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#FragenNachZahlen mit Jesper Munk: „Wovor hast du Angst?“

Ein Gespräch mit Jesper Munk: „Meine Musik ist melancholisch, erdig und theatralisch.“

Jesper Munk betritt unser Büro „Die Schreinerei„, als wäre es sein Wohnzimmer. Ein Handschlag hier, eine herzliche Umarmung da. Man merkt sofort: Der Musiker ist in München aufgewachsen, kennt die Stadt, die Menschen und hat hier seine Wurzeln. Mittlerweile lebt der Künstler, der lange als das „Wunderkind des Blues“ gehyped wurde, in Berlin. Nach einer ausführlichen Begrüßungsrunde setzten wir uns in den Konferenzraum und quatschen über Inspiration, Routine und das System, indem wir alle gefangen sind.

Mit Jesper Munk haben wir nicht nur geplaudert, sondern vor allem auch viel gelacht, was du in unserem Video #FragenNachZahlen sehen kannst.

ZEITjUNG: Wie fühlt es sich an wieder in München zu sein?
Jesper: Schön, München ist für mich wie Urlaub. Das kann aber auch gefährlich sein: Weil man viele alte Freunde in komprimierter Zeit sehen will, feiert man gerne mal zu viel.

Hast du dich denn von deinen Freunden hier entfernt oder würdest du sagen, du hast noch immer Anschluss?
Auf jeden Fall Anschluss. Familie geht nicht verloren.

Wie hat München dich denn in deiner musikalischen Entwicklung beeinflusst?
München hat mich in gewisser Weise erst zur Musik gebracht. Ich habe hier meine ersten Mitstreiter gefunden. Davor war ich eher darauf aus, auf keinen Fall das zu machen, was mein Vater macht und letztendlich war meine erste musikalische Erfahrung dann aber auch am Bass und an den Vocals – wie bei ihm.

ZEITjUNG X Jesper Munk

Hast du denn das Gefühl auf deinen Vater reduziert und ständig mit ihm verglichen zu werden?
Nicht wirklich. Aber irgendwer bringt dir eben immer eine Sprache bei. Sowie wir deutsch von den Eltern lernen, so ist auch Musik für mich eine Sprache. Hier hat mein Dad eine riesige Rolle gespielt. Ich habe ihn genau beobachtet – wie er die Gitarre hält, wie er die Akkorde greift und so gelernt, wie er Dinge angeht.

War er dir gegenüber eher Kritiker oder Fan?
Sowohl als auch. Gerade am Anfang hat er mich schon sehr gepusht. Wobei wir mittlerweile beide absolut eigenständig arbeiten, allein wegen der geographischen Entfernung.

Habt ihr denn auch was zusammen gemacht?
Mein Dad hat für circa zwei Jahre bei mir Bass gespielt.

Apropos geographische Entfernung – Wie ist denn Berlin zu dir und wie hat diese Stadt deinen musikalischen Werdegang weiter geformt?
Ich bin super sensibel. Ich übersetze mein Umfeld oft in die Musik, aber halt auf meine Art. Ich kann nicht genau sagen, wie viel davon letztendlich Berlin ist und wie viel die aktuelle Phase in meinem Leben. Aber Berlin schießt, leuchtet, ist laut und inspirierend.

Dein letztes Album hat einen kleinen Pop-Einschlag – ist dafür auch Berlin ein Grund?
Klar, Berlin spielt da schon irgendwie mit rein. Ich hatte aber in erster Linie einfach keine Angst mehr vor Pop-Musik. Zudem finde ich es ziemlich schwer, guten Pop zu finden, was man ändern sollte. Mein Ziel beim letzten Album war es aber in erster Linie, mich mehr im Jetzt aufzuhalten.

Was hat dich denn noch dazu inspiriert?
Die ganze Phase des Wachsens. Ich war Mitte 20. Dieses Alter wirft viele Fragen auf und es ist doch irgendwie generell eine komische Zeit gerade.

