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Ein Brief an meinen kleinen Bruder

Als Kinder unzertrennlich, dann in der Jugend zu cool für alles. Und jetzt, wo wir beide erwachsen sind?

Von Katharina Csulits

Als wir klein waren, waren wir immer die perfekten Spielkameraden. Du bist nur ein Jahr jünger als ich, deswegen hat es, als wir Kinder waren, perfekt gepasst. Weißt du noch, wie wir im ganzen Wohnzimmer immer ein riesiges Lager aus Decken und Stühlen gebaut haben? Aber wehe, wenn Mama hat es weggeräumt hatte, während wir in der Schule waren. Wir haben riesige Playmobil-Welten gebaut, du hattest einen Dschungel, ich ein Haus. Manchmal haben wir Winnetou nachgespielt – auch wenn das eigentlich immer der Papa wollte und nicht wir. Wenn das Wetter gut war, ging es ab nach draußen. Am liebsten haben wir uns auf der Straße ein Haus mit Kreide aufgemalt und so getan, als würden wir darin leben. Am Samstagabend haben wir uns dann zu Mama und Papa auf den Sofa gekuschelt und alle gemeinsam „ Wetten, dass …„ geschaut.

 

Doch Zeiten ändern sich…

 

Wir wurden älter, kamen in die Pubertät, fingen öfters an zu streiten. Du warst in der Phase, in der Computerspiele alles für dich waren. Damit konnte ich nichts anfangen. Für mich wurden langsam die Jungs interessant, dann kam der erste Freund und plötzlich warst du nicht mehr der einzige Junge in meinem Leben. Unsere Interessen veränderten sich. Gingen in verschiedenen Richtungen. Gemeinsames Spielen war da nicht mehr. Wir waren jetzt „cool“ und „jugendlich“. Ich fühlte mich immer ein Stück „älter“ und „erwachsener“ als du, schließlich bin ich mit meinem Leben immer genau 14 Monate voraus. So pubertierten wir wohl beide vor uns hin, verstanden uns mal besser, mal schlechter. Aber das ist wahrscheinlich normal in dem Alter.

 

Auch wenn wir uns nicht so fühlen – laut Paragraph 2 des Bundesgesetzbuches sind wir beide mittlerweile erwachsen.

 

Plötzlich finden wir uns gegenseitig wieder cool. Lachen zusammen, gehen zusammen weg, erzählen uns gegenseitig, was uns beschäftigt. Natürlich nerven wir uns auch manchmal, zum Beispiel, wenn du mir mein Essen weg isst. Aber wir wissen, wir können uns vertrauen und aufeinander zählen (okay, du kommst zwar eine Stunde zu spät, wenn du mich holen sollst – aber du holst mich).

Vor fünf Jahren noch, haben wir uns gegenseitig geärgert. „Hauptsache dem anderen eins rein gedrückt“ war unser Motto. Jetzt versuchen wir uns gegenseitig eine Freude zu machen. Als ich letztens nach Hause kam, lagen zwei aufblasbare Einhörner auf meinem Bett. Du hast sie mir gekauft, weil du wusstest „meine Schwester liebt Einhörner“. Danke dafür, ich liebe sie wirklich!

Die Zeit verging so schnell, du bist mittlerweile zwei Köpfe größer als ich, hast einen Bart, einen Job und ich denke mir nur so: Wo ist mein kleiner Bruder mit der „Justin Bieber“ Frisur, und wer ist dieser „Mann“, der behauptet mein Bruder zu sein?

Auch wenn ich etwas traurig auf die Zeit zurück schaue, in der wir jeden Tag nach dem Mittagessen zusammen gespielt haben, bin ich froh, dass wir nun älter sind. Und dass wir die Phase, in der wir uns nicht ganz so cool fanden, überwunden haben und unser einziger Diskussionspunkt dein gelber Hipster-Pullover ist.

Ich hab dich lieb!

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