Freunde Joe St. Pierre

Shit, war der gut! So gut, dass sich die Weinschorle rinnsalartig einen Weg durch meine Nasenlöcher bahnt und die letzten feinen Tröpfchen im Gießkannenmodus das Gesicht meiner Mitbewohnerin besprenkeln. Wir lachen uns in Rage, krümmen uns mit roten Köpfen und tränenden Augen, als es plötzlich passiert. Einfach so. Das gorillaartige Balzgelächter meiner Mitbewohnerin verstummt und sie schaut mich mit großen Augen an. Stille. Konfusion. Skurrilität im höchsten Maße. Schuld an diesem Szenario ist keineswegs der Wein, wir sind gerade mal beim ersten Glas.

Schuld ist vielmehr die Tatsache, dass urplötzlich dasselbe Affenlachen aus mir herausschallt, für das ich meine Mitbewohnerin jahrelang verarscht habe – ist das nun meine gerechte Strafe dafür? Aus lauter Verwunderung prusten wir erneut los, und da ist es wieder – das balzähnliche Gorillalachen, nun aus zwei Kehlen, whoua, whoua, whoua, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ist es mittlerweile auch – als Gabe eines kletteraffinen Thais aus dem Busch von Krabi hat es sich über meine Mitbewohnerin seinen Weg nach Deutschland gebahnt und ist unterdessen in meiner ganzen WG beheimatet. Ich sehe es als unser Stammesmerkmal. Weil wir Menschen im Grunde doch alle Rudeltiere sind und uns einander anpassen. Whoua, whoua, whoua!

 

Jeder braucht seinen Affenzirkus

 

Dass an WG-Abenden manchmal feuchtfröhliche Dschungelstimmung herrscht, ist gar nichts Sonderbares, wenn man bedenkt, wie viele Angewohnheiten wir uns unbewusst von unseren Mitmenschen aneignen. Wer unter den Rauchern pustet noch immer einmal heftig in den Zigarettenfilter, bevor er sich eine ansteckt? Weil damals, vor etwa zehn Jahren, mal das Gerücht herumging, dass man auf diese Art und Weise die giftigen Glaspartikel wegbläst, die das Rauchen noch ungesünder machen, als es sowieso schon ist?

So wie jedes Land und jede Kultur, jede Region und jede Stadt, ja vielleicht sogar jedes Stadtviertel und jedes Dorf seine eigenen Rituale hat, so entstehen auch in Freundeskreisen eigene kleine Kulturkreise. Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto größer wird der Austausch von Eigenschaften – bis jeder von uns aus vielen winzigen Partikeln seiner Mitmenschen besteht. Wir sind ein Mosaik aus unseren Freunden.

 

Harmonie durch Kopie

 

Dieses Phänomen ist natürlich auch an der Psychologie nicht unbemerkt vorbeigeschlichen. Es hat sogar einen eigenen Namen: Man spricht hierbei vom sogenannten Chamäleon-Effekt, der uns Eigenschaften von Freunden adaptieren lässt. Denn Ähnlichkeit verbindet und entsteht vor allem durch Anpassung. Die Wurzel des Chamäleon-Effekts ist das menschliche Streben nach Harmonie und Symmetrie. Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, neigen beispielsweise eher dazu, zu Chamäleons zu werden, als jene, die einen festen Kreis von Freunden um sich herum haben.

Denn die Adaption menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen dient auch als sozialer Klebstoff – durch Studien fanden Forscher heraus, dass Menschen auf ihr Gegenüber weitaus sympathischer wirken, wenn sie das Verhalten des anderen „spiegeln“. So befragten sie Passanten als Vorwand über ihre Meinungen zu Werbeanzeigen auf der Straße. Bei der Hälfte der Befragten wendeten sie den Chamäleon-Effekt an, während sie bei der anderen Hälfte die normale Körpersprache einsetzten. Als den Forschern „versehentlich“ der Kugelschreiber herunterfiel, war die Bereitschaft ihn aufzuheben auf Seiten der Befragten die gespiegelt wurden dreimal so groß wie auf Seiten derjenigen, die nicht gespiegelt wurden.

Unter engen Freunden ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich bestimmte Wörter etablieren, die immer wieder aufpoppen. So ist auf einmal alles abgefahren, man gönnt sich einen Döner oder talked suddenly nur noch noch in Anglizismen, weil the American Kumpel so awesome ist.

Extremer noch als bei Freundschaften ist es bei Liebespärchen. Da sitzt euch das Dreamteam aus dem Freundeskreis gegenüber und rollt die Trüffelspaghetti, die sich selbstverständlich beide bestellt haben, im selben Takt über den Löffel, fängt gleichzeitig an zu reden und über diesen ach-so-verrückten Zufall wird dann auch noch gleichzeitig entzückt gekichert, bis das Trüffelöl den Zweien am rechten Mundwinkel herunterläuft und sich beide verschämt die Serviette vor den Mund halten. Igitt, seid ihr süß! Und glücklich – es ist erwiesen, dass sich Paare mit den Jahren nicht nur charakterlich ähnlicher werden, sondern sogar ihre Gesichtszüge aneinander angleichen. Durch das wiederholte unbewusste Imitieren von Gesichtsausdrücken werden bestimmte Muskelpartien gestärkt und können mit der Zeit die Mimik verändern. Und jetzt kommt der eigentliche Hammer: Je mehr sich die Gesichtszüge von Pärchen ähneln, desto glücklicher sind sie nach eigenen Angaben auch in ihrer Beziehung. Woody Allen widmete diesem Phänomen sogar einen ganzen Film. „Zelig“ heißt er, ist ziemlich verrückt, und der Protagonist ist den ganzen Streifen über damit beschäftigt, sich physisch und psychisch seiner Umwelt anzupassen.

