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Sexuelle Belästigung ist Alltag: Die Erfahrungen unserer Autorinnen

Wir haben unsere Autorinnen nach ihren persönlichen Erfahrungen zu sexueller Belästigung gefragt.

Auf dem einsamen nächtlichen Heimweg halten wir den Schlüssel in der Faust, um im Notfall auch mit einem nicht allzu harten Schlag zumindest ein bisschen Schaden anzurichten. Wir umklammern das Pfefferspray in der Manteltasche, haben die Nummer der Polizei schon vorgewählt oder telefonieren bewusst mit unserer besten Freundin, auch wenn die viel lieber schlafen würde. Es gibt wohl keine Frau, die diese Maßnahmen noch nie ergreifen musste.

Das Thema der sexuellen Belästigung ist seit einiger Zeit in aller Munde. Das Epizentrum der Diskussion ist Hollywoodgröße Harvey Weinstein. Mittlerweile gibt es gegen den Produzenten nicht nur Vorwürfe der sexuellen Belästigung, sondern auch der Vergewaltigung. Der Fall Weinstein zeigte vor allem eines: Im Gegensatz zu Frauen, scheinen die meisten Männer tatsächlich schockiert von solchen Handlungen zu sein. Für Frauen gehören solche Geschichten allerdings zum Alltag. Traurig, aber wahr. Wie alltäglich sexuelle Belästigung für Frauen ist, zeigte der Hastag #MeToo. Unter diesem offenbarten hunderttausende Frauen und auch Männer ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Dieser Trend riss vielen Menschen, vor allem Männern, mit voller Wucht die Scheuklappen ab und zeigte die traurige Wahrheit.

Laut einer österreichischen Studie sind drei Viertel aller Frauen schon einmal sexuell belästigt worden und nahezu ein Drittel wurde bereits sexueller Gewalt ausgesetzt. Warum also ist gerade die Männerwelt immer wieder aufs Neue so schockiert? Sollten wir alle nicht langsam begriffen haben, dass es sich hierbei um ein weit verbreitetes und ernst zu nehmendes Problem handelt, gegen das wir gemeinsam vorgehen müssen? Oder sind es wirklich nur Einzelfälle, von denen immer wieder berichtet wird? Wir haben einige unserer Autorinnen zu ihren persönlichen Erfahrungen befragt und es zeichnet sich ein klares Bild ab.

 

Apfel van Cooper: „Es muss wohl 3 Uhr morgens gewesen sein und ich verließ eine Party früher als meine Freunde, da ich müde war. Am U-Bahnhof waren unerwartet viele Leute unterwegs und als ich die Treppen zum Gleis hinunterging sprach mich ein junger Mann an und fragte nach meinem Namen. Ich erklärte ihm in höflichem Ton, dass ich müde sei und schlichtweg keine Lust habe mich mit ihm zu unterhalten. Da kam er plötzlich auf mich zu, griff nach meinem Arm und sagte: „Ich habe aber Lust, mich mit dir zu unterhalten.“ Ich sah mich um und bemerkte die Menschenmasse um mich herum und fühlte mich sofort sicher. In aller Öffentlichkeit würde er mir nichts antun. Ich riss mich also los, doch er folgte mir bis auf den Bahnsteig. Ich erklärte ihm mehrmals, dass er mich in Ruhe lassen sollte, doch er ließ nicht locker, lief mir unentwegt hinterher. Hilfesuchend sah ich mich um, doch musste voller Überraschung feststellen, dass sich niemand darum scherte. Nicht einmal als ich laut wurde. Der einfahrende Zug, war meine Rettung. Seine Eroberung war dem Herrn nicht wichtig genug, als dass er mit ihr in die falsche Richtung gefahren wäre. Hinter sich schließenden U-Bahntüren grinste er mir höhnisch entgegen. Wahrscheinlich hat er sich lange nicht mehr so mächtig gefühlt.“

 

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Juliane Becker: „Ich war elf, als ich das erste Mal sexuell belästigt wurde. Richtig, elf. In der fünften Klasse. Ein kleines Mädchen mit viel zu strengem Pferdeschwanz und Hasenzähnen, das im Bus Richtung Schule saß und von einem Mann Mitte Vierzig angeboten bekam, ihn nach Hause zu begleiten, weil ich doch “so süß und sexy” aussah. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, was “sexy” bedeutete, aber hielt es für die sinnvollste Lösung, mich auf einen anderen Platz zu setzen. Als ich mich an ihm vorbeidrängte, legte er seine Hand auf meinen Hintern.

