Bei Impfneid und Impfscham spielen unsere Gefühle verrückt

Junger Mann bekommt ein Pflaster auf den Arm nach einer Impfung

Die Coronazeit beschert uns immer wieder neue Wortschöpfungen. Brückenlockdown und Zoom Fatigue sind nur zwei illustre Beispiele. Aktuell im Trend: Impfneid und Impfscham. Was steckt hinter diesen Gefühlen und wie können wir damit umgehen?

Um direkt mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich gehöre durch einen Zufall zu den glücklichen 28,3 Prozent, die bereits mit der ersten Dosis geimpft wurden (Stand: 04.05.2021). Da ich in den letzten Monaten viel Zeit hatte, habe ich hin und wieder ehrenamtlich in einem Impfzentrum ausgeholfen. Nach einer Schicht wurde ich abends gefragt, ob ich mit übriggebliebenem Impfstoff geimpft werden möchte. Ziemlich überrascht und ehrlich gesagt auch etwas überrumpelt habe ich einfach zugesagt. Viel Zeit zum Überlegen gab es tatsächlich nicht, der fehlende Impfpass war auch kein Hindernis und so hatte ich kurz danach die erste Impfung auch schon im linken Arm.

Social Media: Vergleiche verstärken den Neid-Gedanken

Auf Instagram und Co. teilen den Moment des „Frisch-geimpft-Seins“ immer mehr Menschen. Warum auch nicht? Das Posting eines geimpften Armes steht schließlich wie nichts anderes dafür, dass die Bekämpfung der Pandemie vorangeht und offen gesagt auch für den Moment, den die meisten von uns seit mehr als einem Jahr herbeisehnen. Hier fängt häufig aber das Vergleichen an. „Warum hat ausgerechnet sie denn jetzt die Impfung bekommen, während ich noch auf meinen Termin warte. Oder meine 60-jährige Mutter?“ Durch die aktuelle Impfstoffknappheit und fehlende Möglichkeit, allen ein Impfangebot zu machen, wird dieser Impfneid noch stärker.

Neid ist aber nicht gleich Neid. Jemanden um eine Impfung und den damit einhergehenden Schutz für die Gesundheit zu beneiden, muss nicht bedeuten, diese Impfung der anderen Person nicht gleichzeitig auch zu gönnen. Der Wunsch, ebenfalls gerne in der Situation der geimpften Person zu sein und keine Angst mehr vor dem Virus haben zu müssen, ist absolut verständlich. Der Psychoanalytiker Eckehard Pioch bezeichnet diesen Fall auch als konstruktiven Neid, weil er dazu beiträgt, dass man sich für seine Bedürfnisse und Wünsche einsetzt. Auch wenn rational klar ist, dass jede Impfung zur Herdenimmunität beiträgt, nach mehr als einem Jahr Leben in der Pandemie sind Emotionen richtig und wichtig. Dekonstruktiver Neid ist hingegen das Missgönnen einer Impfdosis im Sinne von:

„Ich hätte diesen Impfstoff mehr verdient“.