Wir lieben Gin. Nur: Warum?

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Alle Welt trinkt neuerdings Gin. So kommt mir das vor. Weil mein Eindruck aber nicht ausschlaggebend ist, habe ich meine Freunde und Bekannten gefragt. Alle trinken neuerdings Gin, finden auch sie. Also frage ich mich: Stimmt das? Und wenn ja, wie kommt es dazu?

Seit den 1970er-Jahren trank man Wodka. Im Gegensatz zu Gin ist der leicht kombinierbar und funktioniert auch als Shot. Zwei Dinge, die auf Gin nicht zutreffen. Dessen Image war angestaubt. Sein Eigengeschmack machte ihn zum Oma-Getränk. Genau das verhilft dem Gin heute zur Renaissance. Denn: wenn heute etwas cool ist, dann retro.

 

Gin atmet Geschichte

 

Beim Gin kann man als Hipster glänzen. Denn Spezialwissen ist etwas, das Hipster gern vor sich hertragen. Das unterstreicht die eigene Individualität. Über Wodka gibt es nicht viel zu sagen. Über Gin dagegen schon.

Erfunden haben ihn die Holländer im Mittelalter. Schon das ist Spezialwissen – behaupten die meisten Leute doch, die Briten hätten ihn zuerst gebraut. Von den Holländern kam der Gin während des Achtzigjährigen Kriegs (1568-1648) nach England. Damals unterstützte Großbritannien die Niederlande dabei, die Unabhängigkeit von der spanischen Krone zu erkämpfen. Sein Übriges tat, dass 1689 in Person von Wilhelm III. von Oranien-Nassau ein Holländer den englischen Thron bestieg. Klar soweit?

Die Mischung von Gin und Tonic Water dagegen ist nicht den Briten, sondern den Schotten zu verdanken. Genauer: einem schottischen Arzt, der im 18. Jahrhundert Soldaten mit dem Arzneistoff Chinin vor der Tropenkrankheit Malaria schützte. Er neutralisierte die Bitterstoffe des Chinin durch die Mischung mit Tonic und Gin.

Aber nicht nur mit guten Geschichten kann der Gin glänzen. Berühmte Persönlichkeiten wie Hemmingway und Churchill sollen ihn geliebt haben. Man weiß sich also stets in vorzeigbarer Gesellschaft – was beim Wodka gerade aus westeuropäischer Perspektive anders ist.

 

Der Trend ist nicht zählbar

 

Warum der Gin eine Renaissance erlebt, lässt sich also erklären. Aber wie sieht das aus mit meinem Eindruck, dass sich plötzlich jeder in meinem erweiterten Umfeld zum Gin-Kenner entwickelt? Bin ich einfach in besonderer Gesellschaft, ist es mein Alter oder einfach nur eine Illusion?

Statistisch lässt sich nicht feststellen, dass der Gin-Konsum in Deutschland seit 2007 angestiegen wäre. In diesem Zeitraum blieb er relativ konstant. Die Zahl jener Personen, die nie Gin trinken, veränderte sich nicht. Der gefühlte Zuwachs an Gin-Konsumenten ist also kein zählbares Phänomen. Ich gehe eher davon aus, dass die Beobachtung an meinem erweiterten Umfeld liegt. Und das macht Sinn: Es ist städtisch. Es ist relativ jung. Und es zelebriert die Jugendkultur. Das Bewusstsein der eigenen Individualität ist ausgeprägt. In Sinus-Milieus ausgedrückt sind darunter wahrscheinlich viele „Expeditive“.

Der Gin-Run, den wir gerade erleben, ist eher eine partielle Geschichte. Das spricht nicht gegen und nicht für das Gin-Trinken. Es spricht höchstens für den Gin selbst: In dem Alter noch so hip zu sein, das muss man erst einmal schaffen.

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Bildquelle: Andrés Nieto Porras unter CC BY-SA 2.0

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