Hassobjekt: Werbung für Tampons und Binden

Hassobjekt Werbung für Binden und Tampons

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Werbung für Tampons und Binden.

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich auf dem Sofa und habe Schmerzen. Mein Unterleib frisst sich scheinbar von innen auf, mein Kopf dröhnt, mein Rücken und meine Beine sind angespannt. Gestern habe ich gar nichts gegessen, weil mir permanent schlecht war. Heute konnte nicht mal eine ganze Tafel Schokolade meinen Heißhunger stillen. Mein Bauch ist aufgebläht. Wenn ich aufstehe oder mich nur umdrehe, macht mein Kreislauf Probleme. Das stört besonders, weil ich ständig aufs Klo muss – entweder, weil ich Durchfall habe, oder weil ich schon wieder meine Binde wegen starker Blutung wechseln muss.

Das Märchen von der weißen engen Jeans

Um mich abzulenken, schalte ich den Fernseher ein. Und was begegnet mir da? Die gute alte Werbung für Hygieneartikel! Die Frau dort liegt nicht in der größten Jogginghose, die sie finden konnte in Embryohaltung auf der Couch. Nein, sie trägt eine weiße enge Jeans und hat ein heißes Date. Davor war sie noch in kurzer Leggings beim Sport, denn „nichts kann sie aufhalten“. Der Grund für ihre Leichtigkeit: die „ultrastarke Saugkraft“ der Binde bzw. des Tampons. Das wird sogar kurz semi-wissenschaftlich demonstriert: Aus einem Reagenzglas tropft eine blaue Flüssigkeit auf das Produkt und nichts läuft aus.

Weiße Kleidung – als ob!

Erstens mal kenne ich keine Frau, die freiwillig während ihrer Tage enge weiße Kleidung trägt. Das ist ein verdammter Mythos. Die Wahrheit wäre: eine Jogginghose oder ein sorgsam zusammengestelltes Outfit, das auf jeden Fall dunkel ist, am Bauch nicht zu sehr einengt und am besten noch eine Jacke beinhaltet, die den Po bedeckt – just in case.

Dann mag es ja auch noch wirklich Frauen geben, die auch während ihrer Periode zum Sport, zur Arbeit, auf Partys und Dates gehen. Das als Norm hinzustellen, ist aber fragwürdig. An dieser Stelle übrigens herzlichen Dank an meine Biolehrerin, die uns in der achten Klasse weiß machen wollte, dass es das Schlimmste sei, während der Periode nur rumzuliegen: „Wir müssten uns unbedingt ganz viel bewegen,“ sagte sie. Zu der Zeit habe ich mich während meiner Menstruation drei bis sechs Mal pro Tag übergeben und kam mir dank ihrer Empfehlung noch unnormaler vor als ohnehin schon.

Blaues Blut

Und noch etwas: Warum wird das Blut als hellblaue Flüssigkeit dargestellt? Wäre Periodenblut hellblau, hätte ich im Laufe der Jahre nicht eine nennenswerte Anzahl an Bettlaken, Matratzen, Handtüchern, Jeans und Lieblingsslips ruiniert. Jeder Mensch weiß, dass Blut rot ist. In der Zahncreme-Werbung spuckt jemand mit Karies rotes Blut ins Waschbecken. In der Pflaster-Werbung schürft sich ein Kind das Knie auf und es kommt rotes Blut aus der Wunde. In keiner anderen Werbung wird Blut durch eine ominöse blaue Flüssigkeit ersetzt. Warum? Weil es unhygienisch und eklig ist und daher nur modellhaft abgebildet werden kann? Die Werbeagentur dahinter hält den normalen Fernsehzuschauer offenbar für einen pubertierenden 13-jährigen. Und sie ist nur von Männern besetzt. Anders kann ich mir diesen Bullshit nicht erklären.

#badass

Mittlerweile gibt es ja schon bessere Spots für Hygieneartikel, die auf Empowerment setzen und zeigen, was für eine Badass Leistung es ist, jeden Monat aus der Vagina zu bluten. Die #wieeinmädchen Kampagne ist ein gutes Beispiel dafür. Trotzdem würde ich mich mal über eine andere Herangehensweise freuen, die auch Frauen mit einschließt, die während ihrer Tage eben nicht auf Achse sein können und ihnen nicht vermittelt, dass sie deshalb abnormal sind. Außerdem gab es letztes Jahr den ersten Werbespot für eine Binde, der rotes Blut zeigt und in dem, man höre und staune, sogar ein Mann im Supermarkt eine Packung Einlagen kauft. Das ist ein guter Anfang, da geht aber noch mehr.

Kein Uterus, keine Meinung!

Gebt mir einen verdammten Spot, in dem eine Frau zusammengekrampft im Bett liegt, nachdem sie ihren Kollegen gesagt hat „Ich gehe nach Hause, weil ich starke Menstruationsbeschwerden habe“. Anstatt offiziell was von Magenschmerzen zu sagen und dann heimlich nach „du weißt schon was“ wegen der „Erdbeerwoche“ zu fragen. Statt dämlicher Gewinnspielcodes sollte es an Tamponboxen Gutscheine für Ben&Jerrys Becher – und zwar die Großen – geben. Auf der Packung sollte sowas stehen wie: „Es tut uns leid, dass du circa sechs Jahre deines Lebens mit deiner Menstruation verbringen musst. Genieß das Eis und sei dir sicher, diese Tampons halten sogar dicht, wenn du niesen musst“. Weitere Ideen für sinnvolle Rabatt-Kooperationen wären zum Beispiel: Wärmflasche, Ärmeldecke mit Fußtasche, Gallseife, bequeme schwarze Leggins oder ein Punching Bag. Letzterer wegen all der misogynen Kackscheiße, die man sich anhören muss, sei es von Bekannten („Hab dich mal nicht so“) oder Ärzten („Wegen Regelschmerzen kann ich Ihnen aber keine Krankschreibung ausstellen“). Dazu kann ich nur Rachel aus Friends zitieren: No uterus, no opinion! Deshalb brauchen wir mehr Werbung, die den monatlichen Struggle angemessen repräsentiert und nicht diesen weichgespülten Girly-Kram.

Autorin: Ich kann eine Orange filetieren, aber keine gerade Brotscheibe von einem Laib abschneiden. Dementsprechend frage ich mich manchmal, warum ich nicht einfach was Ordentliches gelernt habe. Schreiben macht mir trotzdem Spaß – besonders, wenn ich mich beim Zeitjung-Hassobjekt auskotze oder interessante Interviews führe.