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Hassobjekt: Menschen, die niemals pünktlich sind

Manchmal träume ich, dass ich all die Lebenszeit zurückbekomme, die ich beim Warten verloren habe – dann klingelt mein Wecker und ich stehe auf. Pünktlich.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Menschen, die einfach immer spät dran sind.

 

„Meinst du nicht, wir sollten ein bisschen eher los?“ „Ach, Quatsch, das reicht locker. Schlaf schön, bis dann!“ Okay. Ciao? Ich hatte da immer so eine seltsame Zahl von 2 Stunden im Kopf, wenn es um die Ankunftszeit an Flughäfen ging. Aber da lag ich dann vielleicht auch einfach falsch. Der nächste Morgen. Ich bin entspannt, meinen Rucksack hatte ich gestern schon fertig gepackt. Der Vormittag vergeht (für mich!) ruhig und es wird 10 nach 2. Wollten wir nicht schon längst los? Die Sache mit mir und den Terminen ist die: Ich stehe wirklich IMMER exakt zur vereinbarten Zeit auf der Matte, das heißt in diesem Fall: Schuhe an, Jacke an, Rucksack auf dem Rücken. Wenn die Pünktlichkeit einen Namen hätte? Würde meiner ihr ganz gut zu Gesicht stehen.

 

Roadtrip mit Schrecken

 

Mein Handy klingelt. „Du wird doch halb, aber ist eh kein Stress, wir sind noch super in der Zeit!“ Super, für den Fall, dass die EU demnächst anstelle der Zeitumstellung die dauerhafte Einführung von Schneckentempo für alle diskutiert. Aber hey, kein Ding. Der Flug geht in 3 Stunden. Easy. Kurz nach halb klingelt meine Freundin an der Haustür und ich springe abgehetzt ins Auto, um wie durch einen Schleier zu hören: „Haha, gerade ist mir aufgefallen, dass wir mit dem Sprit hier niemals bis München kommen. Müsste also nochmal kurz tanken.“ Wow. Ich höre mein Lachen, das definitiv eher mit den Worten „hysterisches Jaulen“ beschrieben werden kann. Wir nehmen also direkt wieder die erste Autobahnausfahrt und sind damit exakt an dem Ort, an dem die Freundin wohnt. Das hat ja jetzt mal wirklich null Komma null Sinn ergeben. In mir beginnt es zu brodeln und ich denke, dass dieses hitzige Gefühl an einer Tankstelle gefährlich werden könnte. Beim vorsichtigen Blick in Richtung Uhr wird mir instant schlecht. Immerhin ist der Tank mittlerweile voll und wir fahren raus, bevor es knallt. Wieder frisch eingefädelt verabschiedet uns Deutschland mit dem größten Sauwetter, das ich seit Langem gesehen habe. Es schüttet aus Kübeln, die Sicht ist nicht vorhanden und wir müssen zwangsläufig ein bisschen runter vom Gas. Ich versuche zu atmen, wie sie das in diesen Achtsamkeitsvideos immer zeigen. Einatmen, bis der rote Ball groß ist, Ausatmen, bis nur noch eine Murmel zu sehen ist. Ab einem gewissen Punkt ist es mir dann auch schon egal und ich singe lauthals zu Ed Sheeran. Ich freue mich gerade einfach nur auf den Urlaub.

 

Absolut nicht im Flugmodus

 

Die Freude währt nicht lange, denn wir sind mittlerweile auf dem Flughafengelände angekommen. Innerlich ich erstmal so: Thanks! Was wir aber irgendwie nicht so ganz bedacht hatten: Flughäfen sind groß. Und der Parkplatz ist größer, als der bei ALDI. Es dauert also noch einmal eine gefühlte Ewigkeit, bis wir unseren Spot finden. Die Schranke geht nicht auf. Ich steige aus und versuche, dieses System zu kapieren. Es ist schließlich immer wieder schön, mit vollautomatischen Maschinen zu kommunizieren. Nix. Okay, langsam verliere ich die Contenance. „Wie soll das denn hier jetzt bitte funktionieren, mein Gott?!“, höre ich mich selbst panisch kreischen. Irgendwann klappt’s, die Schranke bewegt sich und ich springe einer Stuntwoman gleich ins rollende Auto. Wir parken dermaßen elendig ein, dass ich mich noch heute oft dabei ertappe, wie ich mir unsere Nachbarn zur Linken und Rechten beim Rangieren ihrer Autos vorstelle, während die katalanische Sonne unsere Bäuche gewärmt hat. So ganz ohne Räder unter den Füßen ist auch das letzte Stückchen unserer bescheidenen Orientierung passé und der Flug geht in mittlerweile fucking 30 Minuten!!! „Es hilft nix, wir müssen uns ein Taxi nehmen!“, höre ich meine Freundin neben mir. „Ein Taxi zum Gate, jetzt ehrlich?“ 2 Minuten später sitze ich kochend vor Wut im Großraumtaxi. „Ich hab’s gesagt, ich hab’s gesagt, ich hab’s gesagt!“, schreit der Teil meines Hirns, der mich regelmäßig zehn Minuten zu früh an die Haltestellen dieser Erde schickt. Das wird die unsinnigste und natürlich auch die teuerste Taxifahrt meines Lebens werden und der erste Krug voll mit eisgekühltem Sangria geht für die Rundreise am Flughafen drauf. Wir hetzen zum Gate, dort packt eine junge Frau mit Feierabendmimik gerade ihre Sachen zusammen: „BARCELONA! BARCELONA!, schreien wir uns die Kehle aus dem Hals. „Ich wollte das Gate in dieser Sekunde schließen, da hatten Sie jetzt aber wirklich Glück.“ ALLE sitzen schon, als wir uns im Flugzeug zu unseren Sitzen zwängen und ich bin so angepisst und peinlich berührt, dass ich mir weder mein Buch aus dem Rucksack hole, noch mein Smartphone in den passenden Modus versetze. Das sollte mir alles erst lange nach der sicheren Landung auffallen.

 

Warum? Darum!

 

Warum ich Unpünktlichkeit hasse, fragt ihr mich? Weil Jacken für draußen gemacht sind und nicht dafür, damit eine Stunde im Hausflur zu stehen. Weil auch harmloser Nieselregen einen bis zur Unterhose durchnässt, wenn der Bus zwanzig (!) Minuten zu spät kommt. Weil ich mich zu einer Zeit zum Essen verabrede, zu der ich mit Hunger rechne. Weil mein Kaffee dann heiß auf dem Tisch steht, wenn du dich angekündigt hast. Weil „los alemanes“ halt einfach einmal „puntualmente“ sind und ja, ihr Spanischlehrer meiner Vergangenheit, ich finde das verdammt geil! Wo kämen wir denn sonst hin?!

 

 

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Bildquelle: Pexels unter CC0 Lizenz

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