Freundschaft: Wir haben uns auseinander gelebt!

Freundschaft-Mädchen-Schule

Von Maxi Jung

Gemeinsame Schulzeit. Erstes Bier (gestreckt mit ganz viel Limo). Erster Kuss. Erstes Mal Autofahren. Abiball. Ende. Klassische Höhepunkte eines Teenies, die er oder sie aber nicht alleine durchlebt. Nein, immer mit dabei: die besten Freunde, mit denen man alles teilt und über alles spricht. Dann kommt endlich der Punkt, auf den man jahrelang gemeinsam hin gefiebert hat: Abitur, Unabhängigkeit, der Auszug aus dem Elternhaus mit wehenden Fahnen voll Euphorie für den neuen Lebensabschnitt. So hatten Miriam und ich uns das immer vorgestellt. Nur bleibt Miriam dann irgendwie doch daheim und will von dort aus studieren. Aus Geldgründen und weil es heutzutage so schwer sei, eine günstige Wohnung zu finden. Gut, dann mach ich mich alleine auf in die große weite Welt – oder am Ende in eine süddeutsche „Metropole“, die mehr Dorfcharakter besitzt als es mir lieb ist. Aber immerhin, 400 km entfernt von der Heimat.

Und heute, einen Bachelorstudiengang später? Miriam studiert immer noch in unserer Heimatstadt. Ich bin noch in Süddeutschland. Wir telefonieren alle paar Monate mal, um uns „up-to-date“ zu bringen, was bei dem anderen im Leben gerade so los ist. Bisschen wie eine schlechte Fernbeziehung, bei der sich beide nicht mehr viel zu sagen haben, weil sie ein komplett anderes Leben in einer anderen Stadt mit neuen Freunden führen. Die Gespräche: ein Krampf. Der verzweifelte Versuch, die Nähe und Intimität von damals zurückzugewinnen. Warum es nicht einfach sein lassen? Wieso halten wir so verzweifelt an alten Freundschaften fest? Ist es denn so schlimm zuzugeben, dass man sich verändert hat, dass man wohl kaum so eng befreundet gewesen wäre, wenn man sich heute erst getroffen hätte?

 

Das verflixte siebte Jahr

 

Der Soziologe Gerald Mollenhorst von der Universität Utrecht fand in einer Studie heraus, dass innerhalb von sieben Jahren jede zweite Freundschaft endet. Wir schaffen es also doch, uns in 50% der Fälle vom Ballast einer nicht funktionierenden Freundschaft zu trennen. Nur eben bei den Alteingesessenen, da sind wir „nachlässiger“. Floskeln wie „Ach, wir haben doch schon so viel miteinander erlebt“, oder „Das wird schon wieder, hab nur grad voll viel Stress“, schießen einem durch den Kopf. Das macht es so schwierig, einen Schlussstrich unter die Freundschaft zu ziehen.

Entscheidet man sich dann doch für diesen Schritt, ist das nächste Problem schon da: Wie serviert man am geschicktesten einen Freund ab? Darüber gibt es nämlich keine tausend Artikel in irgendwelche Frauenzeitschriften. Man lässt die verkorkste Freundschaft einfach vor sich hinplätschern, meldet sich nicht mehr. Entweder aus Unsicherheit, ob man denn noch befreundet sein will, oder aus Feigheit, weil man der Person nicht sagen möchte: „Du, ich will nicht mehr befreundet sein. Danke für die schöne Zeit, ciao!“. Ein Verhalten, das einer ehemals guten Freundschaft nicht ganz würdig ist, aber wir machen es trotzdem alle, schon immer. Und warum? Eine Freundin von mir meinte letztens dazu: „Wieso nochmal darüber reden? Es bringt doch nichts mehr. Wir passen einfach nicht mehr zusammen, fertig!“ Da hält man viel zu lange an etwas fest, dass den Namen Freundschaft schon nicht mehr verdient hat und gibt dann einfach so lautlos auf. Irgendwie komisch.

 

Opfer unseres evolutionspsychologischen Triebes

 

Was macht Freunde aber plötzlich wertlos? Nach welchen Kriterien suchen wir uns sie überhaupt aus? Oft ist es ziemlich banal: der Zufall der physischen Nähe, wie der Psychologieprofessor Mitia Back von der Universität Münster herausfand. Er teilte in der ersten Vorlesung den Studienanfängern randomisierte Plätze zu und beobachtete die Freundschaftsentwicklung. Und tatsächlich waren die, die in der ersten Veranstaltung nebeneinander saßen zu meist auch Jahre später noch befreundet, im Gegensatz zu den Kommilitonen, die weiter weg voneinander gesessen haben.

Kennen wir irgendwoher, oder?! In der Psychologie nennt man dieses Phänomen „Mere-Exposure-Effekt“. Allein dadurch, dass wir einen Menschen oft sehen, wird er aufgrund der entstehenden Familiarität positiver bewertet. Bloße Vertrautheit lässt einen Menschen sympathischer und sogar attraktiver erscheinen. Vorausgesetzt wird fanden den Kommilitonen nicht gleich vom ersten Eindruck her eher kacke. Der Psychologe Robert Zajonc, Entdecker dieses Effekts, erklärt das Phänomen aus evolutionspsychologischer Sicht. Der Organismus kann so schnell zwischen sicherer, bekannter Umgebung und gefährlicher unterscheiden.

 

Mach’s gut!

 

Bei Miriam und mir lag es wohl genau an diesem fehlenden physischen Kontakt. Immer nur über Facebook, WhatsApp und Telefon zu kommunizieren, ist auf die Dauer ungesund für eine gute freundschaftliche Beziehung. Und wenn sich dann auch noch die Interessen in unterschiedliche Richtungen entwickeln, wird es schwer, die früheren Erwartungen an diese Freundschaft noch einzuhalten. Immer daran denken zu müssen, dass man sich ja eigentlich noch bei X und Y melden müsste, ist anstrengend.

Ballast abwerfen und sich nur auf die Beziehungen konzentrieren, die uns gut tun und bei denen es selbstverständlich ist, dass wir uns melden (wollen). Das klingt vielleicht etwas egoistisch, aber ist es nicht einfach ehrlich? Die Erkenntnis über das Scheitern tut im ersten Moment weh und hat den bitteren Beigeschmack, versagt zu haben, vor allem wenn es keinen expliziten Anlass gab. Doch wenn der Drops gelutscht ist, dann müssen wir uns das auch selber eingestehen. Aber wenn schon Schluss machen, dann bitte mit Stil: Ein letztes klärendes Gespräch, einen Brief schreiben, irgendwas, aber nicht den Freund im Regen stehen lassen. Das ist man ihm schuldig.

 

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Bildquelle: Karina Carvalho via Unsplash cc0 Lizenz