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Fürs Erste Krebs: Episode #13

Mitte 20, mitten im Leben – und dann die Diagnose Krebs. Sebastian Schramm erzählt in seiner Kolumne von Erlebnissen, Gedanken und Anekdoten über seine Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

Nur fünf Buchstaben. Sie reichen aus, um ein Leben für immer zu verändern. Was aber, wenn das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat? Sebastian Schramm ist 26 Jahre alt – und leidet an Krebs. Von nun an teilt er auf ZEITjUNG seine Gedanken, Erlebnisse und Anekdoten über die Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht. Teil 12 , 3, 4567 , 8 , 9 , 10 , 11 und 12 findet ihr hier.

Heute: Folge 13: Das Tief. Das Hoch. 

Noch bin ich alleine. Durch die Fenster fallen warme Strahlen. Sie nehmen den abgesessenen Bänken etwas von ihrer Kargheit. Früher habe ich das geliebt: einfach mal für mich sein. Nichts weiter als Ruhe. Durch Wälder spazieren oder bei einem Kaffee mit Musik auf den Ohren in Gedanken versinken. Niemand, der mich stören konnte. Niemand, der mich davon abhielt, das zu tun, worauf ich Lust hatte. Selbst wenn es am Ende nur der Erkenntnis diente, ohne die Mitmenschen hoffnungslos aufgeschmissen zu sein. Jetzt aber ist es anders. Es wird sich nie wieder ändern.

Zwei Männer mit schwarzen Anzügen betreten die Kapelle. Sie bringen Blumen, ganze Gestecke, an denen Kranzschleifen hängen. Die Aufschriften wühlen mich auf. Sie mustern mich und nicken mir zu. Es ist kein kurzes Nicken wie bei einer Begrüßung. Sie drücken ihr Kinn auf die Brust und halten es für eine Sekunde, fast so, als setzen sie an zu einem Diener. „Kann es losgehen?“, fragt der eine. Sofort, antwortet der Kollege, es fehle nur noch die Musik. Stille. Nach ein paar Sekunden setzt die Melodie ein. Ludovico Einaudi, das Stück Una Mattina, der Morgen. Unangenehmes, das hatte mir meine Mutter immer gesagt, müsse man gleich zu Beginn des Tages hinter sich bringen.

 

Meine Freunde, meine Familie

 

Jan und Suse sind die ersten. Wie damals in Schwerin, als ich die Diagnose erhielt. Jan hält einen weißen Umschlag in der rechten Hand, ich erkenne die Schrift von Suse, die geschwungenen und eng aneinander liegenden Buchstaben: „Für Schrammi.“ Sie legt den Brief zu mir. Tränen laufen über ihre Wangen. Jan zieht sie zu sich heran, sein Gesicht ohne Regung und leer. Dahinter sind meine Jungs. Ihre Köpfe zeigen in Richtung Boden. So ruhig waren sie noch nie. Einen Brief haben sie nicht, dafür ein rotes Trikot, auf der Vorderseite prangt groß die 41: die Nummer von Dirk Nowitzki, die Anzahl der Tage, die ich beim ersten Kampf stationär in Behandlung war. Über das Trikot verteilt stehen ihre Unterschriften. Marc und Paul treten einen Schritt vor und legen es auf mich.

Und dann steht meine Familie vor mir. In der Mitte Mama und Papa, sie können nicht mehr aufhören zu weinen. Wie gerne würde ich ihnen helfen. Wie gerne würde ich ihnen sagen, dass ich befreit bin. Dass sie sich keine Sorgen mehr machen müssen. Und dass es sich lohnt, weiterzumachen. Aber jetzt sind sie alleine. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem Vater, noch weit vor dem Krebs. Er sagte zu mir: „Basti, wenn Du vor mir gehst: Ich wüsste nicht mehr, was ich dann machen sollte.“

 

Der letzte Wunsch

 

Das Lied ist zu Ende. Ich höre Schluchzen, das bis eben von der Musik überdeckt wurde. Am liebsten nähme ich jeden Einzelnen in den Arm. Um mich zu bedanken für die Unterstützung in der schweren Zeit. Bis zum Schluss waren sie an meiner Seite. Sie gaben mir Kraft. Meine Begleiter auf einer Reise, dessen Ende wir schon länger kannten. Aber auf die Wucht des Abschieds, dieser Unwiderruflichkeit der Dinge: Niemand ist darauf vorbereitet. Selbst wenn die Wahrheit schon lange eine andere war. Hoffnung funktioniert immer.

Nach einem kurzen Moment der Stille tritt Suse vor und stellt sich ans Pult. Sie trägt eine burgunderfarbene Schirmmütze mit der Aufschrift “Rostock”, die ich ihr während des ersten Krebs‘ zum Geburtstag geschenkt hatte. Wie schön das damals war: Wenn wir zusammen unterwegs waren, ich noch ohne Haare, fühlte ich mich nicht länger wie ein Sonderling. Wir waren ein Team. Ich eine Mütze, sie eine Mütze. Auf einmal war es das normalste der Welt.

Suse zieht einen Zettel aus ihrer Tasche. Als sie anfängt zu sprechen, schaut sie mich an. “Basti, du weißt nicht, wie viel Überwindung mich das alles kostet. Aber es war dein Wunsch, dass ich auf deiner Beerdigung spreche.”

 

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