Redet mit euren Großeltern, bevor es zu spät ist

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Jeder Mensch stirbt, schon klar. Aber ist der Tod nicht etwas, das einem unendlich weit weg erscheint, wenn man Mitte 20 ist? Ist er nicht mehr als etwas Fernes am Horizont, dessen Existenz man sich zwar bewusst ist, das im eigenen Leben aber eine deutlich kleinere Rolle spielt als Uni-Noten, Kinofilme und Partyabende?

Das ist auch gut so. Schließlich hat man, bleibt man von schrecklichem Unerwarteten verschont, tatsächlich noch Jahre vor sich. Jahre des Glücks, des Leids und immer: des Erlebens. Dass der Tod für eine andere Generation aber umso näher ist, dürfte ebenso logisch sein wie die Distanz der Jungen. Denn sie stirbt. Wenn nicht heute, dann morgen. Auf keinen Fall übermorgen. Gemeint ist die Generation, ohne die es uns alle nicht gäbe: die unserer Großeltern. Und umso wichtiger ist, dass wir mit ihnen reden. Denn nach dem Tod ist all das, was diese Menschen ausgemacht, jedes Erlebnis ihrer so vollen Leben ausgelöscht und unwiederbringlich verloren.

Mein Opa starb kürzlich an Krebs. Er wurde 76, hatte ein langes Leben hinter sich, genoss die letzten Wochen auf der Erde umso mehr. Er fing das Rauchen wieder an und war einfach der Opa wie immer. Der, der so schallend lachen kann, dass man gar nicht umhin kommt, die Mundwinkel ebenfalls nach oben zu ziehen. Der, der so viel weiß, dass man als Kind dachte, er wäre der klügste Mensch der Welt. Der, der zu jedem Thema ein passendes Buch im Regal stehen hat. Und der, der immer so gut Geschichten erzählen kann, dass meine Schwester und ich stundenlang auf dem flauschigen Teppich lagen und ihm lauschten, während er Rauchkringel in die Luft blies, als wir klein waren.

 

Die Zeit wird knapp

 

Wie das so ist, wenn man erwachsen ist, verlagert sich das Erzählte immer mehr zu einem selbst, wenn man die Großeltern besucht. Denn man selbst erlebt plötzlich so viel, während bei Opa und Oma eigentlich alles wie immer ist. Während man so dasitzt, vom Studieren erzählt, von Freunden, von Trends, von den Hürden, die unsere Generation überwinden muss, vergeht die Zeit und das Leben der Großeltern neigt sich dem Ende entgegen, bis sie eines Tages sterben, beweint werden und das Leben weitergeht.

In der U-Bahn springt sie mich aus dem Nichts an: die Erkenntnis, dass ich so viel nicht weiß, so viele Geschichten wieder vergessen habe, die er erzählt hat. Das ich das Leben vor seinem Dasein als Rentner irgendwie immer ausgeblendet habe. Die Kopfhörer in den Ohren werde ich traurig, nicht mehr zu wissen über sein Streben nach dem Richtigen, über sein Lieben, sein Leiden, sein Erwachsenwerden. Und die Tatsache steht plötzlich in Großbuchstaben vor mir, dass Vieles weg sein wird, wenn er stirbt.

Als wir es uns gemütlich gemacht haben bei einem Getränk aus Wein und Sekt, das Opa in seiner Jugend immer gemixt hat und „Herrengedeck“ nennt, frage ich einfach frei heraus, was mich interessiert. Ich frage nicht, wie es unter Brandt war, wie er die Nachkriegszeit erlebte oder wie viel er von der RAF mitbekommen hat, sondern, wie es ihm ging, was er erlebt hat. Und plötzlich ist wieder alles da: meine Schwester und ich auf dem Boden, Opas Stimme lauschend. Wie damals nimmt er uns mit in seine Geschichten, die von Stränden in Spanien handeln, von Wanderungen durch das Watt in seiner Jugend, vom Werdegang als Maler, von Frauen. Vom Kennenlernen unserer Oma, von Hunden, die Torten essen, von Vollräuschen in Hafenkneipen. Er erzählt uns nicht chronologisch sein Leben, sondern Anekdoten, Geschichten, Erlebtes, in einem wilden Mix.

 

Reise in die Vergangenheit

 

Er bringt mich zum Nachdenken, zum Lachen und manchmal auch fast zum Weinen. Denn da sitzt nicht mehr nur dieser grauhaarige große Mann, der schon immer alt war, sondern auch ein langhaariger Kneipenbesitzer, ein hagerer Knabe, mit vom Nordseewind roten Wangen, ein charmanter Frauentyp, ein trinkfester Lebemann, ein liebender Ehemann, ein trauernder Sohn, ein aufbrausender Choleriker, ein kluger Heranwachsender, der Bücher liebt, ein nachtragender Pessimist. All die verschiedenen Seiten, die sich in der Abenddämmerung plötzlich im Wohnzimmer auftun und umher schweben überlagern sich zu einem Menschen. Zu einem Mann, in dem man sich wiedererkennt. Einem Mann, dessen Summe an Schichten ein Leben geprägt hat, das noch lange fortbestehen wird, wenn er tot ist: das eigene.

Auf dem Weg zurück fahre ich die letzten Meter zur Münchner Wohnung nicht mit dem Bus, sondern laufe. Es ist dunkel. Ich höre Jazz, so wie mein Opa es mag. Und durch die ungewohnten Klänge wird auch die Umgebung anders. Die Laternen scheinen einem alten Film entstiegen zu sein. Und ich stelle mir vor, wie mein Opa vor Jahren eine ähnliche Straße entlang ging und die gleichen Gedanken an seinen Opa hatte. Zwischen Waschsalon und Feinkostladen wird mir erst die Kostbarkeit des Tages bewusst, der enorme Wert, den Opas Geschichten haben.

Am Abend nach seiner Beerdigung ein paar Wochen später sitze ich am Fenster meiner Wohnung. Ich trinke Herrengedeck aus einem Maßkrug und schaue zum sternlosen Himmel empor. Ich glaube nicht daran, dass Tote uns sehen können oder wir mir ihnen sprechen können, sondern an das Nichts. Dennoch proste ich dem tiefen Schwarz über mir zu, denke an meinen Opa und sein Leben und bin glücklich, so kurz vor seinem Tod nicht nur etwas über seine Vergangenheit erfahren zu haben, sondern auch über meine.

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