Isabelle, 24, arbeitet ehrenamtlich als Telefonseelsorgerin

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Wer sind eigentlich die, die am anderen Ende der Leitung sitzen? Am anderen Ende der Leitung, die Sorgen, Ängste, Probleme und Gedanken transportiert. Auf der einen Seite steht, sitzt, liegt ein verzweifelter Mensch, der mit jemandem reden muss, aber niemanden zum Reden hat. Doch wer hebt auf der anderen Seite den Hörer ab, wenn eben jener Mensch in seiner Verzweiflung die Nummer einer Telefonseelsorge wählt?

Zum Beispiel Isabelle. Isabelle ist 24 Jahre alt, Studentin und sitzt regelmäßig nachts vor einem Telefon, um anderen Studierenden zu helfen. In ihrer Freizeit arbeitet sie ehrenamtlich im Verein der Nightline Dresden, einer Hotline von Studierenden für Studierende. Gerade sitzt sie allerdings vor mir -zumindest viturell-, uns trennt nur ein Bildschirm. So sieht also ein Mensch aus, der Nacht für Nacht Menschen zuhört. Isabelle hilft nur mit ihrem Ohr und ihren Worten, ihr Gesicht bleibt unerkannt. Und auch ihr Name, denn Isabelle heißt eigentlich gar nicht Isabelle. Auf Anonymität wird großer Wert gelegt. Selbst ihre Freunde wissen nichts von ihrer Tätigkeit.

Durch die Anonymität kann ich mich leichter abgrenzen, die Distanz wahren und damit abschließen. Für mich ist es viel wert, dass ich nur dieses Telefon habe, die Person nicht sehe und auch nicht regelmäßig Kontakt zu ihr habe„, erklärt sie mir. Aber es kommt schon ab und zu vor, dass sie sich die Anrufer bildlich vorstellt. Gerade, wenn sie die Stimme zufällig mit einer Person verbindet. Aber sie versucht, sich davon zu lösen: „Denn es ist tendenziell besser, nicht zu versuchen, die Person auf irgendeine Art einzugrenzen oder sich auf ein Bild festzulegen, sondern sie so zu nehmen wie sie ist.

 

Wenn das Telefon zum ersten Mal klingelt

 

Die Nightline wurde ursprünglich in Heidelberg gegründet. Dort erfuhr Isabelle zum ersten Mal davon. Zunächst engagierte sie sich aber eher passiv in der Vereinsarbeit als aktiv am Telefon. Denn auch das gehört zum Job, wie sie mir erzählt. Beispielsweise müssen Schulungen organisiert werden. Ohne Schulung darf nämlich niemand zum Hörer greifen. „Dort geht es darum, aktives Zuhören und systemisches Fragen zu lernen. Fähigkeiten wie Feingefühl sollte man schon mitbringen“, sagt sie.

Ihren ersten Anruf nahm sie dann in Dresden entgegen: „In den Übungen habe ich mich sehr selbstbewusst gefühlt, aber in dem Moment, als das Telefon dann klingelte, merkte ich: Wow, das ist jetzt echt.“ Viele von uns haben diese Telefonphobie. Wie es dann sein muss, zu wissen, jemandem am Telefon helfen zu müssen, kann ich nur erahnen. „Beim ersten Mal habe ich viel zu schnell etwas gesagt und Fragen gestellt. Aber die meisten Anrufer machen nur eine Pause und reden dann weiter. Da habe ich gemerkt, dass ich auch einfach mal die Klappe halten muss“, meint sie und fügt hinzu, dass das überhaupt einer der größten Lernprozesse sei: Stille auszuhalten.

 

Wie läuft so ein Telefonat ab?

 

Die Nightline Dresden hat ein eigenes Büro. Dort sitzen dienstags, donnerstags und sonntags jeweils zwischen 21 und 0 Uhr zwei Studierende, die sich beim Telefonieren abwechseln. „So hat man immer jemanden bei sich, der einem notfalls weiterhelfen oder Weiterleitungsnummern heraussuchen oder zwischen den Telefonaten auch einfach unterhalten kann.“ Wenn dann jemand in der Leitung ist und seine Probleme schildert, wiederholt Isabelle meist das Gesagte mit einer Frage: „Ich sage bloß: ‚Also, du hast jetzt XY erzählt. Habe ich das richtig verstanden?‘ Und füge keinen neuen Inhalt hinzu. Daraus besteht ein Gespräch hauptsächlich.“ Es ist Zuhören und gemeinsam Reflektieren. Aktiv Ratschläge zu geben soll vermieden werden. Die Studierenden sind schließlich keine studierten Psychologen, aber „es kann schon viel bringen, wenn ich die Probleme einfach nochmal neutral ausspreche.

Aber welche Probleme sind das überhaupt, die in der Nightline von den Studierenden angesprochen werden? Die klassischen Probleme, die Studiumsfragen betreffen, nehmen laut Isabelle gar nicht den größten Teil ein. Häufig gehe es um Liebeskummer und soziale Ängste und Probleme. „Bei manchen Menschen kann ich auch gar nicht sagen, worum es geht. Die erzählen ganz viel und haben einfach nur Redebedarf„, erzählt sie. Der Redebedarf und die Lebensphase im Studium verbinden alle.

Apropos: Wenn jemand wirklich sagen kann, was unsere Generation ausmacht, dann ja wohl Isabelle. Während wir darüber nur philosophieren können, sitzt sie an der Quelle. Sie hört ständig, was unsere Generation beschäftigt. Sie stellt fest, „dass die Kommunikation übers Handy viele Unklarheiten schafft. Ich habe ganz oft Leute am Telefon, die während des Gesprächs mit einer Person schreiben und dann fragen: ‚Was soll ich jetzt schreiben?‚“ Aber die Studierenden schildern häufig auch eine gewisse Orientierungslosigkeit, Zukunftsängste und Stress. Kommt mir gar nicht mal so unbekannt vor.

