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Wer seinen Körper mag, ist nicht arrogant – sondern gesund

Auch ohne tatsächliches Gewichtsproblem ist mehr als jede zweite Frau unzufrieden mit ihrem Körper. Unsere Autorin sagt: Hört auf damit!

Ein Griff an die Bauchdecke: Zimtsterne neben Vanillekipferln, ein Morast aus süffigem Glühwein und klebriger Feuerzangenbowle. Es ist der Gedanke, dass sich sämtliche Schlemmereien der letzten Weihnachtsfeiern und – wem will man eigentlich etwas vormachen – die tägliche Schokosünde, der Zur-Feier-des-Tages-Crêpe und unschuldige Grünohrhasen zu einer diffusen Masse formiert haben. Greift man sich an die Plautze, hält man all das zwischen seinen Fingern. Zentimeterdicke kulinarische Erinnerungen, das fleischgewordene Bereuen. Was man selbst übertrieben schrecklich findet, lässt das Gegenüber meist nur ungläubig den Kopf schütteln.

 

Nicht einmal jede zweite Frau ist zufrieden mit ihrem Körper

 

Es ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die man als Frau mit mindestens jeder zweiten teilt, wie jetzt in einer aktuellen Studie untersucht wurde. Während immerhin noch 53 Prozent der Männer gut und zufrieden mit ihrem Körper leben können, sind es nur 41 Prozent aller Frauen. Dabei sind Hüftgold und Waschbärbauch wohl die häufigsten Problemfelder. Schaut man sich allerdings im Vergleich dazu Zahlen des Statistischen Bundesamt zum BMI an, so muss man feststellen, dass gute 70 Prozent in unserer Altersgruppe, also Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, völlig normalgewichtig sind.

Natürlich sagt der BMI nichts über die Attraktivität einer Person aus, doch trotzdem wirft er Fragen auf: Wenn wir uns rechnerisch gesehen keine Sorgen machen müssten, wie kann es dann sein, dass wir uns dauernd beklagen? Wie kann es sein, dass der Griff an die Bauchdecke, der kritische Blick in den Spiegel, der Kauf von Q10-Cremes und Anti-Cellulite-Lotion normal sind? Warum sind wir nicht zufrieden mit Normalgewicht?

 

Normal is an illusion

 

Vielleicht ist es das Streben nach mehr, die ständige Suche nach dem Besonderen, dass „normal“ uns nicht gut genug scheint? Unser Job muss Berufung sein und nicht nur Mittel zum Zweck. Wenn schon Kinder, dann absolute Überflieger mit skurrilen Namen. Bedruckte Tassen sind kitschig, Events liegen zu weit in der Zukunft, Schmuck ist unoriginell – Weihnachtsgeschenke müssen einfach Herzenswünsche erfüllen. Und unser Körper muss schöner sein als jedes retuschierte Filmplakat. Normal reicht uns nicht mehr, normal ist eine Illusion, die uns beunruhigt.

Immerhin, so könnte man jetzt sagen, sind wir laut besagter Studie selten bereit, unseren Körper für vermeintliche Perfektion unters Messer legen. Nur 1/3 der Befragten zieht eine Fettabsaugung in Erwägung. Man könnte jetzt loben, dass wir zumindest nicht den schnellen Weg gehen, äußere Veränderung nicht mit innerlichem Selbstwert verwechseln. Auf der anderen, polemischen Seite – wenn wir wirklich so unglücklich sind, warum ziehen wir diese Option nicht auch ernsthaft in Betracht?

 

Jammern gehört zum guten Ton.

 

Vielleicht gehört Jammern auch einfach zum guten Ton, ist der Small Talk der Generation Y. Anstatt über das Wetter ziehen wir am liebsten über den eigenen Genuss, die vermeintliche Maßlosigkeit her. Alte Menschen sagen: Es ist eben zu kalt. Oder zu warm. Und sowieso regnet es die ganze Zeit. Und wir? Wir sind zu dick, zu groß, unser Hintern ist zu klein, unser Bauch zu dick. Vielleicht aber ist dieses Jammern immer noch besser als Selbstlob. Wir leben in einer Welt in der Zufriedenheit eben als Arroganz missverstanden werden könnte.

 

Ausnahmsweise…

 

Sicherlich, uns umgibt ein besonderer Zeitgeist. Dazu gehören Konsum und Werbung, die Jagd nach dem Besonderen, die Verheißung, dass wir alles schaffen können, wenn wir nur hart genug arbeiten oder verzichten. Aber muss Zufriedenheit wirklich an Anforderungen gekoppelt sein oder dürfen wir nicht, einfach so und ausnahmsweise, glücklich mit uns sein? Ganz davon abgesehen: wenn unser Selbstempfinden so weit von der Realität entfernt ist, dann ist es vielleicht auch eine Frage der Einstellung und Selbstaffirmation. Wäre es nicht – um mal aus Masse herauszustechen – nicht auch schön, in die Bauchdecke zu kneifen und sich gerne daran zu erinnern, dass wir alle unsere ganz eigenen, individuellen Guilty Pleasures haben, wie menschlich sind? Dass wir uns jeden Zimtstern gönnen und leisten dürfen?

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