 

Gangster-Chamäleons

 

Aber vorsicht: Das so ulkige wie schöne Phänomen des Chamäleon-Effekts ist leider nicht nur die Frucht von jahrelanger Sympathie füreinander, sondern kann auch künstlich herbeigeführt werden – von Füchsen nämlich, die sich einen Vorteil verschaffen wollen. Menschen, die auf Anhieb so seltsam sympathisch sind, sollten erstmal auf ihre Körpersprache untersucht werden. Vor allem, wenn es sich in dem Rahmen, in dem man sich bewegt, zufällig um Geld, Arbeit oder sonstige heiße Faktoren dreht. Das „Spiegeln“ ist nämlich auch eine ausgefuchste Strategie, wenn es ums Geschäft geht. Denn das Verblüffende, wie wir bei dem Kugelschreiber-Beispiel gesehen haben, ist, dass der geschummelte Chamäleon-Effekt beim ersten Eindruck so richtig zieht.

Das kann natürlich auch zu unserem Vorteil werden: haben wir beispielsweise ein Vorstellungsgespräch und der potenzielle neue Chef sitzt uns missmutig und mit verschränkten Armen gegenüber, ein klares Zeichen für „Ich hab keinen Bock auf dich“, ist der natürlichste Reflex, sich erstmal ein wenig einzuschleimen. Übertriebene Freundlichkeit ist hier laut Psychologen allerdings völlig fehl am Platz. Verschränken wir jedoch selbst locker die Arme und lächeln dabei, sprechen in freundlichem Ton und ahmen heimlich die Körpersprache unseres Gegenübers nach, findet der Chef uns unweigerlich sympathischer als er eigentlich möchte. Denn wir signalisieren ihm unterbewusst Vertrauen, Harmonie und Symmetrie – die magische Formel.

Überschlagen wir dann noch das Bein eine Weile nachdem er es getan hat, können ihr im Laufe des Gesprächs prima testen, ob unser Verhalten funkt – beugen wir unseren Körper vor und stützen beispielsweise die Ellbogen auf dem Tisch ab und er folgt uns, haben wir ihn geknackt. Schon komisch, wie leicht wir unterbewusst zu manipulieren sind.

 

Freunde sind die Familie, die man sich aussuchen kann

 

Zurück zu den Freunden. Zugegebenermaßen klingt obiger Spruch etwas kitschig – doch er ist wahr! Mehr noch, es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Freundschaften die Gesundheit und das Selbstbewusstsein fördern, lebensverlängernd wirken und sogar Depressionen vorbeugen. Eine kanadische Studie mit 25.000 Menschen belegt den Wohlfühl-Effekt, den Freunde erzeugen, wonach sich Menschen mit tiefen Freundschaften weniger gestresst, gesünder und vitaler fühlten, als diejenigen ohne Kompagnon. Einsamkeit hingegen macht krank, psychisch wie physisch. Menschen ohne enge freundschaftliche Kontakte sterben im Durchschnitt früher als diejenigen, die einen festen Kreis um sich herum haben.

Aber können Freunde auch kaputte Familien ersetzen? Und ob sie das können! In einer Studie wurden 300 Deutsche zwischen 27 und 54 Jahren gebeten, ihre sozialen Verbindunen zu skizzieren. Dabei sollten sie angeben, wie alt die Bezugspersonen sind und in welcher Beziehung sie zu ihnen stehen. Das Ergebnis: Menschen mit intakten Familien hatten weniger Freunde als diejenigen aus zerbrochenen Familien – je distanzierter das Verhältnis zur Familie war, desto enger waren auch die Freundschaften. Und das Wichtigste dabei: Die Teilnehmer mit spärlichen Familien und intakten Freundschaften waren genauso glücklich wie diejenigen mit intakten Familien und spärlichen Freundschaften.

 

Das Freundes-Chromosom

 

Abgesehen davon, dass Freunde gefühlt durchaus zu Familienmitgliedern werden können, sind sie genetisch gesehen meist gar nicht so weit weg von uns, wie wir vielleicht denken. Forscher fanden heraus, dass wir es unter einer Unzahl von Möglichkeiten irgendwie immer wieder schaffen, uns mit genau den Menschen anzufreunden, deren Gene den unseren mindestens zu einem Prozent ähneln. Das hört sich zwar nicht viel an, entspricht aber der Verwandtschaft mit einem Cousin dritten Grades, also Menschen, die den gleichen Ur-Ur-Ur-Großvater haben. Freunde sind also eine Art funktionaler Verwandtschaft.

Immunsystemmäßig hingegen sind sie uns meistens jedoch weit entfernt – was wiederum die Wahrscheinlichkeit von Krankheitsausbreitungen innerhalb eines Freundeskreises senkt. Denn wenn Menschen einer Gruppe gegen unterschiedliche Krankheitserreger immun sind, ist die Chance kleiner, sich gegenseitig anzustecken. Das hat Mutter Erde schon gut kalkuliert, als sie uns zu Rudltieren machte.

 

Mother Earth

 

Ob man nun an Schicksal oder Zufall glaubt, an Karma oder Wiedergeburt – sicher ist, dass wir Begegnungen mit Menschen haben, die uns prägen und uns zu dem Menschen machen, der wir sein werden, wenn wir einmal auf unser Leben zurückblicken: ein einstiger Rohbau, geschmückt mit tausend kleinen Mosaiksteinchen.

 

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Bildquelle: Joe St. Pierre: Instagram, Facebook, Flickr.