 

Fremde ohne Namen, die nicht urteilen

 

Aber an eine Telefonseelsorge habe ich selbst noch nie gedacht. Wieso sollte ich dort anrufen? „Es so viel einfacher ist, Dinge einer fremden Person ohne Namen preiszugeben, weil der Gedanke, was die Person von einem denken könnte, wegfällt. Da ist jemand, der ist vorurteilsfrei und wertet nicht. Und man muss keine Angst haben, dass das Gesagte den Umgang miteinander beeinflussen könnte, weil gar kein Umgang besteht.“

Dabei werde ich stutzig. Ist es nicht verdammt schwer, nicht zu urteilen? „Ich erschrecke tatsächlich manchmal selbst, wenn ich merke, dass ich unterbewusst urteilen möchte. Es ist ein Prozess, zu lernen, erst einmal nur zuzuhören, ohne dass es etwas in mir auslösen muss. Ab und zu muss ich mich auch zurückhalten, zu sagen, das und das ist die Lösung, das ist doch ganz einfach.“ Aber den Anspruch, therapeutische Leistungen zu erbringen, hat keiner der ehrenamtlichen Telefonseelsorger. Genauso wie vorurteilsfrei zu sein gehört auch das zu den Grundprinzipien.

Das ist auch der Vorteil einer Telefonseelsorge, die von Studierenden betrieben wird: „Bei uns sind Anrufer und Zuhörer auf einer Augenhöhe. Die Menschen in der Leitung können davon ausgehen, dass wir ihre Situation kennen und verstehen. Wir sind eben keine ausgebildeten Psychologen, die mit ihrem Wissen über ihren Patienten stehen. So ist die Hemmschwelle niedriger.“ Der Schritt zum Psychologen ist dann doch ein größerer – am Telefon kann man auch einfach wieder auflegen. Generell bietet die Hotline akute Hilfe, die jeder nutzen kann, der abends mit Sorgen im Bett liegt, aber weder mit Freunden reden, noch extra zu einer Beratungsstelle gehen möchte.

 

Wichtig ist, auf die eigenen Grenzen zu achten

 

Bei den Telefonaten wird der eine im besten Fall ein paar Sorgen los, aber was macht der andere damit? Den Ballast, den der eine abwirft, fängt der andere auf und dann? „Für uns selbst ist ganz wichtig, dass wir auf unsere eigenen Grenzen achten. Auch das lernen wir auf der Schulung. Wir müssen dem Anrufer sagen können, dass wir gerade nicht der richtige Ansprechpartner sind, wenn uns etwas zu weit geht. Und lernen, uns dann nicht schlecht zu fühlen.“ Während sie mir das erzählt, habe ich den Eindruck, dass sie sehr genau weiß, was sie tut und was nicht.

Und wenn es ihr trotzdem nicht leicht fällt, kann Isabelle nach den Gesprächen jederzeit mit ihren Kollegen sprechen, auch um erst gar nichts mit nach Hause zu nehmen. In Fällen, die länger im Kopf herumschwirren oder irgendwie doof verlaufen sind, hat sie die Möglichkeit, in der Gruppe um kollegiale Reflexion zu bitten.

Dank der Übungen in der Grundlagenschulung, den Aufbauschulungen und der regelmäßigen Supervision war Isabelle bisher nie in einer Situation, in der sie nicht mehr weiterhelfen konnte. Wenn sie Anrufe abbricht, dann etwa, weil Leute das Angebot missbrauchen. Oder Isabelle den Eindruck hat, dass aus anderen Gründen oder ständig angerufen und damit anderen die Möglichkeit genommen wird. Aufgrund der Anonymität darf sie mir leider keinerlei Beispiele nennen.

 

Wichtig ist die Wahrnehmung des Problems

 

„Ich habe super viel fürs Leben gelernt“, sagt sie freudestrahlend. „Zum Beispiel, wie wichtig Zuhören ist. Unter Freunden geht es immer um einen Austausch. Aber bei der Nightline sehe ich, dass auch Zuhören allein schon total viel bringen kann.“ Noch dazu habe sie direkt am Anfang festgestellt, dass die Wahrnehmung von Problemen von Mensch zu Mensch vollkommen unterschiedlich sein kann: „Der ausschlaggebende Punkt ist oft gar nicht das Problem, sondern die Wahrnehmung des Problems. Wenn jemand etwas als sehr schlimm wahrnimmt, dann ist es auch schlimm. Das wiederum nutze ich auch selbst im Alltag, indem ich mich frage, wie ich das jetzt gerade sehe und wie es auch anders betrachtet werden könnte.“

Jetzt weiß ich also, wer am anderen Ende der Leitung sitzt. Eine 24-jährige Frau, die in unserem Gespräch unheimlich ruhig und freundlich ist. So, wie sie das am Telefon eben auch sein muss. Ich kenne jetzt das Gesicht und ein Stück Persönlichkeit zu dieser Stimme und die Herausforderungen, denen sie sich stellt. Und erkenne: Während ihr die Studierenden mit ihren Sorgen das Ohr abkauen, bleibt sie als Studierende im gleichen Alter so hilfsbereit, professionell und selbstbestimmt, wie es die wenigsten ihrer Anrufer wären. Ihre eigenen Sorgen bleiben daheim. An den stillen, einsamen Abenden, die sie sicherlich wie jeder von uns kennt, wünsche ich ihr einen ebenso ruhigen und freundlichen Zuhörer. Denn den hat sie verdient.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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