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Abschied: Wir sollten auch die letzten Male zelebrieren

In der Realität gibt es selten diese Happy Ends, wie wir sie aus Filmen kennen. Trotzdem brauchen wir sie, diese letzten Male.

Und da steht man dann auf diesen geliebten quietschenden Dielen, mit Stiefeln. Man ist ja schon am Gehen. Und wo einmal viel Leben, viel Illusion und Hoffnung war, ist jetzt nichts mehr oder zumindest nichts mehr, was man mitnehmen möchte. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um die Wohnung handelt, in der man eine kleine Ewigkeit gelebt hat, oder um den Arbeitsplatz, oder um jemanden, der mal so wichtig schien, dass man sich kein Leben ohne diese Person hätte vorstellen können. Und diese Unschuld des ersten Mals weicht einem bittersüßen Geschmack von Leere, von absurd bedeutungsvoller Bedeutungslosigkeit.

Oftmals zelebrieren wir das erste Mal, zergehen in Glück an den Gedanken einer noch hypothetischen Zukunft. Alles ist noch so wahnsinnig aufregend, unbeschmutzt, fast so wie frisch gestrichene Wände. Doch manchmal – oder eigentlich immer – gibt es auch ein letztes Mal. Und obwohl wir das wissen, fehlt uns ein Konzept davon. Wir haben so viel Angst vor dem letzten Mal, prokrastinieren so lange es geht, ziehen den Schlussstrich so weit unten, dass er fast von der Seite kippt.

 

„Du denkst, es geht irgendwie immer weiter.“

 

Denn Abschiednehmen passt gewissermaßen nicht zu unserer Konzeption von Welt, zu einem Zeitgeist, der viele Vielleichts kennt und sich Offenheit riesig auf die Fahne schreibt. Endgültig und damit auch konsequent zu sein, steht oftmals unserem Freiheitsdrang gegenüber. Aber irgendwann führt kein Weg daran vorbei. Und dann müssen wir uns eingestehen, dass wir einfach wahnsinnig viel Angst vor diesem Ende, diesem Aus, diesem letzten Mal haben.

Dabei wissen wir, dass das Einzige, was schlimmer ist, als Abschied zu nehmen, keinen Abschied zu nehmen ist. In Grey’s Anatomy fällt ein so simples und wahres Statement, dass wir es mit roter Wachsmalkreide auf Wände kritzeln sollten: „Du denkst nie, dass das letzte Mal, das letzte Mal ist. Du denkst, es geht irgendwie immer weiter.“ Ohne Frage, es wäre schön, wenn man manche Dinge konservieren könnte. Ewige Jugend, durchlebte Nächte, geliebte Großeltern und Eltern.

Doch irgendwie haben wir sie auch gemeistert. Diese letzten Male. Und irgendwie waren die metaphorischen Stiefel auf dem Parkett wichtig, weil sie uns den Moment gaben, um all das Gute als gut zu verabschieden und  all die Löcher in der Wand hinter uns zu lassen. Um wieder ein wenig freier zu sein. Diese letzten Male dürfen wir uns vor lauter Angst eigentlich nicht rauben lassen. Angst ist sowieso und immer ein schlechter Grund.

 

Gegen das unausgesprochene Verschwinden

 

Denn die Male, in denen Abschied schwer fällt, sind die letzten Male ohne endgültiges Closure: verlorene Gegenstände, Ghosting in zwischenmenschlichen Beziehungen, plötzliche Todesfälle. Es gibt keine No Ends, nur verkackte letzte Male.

Manches darf nur in Melancholie, sakraler Tiefe und Akzeptanz beerdigt werden und nicht in unausgesprochenem Verschwinden. Absurd, wie manchmal das Leben tickt, denn Abschiede machen uns tatsächlich freier, auch wenn wir es manchmal hassen, konsequent zu sein.

Der wirkliche Moment eines Endes ist dann seltsam ruhig. Das sind die Momente, in denen wir weggehen und uns nicht mehr umdrehen, wenn die Tür nur ins Schloss fällt ohne dass danach das Drehen eines Schlüssels laut wird, vielleicht sogar der letzte Kuss, weil wir wissen, dass die Erasmusromanze eben nur zu diesem Semester in Spanien gepasst hat. Und das ist okay. Irgendwie hat dieses letzte Mal so seine Richtigkeit. Deswegen wird wohl auf meiner nächsten Fußmatte stehen.  „Happy Ends, sind das, was wir daraus machen.“

 

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Bildquelle: Jordan Sanchez unter CC0 1.0

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