Mehr als zehn Jahre später habe ich mich daran gewöhnt, von Männern mit “Ey, Schnecke!”, mit Kussgeräuschen oder unerwünschtem Körperkontakt belästigt zu werden. Nein, nicht von allen Männern. Aber von zu vielen. Blutjung, uralt, mit Migrationshintergrund oder ohne, alkoholisiert oder stocknüchtern. Mal mehrmals in der Woche, mal nur einmal im Quartal. Mir sind Männer eine Viertelstunde lang hinterhergelaufen, weil sie es nicht akzeptieren konnten, dass ich ihnen meine Nummer nicht geben wollte. Sie haben mich als Schlampe bezeichnet, als ich nicht auf ihre Anmachsprüche reagierte, als fett, hässlich und unfickbar. Sie waren Fremde, Freunde, Familienmitglieder, Kommilitonen und Chefs. Ich kenne keine einzige Frau, die nicht eine ähnliche Geschichte erzählen könnte.

Sexuelle Belästigung hat meiner Erfahrung nach nur in den seltensten Fällen etwas mit Sexualität zu tun. Es geht um Macht. Es geht darum, zu sagen: Du gehörst mir. Ich mache hier die Ansagen. Und es ist mir egal, ob du auf mich Bock hast. Ich bin es leid, meinen männlichen, gebildeten, linksliberalen Akademikerfreunden Stories wie diese zu erzählen und als erste Reaktion “Nicht alle Männer machen sowas!” zu hören. Ich weiß das. Ich bin mit einer ganzen Menge Männer befreundet, und nicht einer von ihnen hat jemals etwas mit mir getan, das ich nicht wollte. Das ist ein großes Glück. Aber ich wünsche mir, dass Männer öfter Stellung beziehen. Und zwar nicht nur, wenn es um ihre Freundin, Schwester, Mutter geht, die belästigt wird. Sondern auch, wenn der random Typ im Bus nicht von dem random Mädchen ablassen will, das einfach nur zur Schule fahren will.“

 

 

Franziska Schmalbach: „Zum Thema sexuelle Belästigung könnte wohl fast jede Frau und auch einige Männer eine Story erzählen. Leider. Ich könnte davon erzählen, wie ich mit 17 bei einem Schläfchen in einer vollen Bahn von einer Hand an der Innenseite meines Oberschenkels geweckt wurde. Oder, wie ich nachts alleine in der letzten U-Bahn sitze, zwei Männer in den Waggon steigen, mich erst bedrängen und mir dann noch ein Stück nach Hause folgen. Ich könnte von der Angst erzählen und von Scham und von Wut.

Aber ich erzähle von einer Grauzone – ich erzähle von Blicken. Wie von denen vergangene Woche, als ich voll bepackt mit dem Zug zu meinen Eltern fahre. Mir gegenüber sitzt ein unscheinbarer Mann mittleren Alters. Nach kurzer Zeit starrt er mich unverhohlen an. Jedes Mal, wenn ich meine Position im Sitz ändere, eine Seite in meinem Buch umblättere oder auf das Handy sehe, mustert er meine Bewegungen, verfolgt mich mit seinem Blick und weicht meinem aus. In solchen Situationen lege ich immer meinen abgefuckt-aggressiven Gesichtsausdruck auf. Der scheint ihn aber nicht zu stören. Das Beobachtetsein bekommt mir nicht: Mir ist unwohl, ich versuche mich weniger zu bewegen, verfluche meinen Lieblingsrock, den ich bis eben noch toll fand und auf dem jetzt sein Blick ruht. Ich überlege, mit Sack und Pack das Abteil zu wechseln, ihn direkt darauf anzusprechen, jemanden mit ins Boot zu holen und mache – nichts. Stattdessen versuche ich, die Situation zu ignorieren. Weil ich nicht weiß, ob ich im Recht bin, weil ich manchmal so gar nicht mutig bin, weil es ja nur noch eine halbe Stunde Fahrt ist. Diese Art von Blicken schauen nicht mich als Person an, sondern mich als sexuelle Projektionsfläche. Ohne mein O.K. und ohne sich darum zu scheren, ob ich sie bedrohlich oder respektlos finde. Sexuelle Belästigung beginnt in der Grauzone und das macht es so verdammt schwer sie zu fassen und dagegen aufzustehen. Die Angst vor sexueller Belästigung führt dazu, dass sich Menschen im öffentlichen Raum nicht sicher und frei bewegen, dass sie sich anders verhalten, als sie es ohne diese Bedrohung tun würden. Aber er schaut ja nur. An meinem Ziel angekommen, holt mich meine Oma vom Bahnhof ab, ich erzähle ihr nichts. Es ist doch nichts passiert. Oder?“