Was ist denn für diese komische Zeit kennzeichnend?
Ich glaube, sie ist eine Karikatur unserer Selbst. Zudem habe ich das Gefühl, wir leben eine unmoralische Karikatur des Kapitalismus. Jeder, der ein gesundes Bauchgefühl hat, merkt doch, dass es aktuell nicht fair abläuft. Durch den enormen Informationsüberfluss sehen alle, dass es scheiße ist und wir in dem System viel zu tief drin stecken. Ich glaube, das ist auch ein Grund für Depressionen im jungen Alter, die es ja immer häufiger gibt: Erwartungen an dich selbst, und dazu noch das Gefühl, dass du Teil von etwas Unfairem bist. Und um zu überleben, zahlst du dann auch immer wieder in dieses System ein. Also ist eigentlich niemand unschuldig und wirklich ändern kannst du das erstmal schwer.

Wie würde denn für dich eine „Bilderbuch-Welt“ aussehen?
Am besten wäre es, ein faires System zu etablieren, das nicht zu viele Kosten mit sich bringt, wie es etwa dieser missverstandene Kommunismus tut, also nicht der nach Marx, sondern nach Putin. Ich weiß natürlich nicht ganz wie Utopia aussieht. Aber ich glaube, man sollte alles hinterfragen und nicht jeden gleich Kommunist nennen, der den Kapitalismus etwas genauer unter die Lupe nimmt.

Ist deine Musik auch Ausdruck gegen gesellschaftliche Normen und stellt sich dem System entgegen?
Ich hoffe, dass meine Musik kommuniziert, welche Einstellung ich habe: Es ist ein Reichtum, verschiedene Kulturen im Land zu haben, die aufeinandertreffen und voneinander lernen. Solche Zusammentreffen sind nötig und nichts, wovor wir Angst haben sollten.

Deine Musik wirkt oft auch sehr melancholisch. Was ist Melancholie für dich?
Ich denke, es gibt verschiedene Arten von Melancholie. Melancholie kommt mir oft wie ein Zwischenstadion zwischen Hauptemotionen vor: Ein Ort, an dem sich das Herz ein bisschen ausruht.

Würdest du denn selber sagen, dass „melancholisch“ deine Musik gut beschreibt?
Meine Musik ist irgendwo zwischen melancholisch, erdig und theatralisch. Ich lasse mir schon manchmal zu viel Raum für Emotionen. Ich bin ein kleines Sensibelchen, das ist mir bewusst. Das sehe ich aber nicht als Schwäche. Gerade in diese desensibilisierte Zeit kann man mal ein Sensibelchen reinwerfen.

Bist du denn als Sensibelchen schon mal richtig auf die Schnauze gefallen?
Auf jeden Fall, mehr als nur einmal. Das gehört aber doch irgendwie zum Leben lernen dazu und meist muss man sich dann einfach mal zusammenreißen, die Schnauze halten und weiter machen.

Und das verarbeitest du dann auch in deiner Musik.
Ja voll.

Schreibst du denn gerade an etwas?
Ich will dieses Jahr eine EP rausbringen. Dafür suche ich gerade nach einem Weg besser zu arbeiten und Routine zu finden. Ich habe den Tag über einen Zeitplan: Aufstehen um 9 Uhr, Kaffee trinken bis 10 Uhr – ohne jegliche Bildschirme. Arbeiten von 10 bis 18 Uhr. Manchmal kommt in diesen acht Stunden auch gar nichts bei rum. Dann sitzt du halt da und kommst dir vor wie ein Idiot, das muss man akzeptieren und daraus lernen. Ich kann nicht mehr den ganzen Tag kiffen und schreiben. Ich arbeite besser nüchtern und ohne Kater, so als würde ich in die Arbeit gehen. So komme ich in einen Flow, das tut mir gut.

Die neue EP „Darling Colour“ erscheint Mitte Mai. Fünf intime Songs, die als Unabhängigkeitserklärung gehandhabt werden – wir sind gespannt!

#FragenNachZahlen

 

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Bildquelle: Oliver Krings

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