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Hassobjekt: Voluntourismus – Charity fürs Profilbild

Junge Menschen, die losziehen, um die Welt zu verbessern, aber eigentlich nur Selbstdarstellung durch ihren Elendstourismus betreiben.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten ab sofort immer Montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Freiwilligenarbeit“.

Ein Hassobjekt von Markus Ehrlich. Illustriert von Lotte Düx.

Die Haare trägt sie zu einem stylischen Dutt gebunden, auf dem Arm ein moskito-zerstochenes Waisenkind mit leerem Blick – und auf ihren schmalen Schultern eine Last, die für Normalsterbliche kaum vorstellbar ist: Barbie Savior. Eine junge Frau, losgezogen, um diese scheußliche Welt zu verbessern – und dabei umwerfend auszusehen. Ihr Credo: „Nicht qualifiziert – berufen.“

Barbie Savior ist ein Satire-Account auf Instagram, der freiwillige Helfer kritisiert, denen es mehr um Selbstdarstellung geht, als um echte Hilfe. Darin dokumentiert die karitative Barbie ihre Reise durch die ärmsten Länder dieser Welt – und steht symbolisch für die Doppelmoral internationaler Freiwilligenarbeit. Denn: Wer Slumfies (Slum & Selfie) postet, hilft niemandem, nicht mal sich selbst.

 

Ausbildung: Fehlanzeige.

 

Wenn man sich, zwischen all dem Lebenslauf-Pimpen, mal drei Minuten Zeit nimmt und über internationale Freiwilligenarbeit nachdenkt, kommt man schnell drauf, wie absurd sie ist. Weltweit arbeiten jährlich 1,6 Millionen Menschen in Entwicklungsländern und geben dafür gut zwei Milliarden US-Dollar aus. ZWEI MILLIARDEN. Das heißt: Reiche aus dem Westen bezahlen irrsinnig viel Kohle, um Leopardenkäfige in Afrika auszumisten. Zum Vergleich: In Ländern wie dem Südsudan, Malawi oder Burundi verdienen Menschen unter 350 Euro – im Jahr. Und ihr wollt da hinfahren und genau diesen Leuten auch noch ihre Jobs wegnehmen?

Dazu kommt: Was glaubt ihr, in Afrika zu tun? Kein Mensch mit einem IQ über vier kann ernsthaft davon ausgehen, dass er dort wirklich hilft. Wir Europäer wissen oft nichts über die Länder in die wir da, mit unfassbar vielen guten Absichten bepackt, reisen und helfen wollen. Uns fehlt die Ausbildung zum Spielen mit Waisenkindern, Englisch unterrichten für angehende Lehrer, zum Ziegelsteine stapeln für Schulgebäude oder zum *Insert random gute Tat*. All diese Dinge sind zwar sicher gut gemeint, helfen aber niemandem. Warum zur Hölle glaubt ihr, dass ihr euch besser um traumatisierte Kinder kümmern könnt, als ausgebildete Psychologen?

 

Tue Gutes und rede darüber.

 

Fassen wir zusammen: Ein Haufen blasser, frisch-gebackener Abiturienten tingelt jährlich in die ärmsten Länder der Welt und inszeniert sich als Weltverbesserer. Willst du wissen, wem das hilft? Den Agenturen, die dir deine Frohnreise verchecken. Sonst niemandem. Surft man sich ein bisschen durch die Angebote solcher Reiseveranstalter, stellt man fest, dass Freiwilligenarbeit richtig teuer ist. 2000 Euro für zwei Wochen, 4000 für vier – exklusive Flugtickets, aber immerhin inklusive wöchentlichen Wäscheservice und im besten Fall einer funktionierenden SIM-Karte fürs Smartphone. Wäscheservice und Smartphone. In Ländern, in denen Wasser knapp und Internet quasi nicht vorhanden ist.

Aber klar: Tue Gutes und rede darüber. Das lernt heute jeder PR-Erstsemester. Wichtig beim Tingeln durch die Slums der Welt: Immer schön lächeln, den Daheimgebliebenen mitteilen, wie engagiert man gerade ist und denen im besten Fall ein richtig schlechtes Gewissen machen. Und mal ehrlich: Diese Waisenkinder sind schon extrem süß mit ihren krausen Haaren und den ultraweißen Zähnchen. Total real. Das ist das eigentlich Perverse: Euer Afrikaaufenthalt verändert vielleicht euer Facebook-Profilfoto, aber nicht die Lage der Leute in Malawi, Burundi und Co. Das britische Satiremagazin „The Onion“ schrieb passend über eine (fiktive) Aid-Workerin: “I don’t think my profile photo will ever be the same, not after the experience of taking such incredible pictures with my arms around those small African children’s shoulders.“ Sad but true.

Deswegen tue den Menschen in Afrika, deinen Facebookfreunden, genervten ZEITjUNG-Autoren und im besten Fall dir selbst einen Gefallen: Denk’, bevor du dein eigentlich für den Führerschein reserviertes Geld irgendwelchen gierigen Aid-Work-Agenturen in den Rachen wirfst darüber nach, ob ein selbstzentrierter Retter sein willst, der sich als aufopferungsvoller Heiliger kleidet. Falls du diese Frage mit nein beantworten kannst, studiere etwas Anständiges (Medizin beispielsweise) und gehe erst hinterher nach Afrika. Dann kannst du nämlich wirklich helfen, statt im Weg rumzustehen. Netter Nebeneffekt: Dann wird sich keiner mehr über dein Profilfoto bei Facebook aufregen – versprochen.

 

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Lotte Düx ist eine junge Illustratorin und Designerin, die nach Stationen in Wiesbaden und Köln ihre Wahlheimat in München gefunden hat. Mit einer Vielfalt an Stilen illustriert sie pointiert und detailverliebt ebenso das Schöne und Skurrile, wie Missstände und das aktuelle Zeitgeschehen. Daneben findet sie noch Zeit für ZEITjUNG das wöchentliche Hassobjekt mit ganz viel Liebe zu illustrieren. Danke!

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