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Kuscheln ohne Verpflichtungen: Über das Phänomen der Kuschelpartys

Kuscheln entspannt uns und macht uns glücklich. Was es mit den sogenannten Kuschelparties auf sich hat.

Körperkontakt ist ein menschliches Bedürfnis, das wichtig für unsere seelische sowie körperliche Gesundheit ist. Nachdem wir mal so richtig mit jemandem gekuschelt haben, fühlen wir uns meist erholter, weniger gestresst und schlichtweg entspannt. Aber was tun, wenn wir gerade keinen potentiellen Kuschelpartner haben und uns körperliche Nähe aus welchen Gründen auch immer versagt bleibt, wir aber auch nicht darauf verzichten wollen?

Wie wäre es mit dem Besuch einer Kuschelparty? Was für viele erstmal verwirrend klingt und abenteuerliche Assoziationen in Form von Swinger-Treffen mit komischen Menschen hervorrauft, ist im Grunde eine ganz harmlose und friedliche Veranstaltung, bei der sich fremde Menschen über ein paar Stunden näher kommen und einfach miteinander kuscheln. Gerhard Schrabal ist als Moderator in der Kuschel-Akademie München tätig. Dort leitet er mehrstündige Kuschelpartys an und ist nicht nur auf Grund seiner langjährigen Erfahrung ein sogenannter „Kuschelmeister“ – schließlich hat er zu dem Thema Kuschelparties bereits das Buch „Kuschel dich glücklich! Die heilende Energie von Kuschelpartys“ geschrieben. ZEITjUNG hat mit ihm über körperliche Nähe, Grenzen beim Kuscheln und seine Arbeit als Kuscheltrainer gesprochen.

 

ZEITjUNG: Seit wann gibt es die Kuschel-Akademie und was war die Idee dahinter?
Gerhard Schrabal: Die Kuschel-Akademie gibt es seit 2006. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon eine Rauf-Akademie und da sollte es auch etwas zum Thema Kuscheln geben.

 

Wie lange dauert eine Kuschelparty und wie teuer ist sie?
Die Parties dauern in der Regel drei Stunden und kosten zwischen 25 und 30€. Für Studenten gibt es häufig Ermäßigungen.

 

Welche Menschen besuchen die Kuschelkurse?
Man kann sagen, dass es mehr ältere Menschen sind. Leute über 40 kommen eher als Leute unter 20. Es gibt aber auch Studenten, die dort hinkommen. Das Gros ist aber schon Ü40. Die Meisten sind Singles, allerdings nehmen auch Leute teil, die in Beziehungen sind und alleine oder mit ihrem Partner kommen. Einige besuchen diese Veranstaltungen zu zweit auch noch Jahre, nachdem sie sich dort kennengelernt haben. Das liegt daran, dass das Kuscheln in der Gruppe etwas ganz anderes ist als das Kuscheln zu zweit.

 

 

Kuschelparty Kuschelakademie Menschen gemeinsam

 

 

Einige Leute denken vielleicht, dass die Menschen, die die Kurse besuchen, einsam sind. Stimmt das?
Dass man zu sowas hingeht, zeigt eigentlich, dass man kein Problem hat, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Es ist nicht davon auszugehen, dass das einsame Menschen sind. Die würden sich da nicht hintrauen.

 

Wie läuft so eine Begegnung ab?
Man muss die Leute abholen, wo sie sind. Wir beginnen mit einem Aufwärmen. Mehr emotionales als körperliches Aufwärmen, damit die Leute langsam und vorsichtig darauf vorbereitet werden, mit anderen in Kontakt zu kommen. Das wird angeleitet und braucht meistens eine halbe bis ganze Stunde.

 

Welche Rolle nehmen die Moderatoren der Begegnungen ein?
Die Moderatoren haben drei Funktionen. Zu Beginn sorgen sie für eine Atmosphäre, die Leute einlädt, in Kontakt zu kommen und es Ihnen ermöglicht, sich einlassen zu können. Außerdem schaffen sie einen sicheren Rahmen, in dem Regeln eingehalten werden. Die schwierigste Aufgabe ist, die Leute am Ende wieder voneinander zu entkuscheln.

