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Hassobjekt: Jeans kaufen

Wer in der Lage ist, spontan eben mal eine Hose zu kaufen, kann bestimmt auch das Wetter kontrollieren.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Eine neue Hose kaufen.

 

Es ist Zeit, dass ich mir eingestehe, dass meine Lieblingshose nicht mehr die alte ist. Seit Wochen ist der Stoff zwischen den Beinen hauchdünn, der Used-Look wird seinem Namen mehr als gerecht und so richtig gepasst hat sie das letzte mal vor drei Jahren. Mich von ihr zu verabschieden, fällt mir zwar schwer, aber das ist bei weitem nicht so schlimm, wie das, was folgt: Ich muss mir wohl oder übel eine neue Hose kaufen, wenn ich nicht die nächsten Wochen ausschließlich in Jogginghosen oder Kleidern verbringen möchte. Bei dem Gedanken an die bevorstehende Shoppingtour läuft es mir kalt über den Rücken, aber es nutzt nichts.

 

Der Schrecken in Denim

 

Was ich suche: eine Jeans. „Slim fit, regular fit, boot cut oder boyfriend?“, fragt mich der Verkäufer. „Blau“, ist das einzige, was ich verwirrt herausbringe. Er schaut mich mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an und ich bin kurz davor zu gehen. Dann erinnere ich mich wieder an den Grund meiner freiwilligen Anwesenheit.

Also heißt es: anprobieren, anprobieren und anprobieren. Doch sobald ich mich freue, dass ich die Hose erfolgreich über meine Oberschenkel gezogen habe, folgt die Ernüchterung. Wie in aller Welt soll ich diesen Knopf schließen? Runter mit diesem elendigen Stück, nächste Hose. Schon beim Sitz-Test spüre ich, wie ich den Stoff an seine Grenzen bringe. Nächste. Diesmal scheitere ich schon daran, meinen Fuß jenseits vom anderen Ende des Hosenbundes durchzustecken. Ich bin kurz davor, mir ein Stück meiner Ferse abzuschneiden, dann fällt mir ein, dass ich nicht Cinderella bin. Und dass das hier kein Märchen mit Happy End ist, sondern die bittere Realität. Ich verfluche in Gedanken denjenigen, der festgelegt hat, dass ein Bademantel nicht gesellschaftstauglich ist.

Zuversichtlich bringt mir der Verkäufer acht weitere Modelle in die Umkleide. Und während ich Hose für Hose anprobiere, der „Passt-nicht“-Stapel immer größer wird und alle verfügbaren Mitarbeiter im Lager nach eventuell passenden Vorjahres-Designs suchen, sitze ich missmutig in Unterwäsche auf der kleinen Bank in der Kabine. Ich will doch einfach nur eine passende Hose. Zwei Beine sollte sie haben, mehr verlange ich gar nicht, sämtliche weitere Ansprüche an den Schrecken aus Denim habe ich schon lange aufgegeben.

 

#w27, verzweifelt, auf der Suche

 

Derjenige, der endlich mal ein einheitliches Größen-System für Jeans einführt, bekommt von mir den Friedensnobelpreis verliehen. Denn nur weil zwei Hosen auf dem Etikett die gleichen Angaben haben, heißt das noch lange nicht, dass auch beide über meinen Hintern passen. Im Dschungel aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen habe ich mich bisher auch noch nicht zurecht gefunden und bei W27 denke ich eher an eine Dame aus einer App namens Jodel, anstatt an Maßeinheiten. Dabei ist mir mein Ausmaß durchaus bewusst und es ist verheerend: Zwölf Jeans wurden aus dem Sortiment genommen, drei Mitarbeiterinnen leiden unter Burn-Out und die anderen sind nur noch damit beschäftigt, eine für mich passende Jeans zu finden. Es herrscht Chaos, gleich rufen sie die Anarchie aus. In der Ferne ertönen schon Sirenen.

Die Zeit, die wir brauchen, um eine passende Größe zu finden, könnte ich viel sinnvoller nutzen: Bäume umarmen, ein Studium in Friesischer Philologie abschließen oder endlich die Frage lösen, wie eigentlich immer diese ganzen blöden Kieselsteine in meine Schuhe kommen. Dann geschieht das Unglaubliche: Mit einem Blick, der von irrem Wahnsinn geprägt ist, bahnt sich eine mutige Mitarbeiterin den Weg zu mir und hält triumphierend ihren Jagderfolg in den Händen. Fast schon apathisch ziehe ich die Hose an, die sie mir reicht und ich bin mir sicher, dass sich in diesem Augenblick die Welt nicht weiterdreht. Engel singen Halleluja, sie ist genau so verblüfft wie ich.

 

Jogginghose 4 life

 

Ich weiß nicht, was ich sagen soll: Sie passt und auch im Sitzen könnte ich noch Essen und Atmen. Wir liegen uns in den Armen, im Hintergrund weint irgendjemand vor Freude. Vor dem Geschäft haben sich mittlerweile Leute versammelt, um das Schauspiel zu verfolgen. Ob das eine Komödie ist oder ein Drama, bin ich mir allerdings nicht sicher. Jetzt herrscht tosender Applaus. Ich stürme zur Kasse und verlasse diesen Ort des Grauens so schnell ich kann.

Daheim ziehe ich vor lauter Erschöpfung umgehend die bequemste Jogginghose an, die ich finden kann. Welch eine Wohltat für meine geschundenen Beine! Nichts drückt, nichts spannt, herrlich. Und wenn es demnächst so weit sein wird und meine neue Errungenschaft frisch gewaschen und dementsprechend eng auf ihren ersten Einsatz wartet – dann greife ich trotzdem immer noch so oft es geht lieber zu meiner löchrigen, aber heißgeliebten Jogginghose. Oder eben gleich dem Bademantel.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

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