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Zeigt her eure Wut! Warum wir mehr aufgebrachte Frauen brauchen

Wütende Frauen werden schnell als „hysterische Zicken“ abgestempelt. Warum stößt es immer noch so vielen sauer auf, wenn Frau ihre Wut zeigt?

Seit ein paar Tagen schwappt eine Hahstag-Welle durchs Netz, die im Dunstkreis des Skandals um den Filmproduzenten Harvey Weinstein ihr Epizentrum hat. Unter #MeToo berichten vor allem Frauen, welche Erfahrungen sie mit sexuellen Übergriffen, Chauvinismus und Sexismus gemacht haben. Und schon folgt das Bashing auf dem Fuße: „Für ein bisschen Fame würden die alles tun, man kann es ja auch übertreiben…“ Da drängt sich doch ein Déjà-vu auf. Waren das nicht ähnliche Kommentare, die versucht haben, im Jahr 2013 die Debatte um Alltagssexismus unter dem Hashtag #aufschrei herunterzuspielen?

MeToo zeigt: Sexuelle Belästigung ist Alltag für viele Frauen

Frauen und Mädchen, die den Mund aufmachen, haben ein schlechtes Image und gelten schnell als „hysterische Zicken“. Warum stößt es immer noch so vielen sauer auf, wenn Frau ihre Wut zeigt? Denn zum Donnerwetter, wir bräuchten viel mehr davon!

 

Die Lizenz zum Wüten

 

Dabei ist die klassische Stinkwut ein elementarer Teil der menschlichen Gefühlswelt und zudem auch ziemlich wichtig. Wut im Bauch zeigt: Hier werden meine Grenzen verletzt, hier muss ich mich und meinen Selbstwert verteidigen. Doch je nachdem, wer da grade wo aus der Haut fährt, sind die Reaktionen darauf sehr unterschiedlich. Der Spitzenreiter in Sachen Geschlechterstereotype hängt in unseren Köpfen, wie die Klette am Wollpulli: Männer sind rational, Frauen emotional.

Dieses Denken wirkt sich auch auf unsere Wahrnehmung von wütenden Menschen aus, das zeigt eine Studie von Victoria Brescoll und Eric Uhlmann an der Universität Yale. Sie haben die Reaktionen auf Wut am Arbeitsplatz untersucht: Gerät eine Frau in der gleichen Situation wie ein Mann in Rage, sehen die Probanden dieses Verhalten bei ihr als unprofessionellen Kontrollverlust; ihm wird hingegen Durchsetzungsvermögen zugesprochen. Der Grund dafür – so die Studie – liegt darin, dass wir bei wütenden Männern einen externen Grund vermuten. Also irgendeine Situation, die ihn sauer gemacht haben muss. Bei Frauen gehen wir dagegen von einer innenliegenden Ursache aus. Also von einer unausgeglichenen Persönlichkeit, einem rachsüchtigen Wesen oder ähnlichem Humbug. Das passiert meist unterbewusst, zeugt aber von strukturellem Sexismus in unseren Köpfen.

 

Werd nicht gleich hysterisch

 

Die gängige Praxis, den Ärger wütender Frauen als „hysterisches Gehabe“ kleinzureden, ist dabei nicht gerade innovativ. Schon Hippokrates, einer der bekanntesten Ärzte der Antike, führt die Hysterie (altgr.: hystéra für Gebärmutter) als typisches Frauenleiden ein. Falls eine Frau nicht ausreichend Geschlechtsverkehr hat, so Hippokrates, wandert die rasend gewordene Gebärmutter durch den weiblichen Körper und beißt sich schließlich im Gehirn fest. In logischer Konsequenz ließe sich die innere Anspannung und die besondere Emotionalität durch Sex therapieren. Der Gedanke, dass man es unbequemen Frauen nur mal wieder richtig besorgen müsse, um die Welt wieder in ihre Angeln zu heben, ist demnach nicht sonderlich neu. Wer bei diesem Gedankenspiel allerdings oversexed and underfucked ist, darf jede und jeder selbst beantworten. Erst 1952 wurde der Begriff der Hysterie von der American Psychiatric Society aus der Krankheitsliste verbannt.

 

Zum aus der Haut fahren

 

Eine gut sitzende, elegante Gelassenheit zu bewahren, ist leider verdammt schwer bei den vielen Dingen, die einem sauer aufstoßen. Bei einer AfD zum Beispiel, die das Recht auf Abtreibung zur Debatte stellen will oder bei einem autokratischen US-Präsidenten, der sexistisches Verhalten salonfähig macht. Schwer, nicht wütend zu werden, wenn meine Freundin für die gleiche Arbeit nicht „nur“ die durchschnittlichen 21%, sondern 50% weniger verdient als ihr Kollege. Fünfzig. Prozent. Oder bei der Tatsache, dass jede dritte Frau mindestens ein Mal im Leben sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt. Schwer, sich nicht zu ärgern, wenn ein Verwandter zu mir sagt: „Klar gibt es Chancenungleichheit, aber das wird mich nie betreffen und darum interessiert es mich nicht.“

O.K. Da können und sollten sich die Augenbrauen schon mal kräuseln dürfen. Ein „Chill dich mal“ hat uns noch nie weiter gebracht, weder in einer Beziehung noch im öffentlichen Diskurs. Die Wut über die kleinen und großen Ungerechtigkeiten ist nichts, was man runterschlucken sollte, nur weil manche mit einem verärgerten Frauengesicht nicht zurechtkommen.

 

Pflegt eure Wut

 

Solange man sich nicht wie Hulk von blinder Wut leiten lässt, sondern das Gefühl konstruktiv nutzt, ist Ärger ein wichtiger Impulsgeber. Er ist das Salz in der Suppe einer Diskussion, der Funke, der eine Veränderung bewirken kann. Und genau darum geht es bei der Wut ja – es soll sich etwas verändern. Wir brauchen mehr schief gelegte Köpfe, mehr zusammengekniffene Augen, mehr geballte Fäuste. Wir brauchen mehr mutige Frauen verdammt! Frauen, die, wie unter dem Hashtag #MeToo, mit ihren Erfahrungen öffentlichen Raum einnehmen und die öffentliche Wahrnehmung schärfen. Solange weibliche Belange degradiert und Sexismus marginalisiert werden, solange Ungerechtigkeit an der Tagesordnung ist, solange brauchen wir mehr Mut zur Wut. Mehr Wut darüber, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Und wir brauchen mehr Mut, die Dinge so zu gestalten, wie sie sein sollten.

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