 

Wie ist die Atmosphäre?
Man spürt die Kuschelenergie. Das ist ein realer Effekt, der mit Gruppenatmosphäre zu tun hat. In der Gruppe bildet sich eine Kohärenz aus, die das Gefühl ermöglicht: Ich gehöre dazu, hier passiert mir nichts, hier bin ich sicher. Hier sind nette Menschen, auf die ich mich einlassen kann.

 

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Welche Arten von Veranstaltungen gibt es?
Die Kuschel-Akademie bietet mehr an als Kuschelparties. Wir ermöglichen Begegnungen auch in anderen Kontexten, bei denen es darauf ankommt, Menschen möglichst schnell in intensiven Kontakt bringen. Früher haben wir auch Begegnungswochenenden mit größeren Gruppen in einem Seminarzentrum veranstaltet. Dabei ging es darum, schnell Gemeinschaft herzustellen und einen intensiven Austausch unter den Leuten zu fördern.

 

Ergeben sich aus den Begegnungen Freundschaften oder Partnerschaften?
Das kommt vor, ist aber nicht das Ziel der Veranstaltungen. Natürlich kann sich mehr daraus ergeben, aber das kann ja auch beim Skatspielen oder beim Wandern der Fall sein.

 

Körperliche Nähe ist etwas Intimes. Haben die Teilnehmer manchmal Hemmungen, einem Fremden mit einmal so nahe zu sein?
Ja. Es gibt Menschen, die kommen und stellen fest, dass das doch nicht das ist, was sie sich hier vorgestellt haben. Es sind Wenige, aber es passiert. Sie merken „Das ist doch nichts meins“ und gehen wieder. Das ist völlig okay. Was ich nicht verstehen, sind die Leute, die noch nie da waren, aber trotzdem ganz genau wissen, dass sie es schrecklich finden würden.

 

Was für Grenzen gibt es bei dieser Party?
Gerhard Schrabal: Jeder Mensch hat individuelle Grenzen. Die müssen beachtet werden. Jeder darf und soll kommunizieren, wenn er etwas nicht möchte. Stop ist Stop, da wird nicht diskutiert. Es ist völlig okay, etwas nicht zu machen. Von Seiten der Veranstalter gibt es natürlich auch Grenzen: sexuelle Handlungen sind nicht zum Beispiel zulässig.

 

Wie reagieren andere Leute auf Sie, wenn Sie sagen, dass Sie Kuschelmeister sind?
Das ist unterschiedlich. Ich trage es nicht vor mir her und erzähle das nur in ausgewählten Situationen. Meistens sind das eher Andere, die das über mich erzählen oder dann zum Beispiel sagen: „Das ist der, der das Buch geschrieben hat“. Ich persönlich erwähne das eher selten und nur in Kontexten, in denen man das zuordnen kann. Sonst würde es auf Verwunderung stoßen.

 

Welchen Stellenwert hat körperliche Nähe für Sie persönlich?
Körperliche Nähe ist für mich wichtig. Ich bin ohne viel Körperkontakt aufgewachsen. Deswegen wusste ich auch nicht, was ich vermisse, bis ich gelernt habe, was eine Kuschelparty ist und dass es das ist, was ich immer gesucht habe.

 

Wie Sind die auf die Kuschelparties gestoßen?
Wir hatten zuerst die Rauf-Akademie gegründet und dann überlegt, was wir konkret machen sollen. Eine Kollegin berichtete dann erzählt, dass sie in einer Zeitschrift gelesen hatte, dass es so was wie Kuschelparties gibt. Da haben wir beschlossen, dann machen wir auch sowas. Ich wollte das anfangs überhaupt nicht, aber dann kam alles ganz anders.

 

Was raten Sie Menschen, die so eine Begegnung gerne mal ausprobieren würden, sich aber nicht trauen?
Es gibt durchaus Leute, die ein oder zwei Jahre die Idee hatten, da mal hinzugehen, bevor sie sich am Ende tatsächlich getraut haben und dann begeistert waren. Daher kann ich sagen: Die einzige Lösung besteht darin, den Schweinehund zu überwinden und wirklich hinzugehen. Es hilft möglicherweise, eine Freundin oder einen Kumpel mitzubringen. So oder so wird man nicht lange alleine bleiben.

 

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Bildquelle
Bild 1 und Bild 2: (c) privat Gerhard Schrabal
Titelbild: Unsplash unter CC0 Lizenz

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