Hassobjekt: Wichteln bei der Weihnachtsfeier

Geschenkübergabe Weihnachten

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Das lächerliche Wichteln bei Weihnachtsfeiern.

 

Plopp. Eine neue E-Mail erscheint in meinem Postfach. Sie ist von meinem Chef und es ist Dezember. Ich spüre, wie sich mir die Angst in den Nacken setzt, kalter Schweiß bricht aus, meine Hand greift zitternd die Maus und klickt auf „öffnen“. Herzliche Einladung zur Weihnachtsfeier! Verdammt, ich wusste es! Nicht falsch verstehen, ich feiere es sehr mir für lau den Bauch vollzuschlagen und jeden einzelnen Drink der Karte fachmännisch zu bewerten. Anschließend noch ein ziemlich mieser Auftritt von Herrn Meier als Polyester-Nikolaus in Begleitung der Azubi-Engel, ein paar erzwungene Lacher und gut ist. Das wäre das Ende einer Weihnachtsfeier, wie ich sie ins Drehbuch schreiben würde. Leider kommt es nicht so weit, denn die Regisseure der meisten Firmen haben den Titel „Chef“ und finden Gefallen am dämlichsten Weihnachtsbrauch, den die Welt je gesehen hat: Wichteln.

 

Materialisierte Abneigung im Wert von 10 Euro

 

Wie zur Hölle ist dieses dämliche Schenken zur Tradition verkommen? Hey, Leute! Ich hab‘ da eine grandiose Idee. Ihr kennt euch zwar alle so gut wie gar nicht, wisst teilweise nicht einmal eure Vornamen (Es war irgendwas mit K…oder G?), aber trotzdem klebt ihr doch tagtäglich 8 Stunden aufeinander oder? Da fällt euch schon was ein, wenn ich euch sage: Kauft im Wert von 10 € eine x-beliebige Sache, die jedem hier Anwesenden gefallen könnte. Ähnlich einfache Aufgaben? Stecke einen USB-Stick beim ersten Versuch richtig herum in deinen Computer, verbrenne dich nicht am ersten Bissen in deine Pizza, iss nur einen Chip aus der Tüte und lass den frisch gekauften Basilikum nicht innerhalb von einer Stunde zur Trockenblume verkümmern. Ich meine, kommt schon. Einmal ganz davon abgesehen, dass 10 € in unseren Zeiten oft leider lächerlich wenig sind, um ein Geschenk zu besorgen, weiß ich auch wirklich nicht, was für eines. Was ich von meinen Kollegen weiß? Wer immer zu spät kommt, wer das Druckerpapier NIEMALS auffüllt, die meisten Raucherpausen am Tag einlegt, koffeinsüchtig ist, Unterlagen verlegt, seine schlechte Laune an Kunden auslässt und wer um Punkt 17 Uhr die Türschwelle übertritt. Feierabend! Was ich nicht wissen kann oder will? Wer seine Frau in einem italienischen Bergdorf kennengelernt hat und seitdem DIESEN EINEN Rotwein abgöttisch liebt, wer jeden Donnerstag im Kino sitzt, um den neuesten Blockbuster zu sehen, wer französische Wurzeln und eine damit einhergehende Leidenschaft für Camembert hat und wer für sein Leben gerne Orchideen züchtet.

 

Ich sehe was, was du nicht magst und das ist…

 

Und selbst wenn mir Monika zwischen zwei Tassen Kaffee einmal vom Kennenlernen mit ihrem Günter erzählt hätte, es wäre in meinem speziellen Fall sinnlos gewesen. Denn das Wichteln in der Sonderedition und schillernd leuchtenden Jubiläumsausgabe ist: komplett anonym. So jedenfalls wurde es gespielt, als ich noch Teil der fröhlichen Partyrunde war und das hat mich schließlich zu einem Selbstversuch gebracht. Ist Neutralität käuflich? Und wenn ja, kostet sie tatsächlich maximal 10 €? Wer unsere politischen Zeiten auch nur annähernd verfolgt, kann vielleicht verstehen, dass dieser Deal nicht aufgehen kann. Auch wenn es sich „nur“ um „was Kleines“ für den Kollegen am Schreibtisch nebenan handeln soll. Nur. Wo bei mir selbst das weihnachtliche Beschenken von Friends und Family oftmals schlimmere Torschlusspanik verursacht als die Frage nach meinem Beziehungsstatus. Aber es hilft ja eh nix. Noch schlimmer als die in Geschenkpapier eingewickelte Ahnungslosigkeit ist schließlich die Blamage vor dem gesamten Kollegium, wenn dank mir jemand leer ausgeht. Gedankenlos greife ich zur nächstbesten Sache, die ich in einem „Hier gibt’s alles“-Laden (dieses Prädikat sagt ja eh schon alles) in die Finger bekomme und bezahle. Am großen Abend der Weihnachtsfeier steht mein liebevoll verpacktes Präsent dann zwischen all den anderen verschwendeten Zehnern. Sahnehäubchen der Lächerlichkeit? Wir würfeln darum, wer was bekommt. Hihihi. Meines bleibt schließlich zwischen all den Frauen an einem jungen Kollegen hängen und ich hoffe, dass er sich über die eingestrickte Porzellantasse mit heißer Schoki zum Einrühren freuen wird.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

Seit meiner aus jugendlichem Leichtsinn absolvierten Banklehre bin ich auf der stetigen Suche nach einem vom Spießertum befreiten Leben. Im Moment volontiere ich an der Katholischen Journalistenschule ifp und habe damit endlich die Lösung für mein stark ausgeprägtes Kommunikations- und Mitteilungsbedürfnis gefunden. Meinem verschriftlichten losen Mundwerk könnt ihr über diesen Link folgen!