwa, dass wir übertriebene Feministinnen seien. Oder dass wir so beeinflusst von #metoo und den vielen Diskussionen seien, dass wir gar nicht mehr flirten wollten. Aber nur, weil ich meine Freundin da rausgezogen habe, weil sie sich nicht wohlgefühlt hat, habe ich den Flirtversuch ja nicht gleich als Übergriff wahrgenommen und hätte ihn auch niemals dessen beschuldigt. Doch kann es trotzdem sein, dass wir unterbewusst von den Vorfällen und Debatten geprägt sind?

 

Hat sich das Flirten verändert?

 

„Viele von uns sind vorsichtiger unterwegs und trauen sich in manchen Situationen eher nicht, eine andere Person anzusprechen“, erklärt die Sexualpädagogin Gianna Bacio in Interview mit ZEITjUNG. „In Seminaren höre ich häufig, dass man sich in der heutigen Zeit ja kaum noch trauen kann, einen anderen Menschen anzuschauen geschweige denn anzusprechen, ohne gleich eine Klage am Hals zu haben.“ Also ist der Typ aus der Bar mit diesem Gefühl nicht alleine. Die Debatten sind gut, die Debatten sind sinnvoll, aber sie scheinen uns ein Stück Mut, ein Stück Lust an der Kommunikation mit einer attraktiven Person, ein Stück Spaß am Flirten genommen zu haben. Wir bleiben lieber auf der sicheren Seite und versuchen es gar nicht mehr oder schieben die Schuld an Zurückweisungen sofort auf #metoo.

Stephan Landsiedel, Psychologe und Flirt-Experte, ist der Meinung, „es hängt davon ab, was man unter Flirten versteht. Es bedeutet nicht, übergriffig zu werden, seine Macht einzusetzen, andere Menschen in unangenehme Situationen zu bringen. Flirten ist ein spielerischer, leichter Kontakt.“ Doch das Spiel ist wohl vorbei. Wir glauben, unseren Spieldrang unterdrücken zu müssen. Aber wenn wir noch spielen können, dann doch wohl beim Flirten.

 

Wir wollen gefallen

 

„Wir haben uns zu einer Gesellschaft entwickelt, die von dem Fokus nach Außen geprägt ist. Zu keiner anderen Zeit waren Äußerlichkeiten, Lifestyle und materielle Besitztümer für den persönlichen und beruflichen ‚Erfolg‘ so wichtig wie heute“, erkennt Bacio. „Wie es anderen Menschen geht und was andere Menschen tun, scheint wichtiger als unser eigenes Leben.“

Auch diese Entwicklung ist schuld daran, dass sich das Flirten verändert hat. Wir sind mit allem anderen beschäftigt, nur nicht mit uns selbst. Wir wollen, dass unser Instagram-Feed anderen gefällt, füllen unseren Lebenslauf mit Erfahrungen, die andere beeindrucken, und schauen Dokus anstatt aussagelose Serien, um möglichst gebildet und fleißig zu wirken. Gefallen, Beeindrucken, Wirken – wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, wollen wir das alle. Wir haben den Blick dafür verloren, was wir selbst wollen. Und immer nur irgendetwas sein zu wollen, was wir nicht sind, ist auf Dauer unglaublich anstrengend. Das macht das Flirten eher zur Last als zum Spaß.

 

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Was ist die Lösung?

 

Es ist verständlich, dass wir durch die vielen Schlagzeilen auf der einen Seite vorsichtiger bei der Kontaktaufnahme sind und auf der anderen Seite sensibler, wenn jemand den Kontakt sucht. Es ist auch verständlich, dass wir in einer oberflächlichen Welt mit oberflächlichen Dingen um Aufmerksamkeit ringen, weil wir alle dieses Bedürfnis nach Liebe in uns tragen. Die Frage ist nur, wie wir trotzdem oder wieder flirten können, um auch immer noch in einer Bar den Partner fürs Leben finden zu können.