 

#MeToo zeigt: Sexuelle Belästigung ist Alltag für viele Frauen

 

 

Flora Fährmann: „Meine erste ‚gravierendere‘ sexuelle Belästigung war mit 15, als mir auf dem Heimweg vom Kino von mehreren Typen das Shirt zerrissen wurde, während ich mit einem Messer bedroht wurde. Während meines Studiums habe ich gekellnert und es ist so sehr in meinen Alltag übergegangen an den Arsch oder die Brust gegriffen zu werden, dass ich es nicht mal mehr für erwähnenswert gefunden habe. Als ich mein Studium angefangen habe, hat in der ersten Woche in der neuen Stadt ein älterer Mann in einer Seitengasse versucht mich zu vergewaltigen. Mit 26 habe ich den Mann der ungefragt in meinen Intimbereich gegriffen hat, angezeigt. Nachdem ich sowohl von Polizei als auch Gericht nach meiner Kleidung als auch dem Alkoholpegel gefragt würde, habe ich 1.5 Jahre später den Prozess gewonnen.

Das Schlimmste daran ist, dass ich die Scham empfunden habe, obwohl es immer die Schuld des Täters ist. Ich hoffe einfach für die kommenden Generationen von Frauen (und auch belästigten Männern), dass sie sich trauen gegen das Ihnen angetane Unrecht aus welchen Gründen auch immer aufzustehen und zu erkennen, dass es niemals die Schuld des Opfers ist.“

 

 

 

Sara Müller: “ Es ist für mich ’normal‘ geworden, dass ich nachts von fremden Männern nach Hause ‚begleitet‘ werde. Ich erfinde mittlerweile Geschichten, Beziehungen und sonstige Gründe, warum ich meine Handynummer nicht weitergeben möchte, weil ich weiß, dass ein einfaches ‚Nein‘ nicht ausreicht. Ich rege mich nicht mehr auf, wenn mich beim Feiern jemand berührt, ohne dass ich es möchte. Irgendwie bin ich taub geworden.

Ein Erlebnis hat mich aber dann doch aus der Taubheit gerissen. Ich war gegen 2 Uhr morgens mit meinem Roller auf dem Heimweg von der Arbeit. An einer mehrspurigen Straße hielt ein Auto neben mir an einer roten Ampel. Da die ganze Stadt sonst ziemlich verlassen war, schweifte mein Blick nach kurzer Zeit natürlich auch zum Beifahrerfenster neben mir. Auf dem Fahrersitz saß ein junger Typ, vielleicht Mitte 20, eine Hand am Lenkrad, die andere hielt seinen Schwanz. Er starrte mich direkt an und schien sich auch an meinem geschockten Gesichtsausdruck nicht zu stören. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Dann schaltete die Ampel endlich auf grün und ich atmete auf. Schnell weg hier. Doch er folgte mir. Selbst, als ich mit 20km/h über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit davonraste, blieb er weiter neben mir. Immer noch nur eine Hand am Steuer. Nach einer 10-minütigen Verfolgung konnte ich ihn mit einer spontanen scharfen Kurve endlich abschütteln. Sicher fühlte ich mich trotzdem nicht. Zuhause angekommen überlegte ich, was ich nun tun sollte. Das Kennzeichen hatte ich mir leider nicht gemerkt. Ich entschied also (mal wieder) nichts zu unternehmen. Was würde eine Anzeige gegen Unbekannt schon bringen? Verstört versuchte ich mich noch einige Stunden abzulenken, doch an Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken.“

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