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Hassobjekt: Menschen, die Kaugeräusche machen

Kaugeräusche sind eine schmatzende Ausgeburt der Hölle, die einen zur Weißglut bringen und eine ungeahnte Hass-Kraft in uns lostreten können.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Kaugeräusche.

Nach einem vierstündigen Ausflug sitze ich in einem Restaurant am Fuße eines der schönsten Wahrzeichen Deutschlands und bin wahnsinnig genervt. Die traumhafte Kulisse entzieht sich für die Dauer eines Essprozesses meiner Aufmerksamkeit, da ich nur noch Augen und vor allem Ohren für einen Mann habe, der mir schräg gegenüber sitzt und laut und saftig speichelnd seine Pizza isst. Sein widerliches Geschmatze ermöglicht mir einen phänomenalen Blick in seine Mundhöhle. Dieses klassische Unfall-Phänomen, bei dem man nicht wegschauen kann, hat mich in seinen Bann gezogen und bringt langsam aber sicher mein Blut zum Brodeln und die Zornader auf meiner Stirn zum Vorschein. Das in den Bergen hallende Herunterschlucken katapultiert mich schließlich aus meiner Wut-Trance in den ultimativen Kosmos der Gewaltfantasien: WIE KANN MAN VERDAMMT NOCHMAL SO EKELHAFTE KAUGERÄUSCHE MACHEN?!

 

Mysophonie – irgendwas mit Hass auf Essgeräusche

 

Mysophonie lautet das lautmalerische Wort, das den Hass auf Essgeräusche beschreibt. Die Betroffenen, zu denen ich mich höchstpersönlich zähle, empfinden Kaugeräusche als so unerträglich, dass sie teilweise sogar Aggressionen entwickeln. Ich frage mich: welcher normale Mensch kann bitte ruhig bleiben, wenn jemand krachend in eine Möhre beißt und sie dann unter geräuschvoller Demonstrierung seiner Kaumuskeln zerkleinert und währenddessen am besten noch die Zunge am Gaumen herumschleimt? Wem kann es gleichgültig sein, wenn eine Person beim Essen partout nicht ihren Mund schließen kann und für alle Welt sichtbar ihren Nahrungsbrei zwischen den Kauflächen herumwirbelt? Ist dieses Aufeinanderknallen der Kauzähne und das Geschmatze im Mund nicht die tongewordene Ausgeburt der Hölle? Teufelsgejohle und die Schreie aller im Fegefeuer Brennenden sind was für Anfänger. Kaugeräusche sind die wahren quälenden Schreckenslaute aus der ewigen Glut.

 

Voraussetzung: Vollkommene Reinsteigerung

 

Schließlich peinigen sie sowohl unseren Körper als auch unseren Geist auf unvorstellbar grausame Weise und lassen nicht locker, ehe wir schreiend, tretend, heulend vor Wahnsinn am Boden liegen – oder die Mahlzeit beendet wurde. Wer denkt, dass hier eine Baron von Münchhausen ähnliche Geschichte vorliegt, der irrt. Dieses Kaugeräusch-Martyrium fühlt sich faktisch genau so an – vorausgesetzt, man steigert sich so richtig in seinen Hass rein. Denn erst, wenn man alles andere ausblendet und sich einzig und allein auf den Oralbereich einer Person konzentriert, die gerade unschuldig und hungrig ein Mahl zu sich nimmt, ist der innere Aggressions-Gau perfekt. Es braucht diese ungebrochene Aufmerksamkeit und Konzentration. Ein Schuss Hingabe und Wahnsinn schaden auch nicht. Und erst dann, wenn das Blut durch die Adern schießt, das Herz wütend pocht, man voll der Gewaltfantasien ist und sich aus dem Hier und Jetzt entfernt, öffnet sich verheißungsvoll und vom häufigen Gebrauch knarrend das Tor zur ultimativen Wutausbruchentfaltung. Emily Rose-artig möchte man dann auf die laut essende Person zustürmen, ihr garstig fauchend und tobsüchtig auf die Brust springen, das Mahl aus der Hand schlagen und mit spitzen Fingern am liebsten alles Essbare aus dem Mund herauskratzen. Man will den unhold Essenden an den Schultern packen, ihn rütteln, ihm schreiend ins Gesicht sagen, dass er aufhören soll, so pervers laut zu essen. Und dann, wenn der Spuk des geräuschvollen Essens vorbei ist, streift man langsam die Facette des fleischgewordenen Hasses von sich und fragt unschuldig lächelnd: „Und, hat’s geschmeckt?“.

 

Die Schwarze Liste der Mysophoniker

 

Da wäre noch die Black List der Nahrungsmittel, mit der Mysophoniker so gar nicht klar kommen. Auf ihr stehen Äpfel, Karotten, Knäckebrot. Orangen! Diese matschige Gelutsche die ganze Zeit. Ein Albtraum, Orange is the New Dead könnte man sagen. Kaugummi, denn da ist ja gar kein absehbares Aufess-Ende in Sicht. Leckere krosse Brötchen, wahlweise mit vielen Körnern und mit viel „Krach“. Spaghetti, auch ganz schwierig, weil sie gerne und vollkommen rücksichtslos eingesogen werden, was wunderbare Schmatzgeräusche ergibt. Ebenso ist Suppe jeglicher Art der Untergang der mentalen Gesundheit eines jeden Mysophonikers. Das Geschlürfe und geräuschvolle Heruntergeschlucke hält eh kein Mensch aus, vor allem, wenn die Zähne dann auch noch den Löffel berühren und zwischen diesem nervtötenden Geschlabber auch noch für Gänsehaut sorgt, die an Fingernägel auf der Kreidetafel erinnert. Von was sollen wir uns denn dann ernähren, werden jetzt ein paar überrumpelte Leute fragen, die mit dieser Abneigung so gar nichts anfangen können und sich über die Reinsteigerungs-Fähigkeit einiger Menschen wundern.

Die Antwort lautet: von Luft und Liebe. Soll eh viel gesünder sein, sagen alternative Fakten.

 

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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