Der Trick ist, sich selbst zu kennen. Wir müssen uns und unsere Bedürfnisse kennenlernen. „Wenn du selbst weißt, wer du bist und was du willst, gibt es automatisch weniger Unsicherheiten und Diskussionen“, sagt Bacio. Dann ist nicht mehr wichtig, wie wir wirken, sondern wie wir wirklich sind und was wir brauchen. Wenn wir wissen, was wir brauchen, können wir rechtzeitig Stopp sagen. Und wenn wir wissen, was wir selbst wollen, können wir auch mit anderen einfühlsam umgehen. Wenn ich nichts tue, was ich nicht selbst wollen würde, gehe ich automatisch mit Vorsicht und Empathie vor. Damit ist auch die Angst, Grenzen zu verletzen, unberechtigt.

Die Sexualpädagogin rät: „Hör auf dein Herz. Wenn dein Herz dir sagt, sprich diese Person an, dann tu es! Du wirst keine Grenze überschreiten, wenn du sie freundlich, aufrichtig und vielleicht auch nervös ansprichst. Stell dir vor, du würdest angesprochen. Welche Art und Weise fändest du dabei charmant?Die Lösung von Psychologe Landsiedel ist: „Reaktionen genau wahrnehmen, auf Körpersprache achten und gegebenenfalls einen Rückzieher machen und sich auch entschuldigen. Am besten gehe ich schrittweise vor, warte auf Feedback und taste mich dann langsam voran. Wenn ich das nicht aus der Körpersprache und dem Unterton in der Stimme ableiten kann, dann frage ich.“

 

Eher noch mutiger sein

 

Gianna Bacio stellt die entscheidende Frage: „Sollten wir heutzutage tatsächlich vorsichtiger unterwegs sein oder nicht eher mutig sein, kontaktfreudig und auch andere Menschen anflirten, wenn uns danach ist?“ Die #metoo-Debatte soll dafür sorgen, dass Sexismus und sexuelle Übergriffe ein Ende finden. Deshalb wäre es sehr traurig, wenn dadurch, dass wir etwas Schlechtes endlich loswerden, etwas Gutes einen Schaden nimmt. Wir befreien uns nicht, um hinterher unsicherer sein zu müssen. Wir befreien uns, um uns hinterher freier bewegen zu können. Im Moment zögern wir vielleicht noch, sollten aber in Zukunft erst recht sicher und mutig vorangehen können – Frauen wie Männer.

Und mutig zu sein, heißt, zu den eigenen Gefühlen stehen und gleichermaßen Ja und Nein sagen zu können. Also werde ich das nächste Mal in der Bar auch Nein sagen, wenn ich mich unwohlfühle, aber Ja sagen, wenn ich mich wohlfühle, und meinem Gegenüber die Sicherheit geben, dass ich sicher bin.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

Kommentare

  1. Bringt alles nichts. Die Metoo Geschichte ist ja letztlich nur der letzte Punkt gewesen in einer langen Geschichte.
    Flirten ist für uns Deutsche schon immer etwas unangenehmes gewesen, weshalb es ja vor ein paar Jahren diesen Pickup Boom gab der jungen Männern genau das beibringen wollte. Aber auch da hat die Presse gegengehalten. Der eigentliche Tenor ist, dass der Deutsche arbeiten und konsumieren soll aber nicht flirten soll.
    Ich selbst bin ja immer schon eher erfolgreich mit Frauen gewesen aber seit einigen Jahren benutze ich lieber Tinder als Frauen direkt anzuquatschen da ich damit die sofortige Bestätigung habe, dass es passt. Natürlich brauche ich dann nicht mehr flirten sondern komme schnell und effizient zur Sache, dass ich nur vögeln und nicht quatschen will. Ob das ein echter Gewinn ist, ist eher fraglich da Frauen und Männer damit zum ultimativ austauschbaren Sexobjekt werden aber anders ist es mir zu anstrengend und auch oft zu gefährlich, denn flirten heißt halt auch Grenzen zu überschreiten.

    PfefferundSalz / Antworten

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