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„Stellt euch vor, Kampfjets würden den Bundestag bombardieren“

Kerem Schamberger beschäftigt sich aktuell 24/7 mit dem Putschversuch. Wir wollten von ihm wissen, wie es den jungen Türken damit geht.

Von Juliane Becker und Philipp Pander

Wie viele von uns war auch Kerem Schamberger am Freitagabend dabei, das Wochenende mit Freunden einzuläuten, als die Push-Meldungen sein Smartphone vibrieren ließen. Putschversuch des Militärs in der Türkei. Seither bleibt Kerem, dem Sohn einer Bayerin und eines Türken, wenig Zeit für andere Themen. Der 30-Jährige setzt sich schon lange intensiv mit der türkischen Politik auseinander. Er ist politischer Aktivist. Jedes Jahr reist der Kreissprecher der DKP in München mehrfach zu seinen Verwandten und Freunden in die Türkei. Weil auch für uns die Lage in der Türkei nach wie vor brutal schwer einzuschätzen ist und wir uns vor allem fragten, wie die jungen Türken über die aktuelle Lage denken, luden wir Kerem Schamberger zum Interview in die Schreinerei ein.

Ein Gespräch über den aktuellen Alltag in der Türkei, verlässliche Nachrichten-Quellen und die Stimmung unter den jungen Leuten.

ZEITjUNG: Kerem, wie hast du von den Unruhen in der Türkei erfahren?

Kerem Schamberger: An dem betreffenden Abend war ich bei Freunden zum Abendessen eingeladen und habe ab und zu auf mein Handy geschaut – und auf einmal gab es auf Facebook eine Meldung über einen möglichen Putschversuch in der Türkei. Anfangs habe ich das noch nicht wirklich ernstgenommen – man weiß ja, wie das mit Social Media so ist – aber als es mehrere Leute aus meiner Freundesliste gepostet haben, habe ich mich durch ein paar Newsseiten gelesen. Die ersten Infos sagten nur, dass überall Militär stationiert wurde. Auf den Brücken in Istanbul, auf dem Taksim-Platz. Dadurch war sofort klar: Irgendetwas ist passiert. Zuerst dachte ich, es gab einen Terrorangriff; nur einen Tage zuvor ist ja das Attentat in Nizza passiert.

Als klar wurde, dass gerade ein Militärputsch stattfindet – wie hast du dich da gefühlt?

Meine erste Assoziation war: Vom Militär kann nie etwas Gutes ausgehen. Einer meiner Onkel ist nach dem letzten Militärputsch 1980 für sechs Jahre inhaftiert und gefoltert worden. Wenn du Demokrat oder Linker bist oder in irgendeiner Art fortschrittlich denkst, weißt du, dass man vom Militär nichts Positives erwarten kann. Das heißt natürlich nicht, dass ich die AKP-Regierung verteidige. Im Gegenteil. In diesem Fall war das sprichwörtlich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die ersten, die bei Militärputschen gelitten haben, waren schon immer Demokraten und Linke und nicht diejenigen, gegen die sich der Putsch eigentlich richtete.

Kerem Schamberger (l.) im Gespräch mit Philipp Pander im Innenhof der ZEITjUNG-„Schreinerei“.

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