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Manchmal ist Liebe wie ein beschissener Herointrip

Eine Therapeutin über die Abhängigkeit von einem anderen Menschen – die vielleicht das Sadistischste ist, was man sich selbst antun kann.

Von Maxine Jung

Die Gründe für die Inanspruchnahme einer therapeutischen Behandlung sind vielfältig. Meistens geht es um die Bekämpfung seelischer Unruhen, hervorgerufen durch Ängste oder Abhängigkeiten. Dass nicht ausschließlich stoffgebundene Substanzen Auslöser des Abhängigkeitssyndroms sein können, haben wir im Gespräch mit Therapeutin Andrea Bräu erfahren.

„Keine Macht den Drogen“ – diese Initiative der Bundesregierung aus den 1990er Jahren machte auf die Gefahren des Drogenkonsums reichweitenstark aufmerksam. Doch wie kann man sich einer Droge entziehen, die zum einen nicht illegal ist und zum anderen nicht durch einen Dealer, den man umgehen kann, vertrieben wird? Die Abhängigkeit von einem anderen Menschen ist vielleicht das Sadistischste, was man sich selbst antun kann. Unabhängig davon, in welcher Beziehung man zu dieser Person steht: Ob in Familien, Freundschaften, Affären oder eben der klassischen Paarbeziehungen – Junkies kann es in jeder Konstellation geben.

 

Nicht gut genug

 

Emma (Name durch die Redaktion geändert) hat nach ihrem Umzug in eine neue Stadt einen Mann kennengelernt, mit dem sie schon bald sehr innig befreundet ist. Da er eine Freundin hat, ist es eine unkomplizierte und sehr platonische Freundschaft mit geklärten Fronten. Bis er sich irgendwann überlegt, dass er sich mit Emma durchaus mehr vorstellen könnte – „mehr“ im Sinne von unverbindlichem Sex. Emma hat jedoch ihre Prinzipien und nachdem sie seine Freundin auch bereits kennengelernt hat, kommt für sie mehr als Freundschaft nicht in Frage. Dennoch ist sie neugierig und irgendwie geschmeichelt von seinem Interesse ihr gegenüber. Aus Angst, ihn als Freund zu verlieren, sollte sie sich zunehmend zurückziehen, geht sie hin und wieder auf seine Avancen ein und spielt sein Spiel mit. Die Trennung von seiner Freundin steht allerdings zu keinem Zeitpunkt zur Debatte.

Emma tut bald alles, um ihn davon zu überzeugen, dass sie vielleicht doch eine bessere Partnerin für ihn wäre: Sobald ein Treffen mit ihm bevorsteht, fährt sie ihre Nahrungsaufnahme herunter und erhöht gleichzeitig ihr Sportpensum, um für ihn besonders gut auszusehen. Zwischen den gemeinsamen Treffen vergeht immer mehr Zeit, da seine Freundin mittlerweile ihre Bedenken hinsichtlich des Miteinanders zwischen ihm und Emma geäußert hat. Diese Pausen nutzt Emma, um sich weiter für ihn zu perfektionieren, denkt dabei sogar darüber nach, welcher Job sie interessant und welche erfundenen Männergeschichten sie begehrenswert wirken lassen. Diese Männergeschichten müssten aber tatsächlich nicht einmal erfunden sein, denn schließlich ist Emma ein attraktives Singlemädchen mit einer ordentlichen Portion Ausstrahlung, und Bewerber gibt es tatsächlich genug. Aber Emma hat eine neue Benchmark! Ihn. Und kein anderer scheint annähernd so interessant und gut zu sein wie er. Irgendwann macht Emma ihre alltäglichen Entscheidungen davon abhängig, was ihrer Meinung nach am ehesten seinen Präferenzen entspricht.

 

Narzisst vs. Junkie

 

Emma richtet also ihr gesamtes Leben nach einem Mann aus, der für sie eigentlich unerreichbar ist. Laut Andrea Bräu ist hier oftmals mangelndes Selbstwertgefühl der Auslöser. „Allerdings“, so Frau Bräu, „trifft dies auf beide Partner zu. Jedoch agieren sie es anderweitig aus.“ Denn eine Person, die einen anderen Menschen dermaßen hinhält und in dieser Position des „Alles-recht-machen-wollens“ festhält, „kann ja auch nur extrem narzisstisch sein, wenn er sich dadurch aufgewertet fühlt und daran weidet. Ein reflektierter Mensch würde das doch erkennen und ggf. unterbinden.“

Man möchte Emma schütteln und sie fragen wie solch eine Naivität überhaupt möglich ist. Glaubt sie wirklich, dass bei dieser Vorgeschichte ein Happy End möglich ist? Allerdings ist Emma mittlerweile zum Junkie geworden – und wie jeder Junkie ist Emma kaum noch selbstbestimmt. Wie bei einem Magersuchtpatienten ist auch hier der Schritt des Eingestehens alleine nahezu unmöglich. „Man hat ja auch Spiegel (also Freunde)“, so Frau Bräu, „Solange man es leugnet, geht nichts. Das ist ja bei suchtgebundenen Dingen nicht anders: Der Pornosüchtige leugnet 10-20 Jahre, bevor er handelt. Ein Alkoholiker oft lebenslang. Für mich macht es keinen Unterschied.“

 

Streben nach (Un)Freiheit?

 

Emma hat ihr Problem erkannt, aber was kann sie jetzt noch tun? Ein erneuter Ortswechsel? Einfach den nächstbesten Typen von der Straße nehmen, in der Hoffnungen, über ihre Sucht hinweg zu kommen?

„Man kann hier nicht am Symptom arbeiten, sondern muss an die Ursache ran“ – also den Auslöser des fehlenden Selbstwerts – „und die sitzt in der Regel tief, sehr tief“ weiß Frau Bräu aus ihrem Therapie-Alltag zu berichten. „Genau diese Menschen geben häufig ihr Leben auf und sitzen nach 10 oder 20 Jahren bei mir und berichten, dass sie das Leben des Partners geführt haben. Das sind die schlimmsten Sitzungen für mich, die mich immer wieder sehr berühren, weil ich mir am Ende des Lebens nichts Schlimmeres vorstellen kann als diesen Satz! Und diese Menschen haben ja keine Wahl. Wahl bedeutet Freiheit, alles andere ist Abhängigkeit, Unfreiheit, Fremdbestimmtheit.“

Auch wenn man den Slogan „Keine Macht den Drogen“ noch so verinnerlicht hat, so ist man doch nicht vor der eigenen Anfälligkeit gefeilt. Drogen können jede noch so alltägliche Form annehmen. Die unausweichlichste ist aber vermutlich die auf zwei Beinen, die dir auch noch hinterherrennt.

Betroffene sollten hier ehrlich zu sich selbst sein und keine Scham haben sich Hilfe zu holen. Das Hängenbleiben an Menschen ist ebenso heilbar wie andere Abhängigkeiten auch. Und wie alle Therapien ist auch diese lang und unter Umständen schmerzvoll. Aber bei weitem nicht so schmerzvoll wie das Zurückblicken auf ein Leben, das man vollständig einer anderen Person geopfert hat.

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